Praxistest

Mystic, aber nicht umschwärmt Seat Ibiza - im Praxistest gegen die Machos

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Der Seat Ibiza ist eigentlich ein schnittiges Kerlchen, abe es gibt Farben, die sollte man einfach überdenken, denn übersehen kann man sie nicht.

(Foto: Holger Preiss)

Manchmal bestellt man ein Auto zum Praxistest und es wird einfach nur zur Wundertüte. So geschehen beim Seat Ibiza in der Farbe Mystic. Die fordert offensichtlich heraus, zwingt den Spanier aber auch, zu zeigen, was in ihm steckt.

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Wer mit dem kleinen Kraftpaket im Seat Ibiza nicht rechnet, der wird überrascht sein.

(Foto: Holger Preiss)

Als der Seat Ibiza mit dem potenten Dreizylinder, der immerhin aus 999 Kubikzentimetern Hubraum 115 PS schöpft, zum Praxistest für n-tv.de bestellt wurde, hieß es: "Oh, den gibt es nur in einer sehr ausgefallenen Farbe. Aber die Frauen werden total drauf stehen." Als der Flitzer dann vor die Redaktion rollte, dachte der Autor kurz, er müsse einen Weinkrampf bekommen. Mein Gott, wer denkt sich so eine Farbe aus? Eine Mischung aus Roségold und was auch immer. Na gut, tief durchgeatmet und mit dem Gedanken gespielt, dass die Frauen dieses Auto umschwärmen wie die Motten das Licht.

Die Machos herausgefordert

Die Wahrheit ist, dass der Wagen in den 14 Tagen, in denen er seine Wege im Rahmen der Testfahrten erledigte, die Blicke auf sich zog. Frenetisch gefeiert wurde er von den Frauen aber nicht. Tatsächlich hatte der Autor aber das Gefühl, dass die Farbe eindeutig mit dem weiblichen Geschlecht in Verbindung gebracht wurde. Jedenfalls schienen die Machos des Straßenverkehrs herausgefordert. So oft wie in diesem Auto blitzen die Lichthupen von BMW und Co. noch nie auf. Und das völlig unberechtigt, in den unsinnigsten Situationen.

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Die mit Abstands schnittigste Ansicht des Seat Ibiza - seine Silhouette.

(Foto: Holger Preiss)

Allerdings war das dann auch der Moment, wo der Ibiza mit der Lackierung, die sich Mystic nennt, zeigen konnte, was unter dem roséfarbenen Blechkleid steckt. Nein, eine Rennmaschine ist der kleine Spanier auf der MQB A0-Plattform aus dem VW-Konzern nicht. Aber wenn man ihn fordert, dann kann er schon mit Kavalierstart zum Sprint ansetzen. Zwingend sollte dann aber das Fahrprogramm, so man es für 120 Euro ins Fahrzeug gebucht hat, auf Sport gestellt werden, um die Gasannahme zu verschärfen und die Lenkung etwas zu straffen. Wer jetzt den Pin an der Kreuzung ins Blech stemmt, spürt unter wütendem Knurren des Dreienders, wie sich ab 2000 Kurbelwellenumdrehungen 200 Newtonmeter maximales Drehmoment auf die Vorderräder zwar etwas ruppig, aber konsequent übertragen und der mystische Ibiza in 9,5 Sekunden auf Landstraßentempo beschleunigt.

Das macht Laune, denn die Kraftverteilung übernimmt im Testwagen das bekannte 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe von VW. Das schnuffelt die Gänge ganz smooth durch die Gassen, arbeitet ohne spürbaren Verzug, so dass der Macho staunt, wenn der Ibiza am Ende mit 193 km/h über die Autobahn fliegt. Und auch das kann der kleine Spanier. Denn die Ingenieure haben ihm ein Fahrwerk verpasst, das straff abgestimmt, aber nicht unbequem ist. Erst bei deutlichen Querfugen nimmt es den Stoß deutlich spürbar für die Insassen auf. Auf allen anderen Wegen erfreut es mit wenig Bewegung. Hinzu kommt, dass diese Konfiguration im Zusammenspiel mit einer direkten Lenkung flottere Kurvenfahrten zulässt.

Kein Reiseauto

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Für die Passagiere gibt es hervorragende Sitze und ausreichend Platz im Seat Ibiza.

(Foto: Holger Preiss)

Natürlich ist das auch dem Radstand geschuldet. Mit 2,56 Metern misst der 5,0 Zentimeter mehr als der im Golf IV, der von 1997 bis 2003 gebaut wurde. Selbst in der Länge fehlen lediglich 9,1 Zentimeter zur Mittelklasse. So gesehen könnte man glauben, der Ibiza ist auch ein veritables Langstreckenauto. Tatsächlich sind die Sitzverhältnisse in der zweiten Reihe nicht schlecht. Wer normal gewachsen ist, schuffelt weder mit dem Knie am Vordersitz noch mit dem Haupthaar am Himmel. Im Gepäckabteil kann es mit darunterliegendem Notlaufrad und 262 Litern Stauraum schon eng werden. Sportrucksack, Umhänge- und Fototasche füllen den Raum fast aus. Natürlich kann die Rückbank asymmetrisch umgelegt werden, so dass am Ende eine plane Fläche entsteht, auf der 1072 Liter Stauraum befüllt werden können. Bauartbedingt lässt die sich aber eher in der Länge als in der Höhe mit Transportgut bestücken.

