Praxistest

Er hat sich was bewahrt VW Golf 8 eTSI - ist er noch Maßstab?

DSC_1321.jpg

Der Golf 8 reiht sich auch optisch in die Tradition seiner Vorgänger ein. Ob er letztlich gewonnen hat, liegt im Auge des Betrachters.

(Foto: Holger Preiss)

Mit dem ID3. will VW den Golf der Zukunft an den Start bringen. Doch noch hapert es an der Software und auch mit dem einstigen Klassenprimus Golf 8 liegt noch einiges im Argen. Dabei hat sich der vielleicht Letzte seiner Art einiges von dem bewahrt, was ihn seit Jahrzehnten auszeichnet.

Momentan läuft bei VW scheinbar alles schief. Der Marken-Chef Herbert Diess wird entthront, der ID.3 kommt mit Softwarefehlern zu den Kunden und auch der Golf 8 leidet wohl darunter, dass er over engineered ist. Aber stimmt das? Ist der neue Golf nicht mehr was er war? Büßt er jetzt seinen Stand als Klassenprimus ein? Fragen die auch ntv.de bewegten und dazu führten, dass wir den vielleicht letzten seiner Art zum Praxistest gebeten haben. In Mondsteingrau fuhr der Wolfsburger als eTSI in der zweithöchsten Ausstattungslinie Style vor.

DSC_1301.jpg

Von hinten sieht der Golf 8 ein wenig aus, wie ein Kombi.

(Foto: Holger Preiss)

Und das Kürzel hat es in sich. Handelt es sich doch um einen Mild-Hybridantrieb, bei dem der neue 1,5-Liter-Vierzylinder mit 150 PS an ein 48-Volt-System in Form eines Startergenerators und einer Lithium-Ionen-Batterie gekoppelt ist. Zugegeben, diese Kombination kennt der interessierte Autofreund auch schon von anderen Herstellern. Allerdings ist es tatsächlich so, dass, wenn das Zusammenspiel der Komponenten über die unterschiedlichen Fahrzeuge hinweg verglichen wird, der Golf ganz weit vorne spielt.

Sparsamer Mild-Hybridantrieb

Denn wie bei anderen Fahrzeugen dieser Gattung fungiert der Riemen-Startergenerator auch beim eTSI mit 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe, als ein leichter Elektromotor, der beim Anfahren das Antriebsdrehmoment von maximal 250 Newtonmeter erhöht. Und dabei soll es hier gar nicht um den sportlichen Kavalierstart an der Ampel gehen, der sich zweifelsohne problemlos vollziehen lässt, sondern um die signifikante Spritersparnis. Die auch damit zu tun hat, dass beim sogenannten Segeln, bei komplett abgeschalteten Verbrenner, signifikant Kraftstoff gespart werden kann. Um das kurz mit Zahlen zu belegen. Wer im Fahrmodus "Eco" mit leichtem Fuß unterwegs ist, die vorausschauenden Empfehlungen für die kommenden Geschwindigkeiten nutzt und das System arbeiten lässt, ist im Drittelmix mit 5,5 Litern unterwegs.

DSC_1375.jpg

Hinter er Klappe des Golf 8 verbergen sich nur 381 Liter Stauraum. Ist die Bank umgelegt, sind es 1237 Liter.

(Foto: Holger Preiss)

Aber selbst bei flotten Langstrecken, mit exzessiven Tempofahrten – und der eTSI läuft laut Datenblatt in der Spitze 224 km/h, im Test ging die digitale Tachonadel bis an die 240 – verbrauchte der Golf im Schnitt nicht mehr als 7,9 Liter. Was ein wirklich beachtlicher Wert ist. Im reinen Stadtverkehr mit leidigem Stop- and-Go sind es dann schon mal über 8,0 Liter. Allerdings sind das die durch den Bordcomputer berechneten Werte, die vorausschauend, fußend auf den aktuell gemessenen Werten berechnet werden. Der ntv.de-Test ergab am Ende über eine Distanz von knapp 2000 Kilometern einen Durchschnittswert von 6,9 Litern. Was für den Realbetrieb eines 1,4 Tonnen schweren Autos ein sehr guter Wert ist. Die Mild-Hybrid-Technologie wird übrigens in Zukunft auch noch auf die Modelle mit 110 PS und 130 PS ausgeweitet.

Ein Fahrwerk, programmiert für alle Fälle

Aber der Golf kann noch mit anderen Tugenden punkten, die sich über die Jahrzehnte seiner Generationen immer weiter verfeinert haben. Die Rede ist vom Fahrwerk. VW hat in der achten Generation einen "Fahrdynamik-Manager" programmiert, der nicht nur den Antriebsschlupf und die Entlastung des kurveninneren Vorderrades bei schnellen Kurvenfahrten ansteuert, sondern auch die Querdynamikanteile der geregelten Dämpfer. Das erstgenannte findet sich im VW-Sprech als XDS wieder, das zweite ist das optionale DCC, also die Möglichkeit zur Wahl der Fahrmodi. Das wichtigste ist aber, dass der Fahrdynamik-Manager dafür sorgt, dass es keine Überlagerungen oder gar Neutralisierungen des XDS und DCC gibt.

Innenraum.jpg

Die Unterbringung im Golf 8 ist in keinster Weise zu beklagen.