Werfen wir noch einen Blick auf den Spritverbrauch des Dreizylinders in seiner höchsten Ausbaustufe. Natürlich ist der wie immer von der Fahrweise abhängig. Wer die Machos häufiger in Verblüffung versetzt, der wird nicht unter 9,8 Liter über die 100 Kilometer kommen. Wer hingegen mit sanftem Fuß im Eco-Modus unterwegs ist, kann diese Strecke auch mit 6,8 Litern zurücklegen. Seat selbst hat auf dem Rollenprüfstand kombiniert 5,5 Liter ermittelt. Das scheint im realen Betrieb allerdings sehr optimistisch. Im n-tv.de Test liefen in dieser Disziplin 7,3 Liter Benzin durch die Schläuche. Fakt ist, dass der Bewegungsradius bei einem 40 Liter fassenden Tank bei etwa 450 Kilometern liegt, was absolut in Ordnung geht.

Blechrettende Helferlein an Bord

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Erstmals im Seat Ibiza das 8 Zoll große Display in der Mittelkonsole.

(Foto: Holger Preiss)

Als Kleinwagen erweist sich der Ibiza dann allerdings bei der Wahl der Materialien im Innneraum. Hier ist doch arg viel Hartplastik verbaut. Die ist zwar optisch gut kaschiert, wird aber beim Griff an Türverkleidungen und Armatur deutlich. Was den Wagen dann aber aus der Kategorie Kleinwagen heraushebt, sind die sportlich straffen Sitze mit großzügiger Oberschenkelauflage und die technischen Beigaben, die das Reisen angenehm und vor allem sicherer machen. An erster Stelle ist hier der City-Notbremsassistent zu nennen, der wirklich seinem Namen entsprechend den Wagen in einer brenzligen Situation mit ganzer Kraft zum Stehen bringt. Der Autor war einen Augenblick unaufmerksam und das System verhinderte einen bösen Blechschaden. Das machen die Bremsen natürlich auch, wenn der Pilot seinen Fuß in die Eisen stemmt. Allerdings ist festzustellen, dass man sich gerade im Stadtverkehr eine etwas bessere Dosierbarkeit der Stopper wünschen würde.

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Der Kofferraum des Seat Ibiza ist nichts für die große Reise.

(Foto: Holger Preiss)

Erwähnenswert sind auch die Parksensoren vorne und hinten. Besser aber noch ist die Rückfahrkamera, die ihr messerscharfes Bild auf den 8 Zoll großen Monitor in der Mittelkonsole überträgt. Es ist übrigens das erste Mal, dass es im Ibiza einen Bildschirm in dieser Größenordnung gibt. Natürlich gibt es auch eine Müdigkeitserkennung und einen Stauassistenten, der seine Arbeit im Zusammenspiel mit dem Abstands-Tempomaten verrichtet. Warum es den nur im Zusammenspiel mit einer Diebstahlwarnanlage für zusätzlich 270 Euro gibt erschließt sich allerdings nicht. Schade auch, dass es keinen Spurhalteassistenten gibt. Das würde das Angebot an kleinen Helferlein wirklich rund machen. Natürlich bietet auch der Ibiza die Smartphone-Spiegelung für Apple und Google an. Wer will, bekommt neben zwei USB-Anschlüssen auch noch eine induktive Ladeschale.

Alles Dinge, die den Ibiza aufwerten und ihn, wie schon gesagt, in eine andere Klasse heben. In einer anderen Klasse bewegt sich dann aber auch der Preis. Der Testwagen in der höchsten Ausstattungslinie Xcellence kostet mit allen genannten Features 27.515.Euro. Allein 525 Euro gehen allerdings für die Farbe Mystic drauf. Ein Schnäppchen ist der Seat Ibiza im vollen Ornat also ganz bestimmt nicht mehr.

Fazit: Der Seat Ibiza ist wie viele seiner Kollegen dem einst festgelegten Segment der Kleinwagen entwachsen. Das gilt nicht nur für die schiere Größe, sondern auch für die Beigaben, die man jetzt in den Spanier buchen kann. Allerdings hat das auch seinen Preis. Auch der ist nicht mehr der eines Kleinwagens im herkömmlichen Sinne.

DATENBLATTSeat Ibiza 1.0 TSI (115 PS) 7-Gang-DSG
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,05 / 1,78 / 1,44m
Radstand2,56 m
Leergewicht (DIN)1172 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen262 / 1072 Liter
MotorDreizylinder Benziner mit 999 ccm Hubraum
Getriebe7-Gang-Automatik
Systemleistung Verbrennungs- und E-Motor115 PS ( 85 kW) ab 5000 U/min
KraftstoffartBenzin
AntriebFrontantrieb
Höchstgeschwindigkeit193 km/h
Tankvolumen40 Liter
max. Drehmoment (Systemleistung)200 Nm ab 2000 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h9,5 Sekunden
Normverbrauch (kombiniert)5,5 Liter (WLTP)
Testverbrauch (kombiniert)7,3 Liter
CO2-Emission kombiniert192 - 201  g/km /Euro 6 (WLTP)
Grundpreis21.875 Euro
Preis des Testwagens27.515 Euro

Quelle: n-tv.de