(Foto: Holger Preiss)

Für den Fahrer heißt das einfach nur, dass noch kein Golf so präzise, stabil und willig den Lenkbefehlen gefolgt ist wie Nummer Acht. Allerdings hatte der Testwagen die Standardlenkung mit linearer Übersetzung, sondern die optionale Progressivlenkung. In Summe ist der Grenzbereich hier so weit zurückgelegt, dass selbst im Test die Fahrt dorthin fast unmöglich war. Hinzu kommt ein für diese Klasse einzigartziges Ausfedern von den Gemeinheiten der Straße. Das spiegelt sich auch bei Roll und Windgeräuschen wider. Von denen dringt selbst bei Kopfsteinpflaster, sehr körnigem Autobahnasphalt und schneller Fahrt nichts in den Innenraum. Und das selbst bei den wuchtigen 17-Zoll-Rädern des Testwagens. Zum weiteren Wohlfühlprogramm tragen dann auch noch die Sitze bei, die was die Ergonomie betrifft, im Zusammenspiel mit dem Serienmäßigen digitalen Cockpit und dem Infotainmentsystem, dass dem Fahrer leicht zugeneigt ist und einem optionalen Head-up-Display, wie ein Maßanzug passen.

Hier fehlt Licht

Doch bei allem Lob für ein in Summe mehr als gelungenen Kompaktwagen, gibt es die eine oder andere Naht an diesem Anzug, die unangenehm drücken kann. Dazu gehört zum Beispiel, dass der Sleider unterhalb des 10-Zoll-Infotainmentsystems zur Regelung der Temperatur und der Lautstärke, bei Nacht nicht beleuchtet ist. Auch die darunter angeordneten Luftdüsen – die es so auch im Octavia, Kamiq, Seat Leon, etc. gibt – machen wenig Sinn, weil sie eher Unterarm und Achsel kühlen, aber nicht, wie gewohnt, den Kopf. Schade ist auch, dass es nur einen Becherhalter in der Mittelkonsole gibt. Aber das sind alles Kleinigkeiten, die am insgesamt schlüssigen Bild des Golf nicht mal kratzen können.

DSC_1390.jpg

Umstellen muss man sich etwas bei der Bedienung im Golf 8. Die tasten für Licht, Parkassistent etc. reagieren jetzt auf Berührung.

(Foto: Holger Preiss)

Auch das Infotainmetsystem soll noch eine lobende Erwähnung erfahren. Vom Aufbau ist es in seiner Kacheloptik intuitiv, lässt sich individuell an die Bedürfnisse des Nutzers anpassen und erfreut mit einer ansprechenden Optik. Wer will, kann sein Smartphone via Bluetooth koppeln und per Android Auto oder Apple Carplay ein Spiegelbild darauf erzeugen. Das wiederum entbindet vom teuren Kauf eines mindestens 1195 Euro teuren Navigationssystems, denn das hat inzwischen jeder mit Google Maps oder Apple Karten auf diesem Weg parat. Zumal die Verkehrsinformationen in Echtzeit verhalten oder gar nicht geliefert wurden. Geliefert werden dem Käufer eines Golf 8 auf Wunsch aber eine Fülle von Assistenzsystemen, die im Testwagen natürlich verbaut waren und ihre Arbeit im Großen und Ganzen recht gut verrichteten.

Augen auf beim "Travel Assist"

Dennoch gab es die eine oder andere Verwerfung. Wer zum Beispiel den "Travel Assist" für 1050 Euro zusätzlich geordert hat, kann sich nicht zu 100 Prozent darauf verlassen, dass der Kollege beim teilautonomen Fahren die vorgegebenen Geschwindigkeiten in allen Fällen erkennt. Mehrfach ignorierte das System die vorgegebenen 60 km/h in einer Baustelle und nahm die zuletzt eingestellte Höchstgeschwindigkeit, um bis dahin vehement zu beschleunigen. Das passiert natürlich nur, wenn kein Fahrzeug davor auftaucht. In diesem Fall passt sich der Golf dessen Geschwindigkeit an. Dennoch sollte man in diesem Moment aufmerksam sein. Es steht aber zu vermuten, dass es sich hier um ein Software-Problem handelt, dass mit dem nächsten Update, das eigentlich aus der Luft kommen sollte, behoben ist. Nichts zu kritteln gibt es am Park Assist für 795 Euro, der eine wirklich exzellenten Job machte.

DSC_1347.jpg

Betrachtet man den Preis des Golf 8, muss man feststellen, dass auch der stabil geblieben ist.

(Foto: Holger Preiss)

Bleibt wie immer die Frage, was es für einen Golf eTSI in der Ausstattung Style zu bezahlen gilt. Es sind 32.480 Euro. Aber wie immer ist hier nicht Schluss. Wer alle hier beschriebenen Zutaten haben möchte, zahlt 39.045 Euro. Was unter dem Strich nicht zu viel für den Wagen ist.

DATENBLATTGolf 8 eTSI
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,40/1,79/ 1,48 m
Radstand2,62 m
Leergewicht (DIN)1380 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen381 / 1237 Liter
MotorVierzylinder-Beziner mit 1498 ccm Hubraum
Getriebe7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe
Systemleistung110 kW / 150 PS
KraftstoffartBenzin
AntriebFrontantrieb
Höchstgeschwindigkeit224 km/h
Tankvolumen50 Liter
max. Drehmoment250 Nm / bei 1500 - 3500 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h8,5 4Sekunden
Normverbrauch (außerorts/innerorts/kombiniert)4,8 - 4,6 l
Testverbrauch6,9 l
CO2-Emission111 - 106
Grundpreis32.480 Euro
Preis des Testwagens39.045 Euro

Fazit: Es ist fast wie immer: Mit einem Golf kann man kaum etwas verkehrt machen. Fahrtechnisch, motorseitig und auch was die Alltagstauglichkeit betrifft, ist der Wolfsburger eine Marke für sich. Wenn jetzt noch die Software-Probleme gelöst werden, ist der Golf, wenn wie gesagt vielleicht auch als letzter seiner Art, Benchmark.

Quelle: ntv.de