Praxistest

Das Menü hat seinen Preis Volvo XC60 - Würze für den Schwedenhappen

60-9.jpg

Noch steiler als zuvor steht der Kühlergrill im Wind, die Haube liegt fast waagerecht darüber.

(Foto: Axel F. Busse)

Es ist nicht ohne Risiko, einem Bestseller eine neue Version folgen zu lassen. Der Volvo XC 60 ist mit Abstand der Deutschen liebstes Modell der Marke. Im n-tv.de Praxistest zeigt der Schwedenhappen, warum ihn viele so lecker finden.

60-6.jpg

Zu erkennen ist der neue XC 60 vor allem an den ausladenden Rückleuchten.

(Foto: Axel F. Busse)

Fast jeder dritte 2018 in Deutschland neu zugelassene Volvo war ein XC 60. Keines der anderen von der Marke hierzulande angebotene Modell erreicht auch nur halb so viele Verkäufe wie das mittelgroße SUV. Ein Renner also, auch wenn der schwedische Hersteller gemeinsam mit anderen Anbietern unverschuldet unter der Diesel-Krise leidet. Obwohl von Berichten über manipulierte Selbstzünder-Aggregate vollkommen unbehelligt, konnte sich Volvo der Sogwirkung des Skandalstrudels nicht entziehen. Aus ehemals nahe 90 Prozent Dieselanteil durch alle Baureihen sind mittlerweile etwa 66 Prozent geworden.

Beim XC 60 schwören immerhin noch drei Viertel der Kunden auf den Selbstzünder. Folgerichtig kam bei diesem Test der mit dem Kürzel "D3" bezifferte Zweiliter-Diesel zum Einsatz, der mittels eines Monoturbos und variabler Turbinengeometrie 150 PS zubereiten kann. Zweifelhaft ist, ob dieser Motor noch eine Nachfolgegeneration bekommt, hat doch Firmenchef Hakan Samuelsson bereits den Ausstieg Volvos aus der Dieseltechnologie verkündet. Inzwischen ist auch ein Plug-In-Hybrid des XC 60 verfügbar, dessen Technik im Wesentlichen der des großen Bruders XC90 Twin Engine entspricht.

Entgegen der bei anderen Marken üblichen Praxis bietet Volvo seine Diesel günstiger als die entsprechenden Benziner an, die 150-PS-Einstiegsmotorisierung ist mit einem Frontantrieb gekoppelt. Der Charakter eines "Basismodells" wurde beim Testwagen dadurch untermauert, dass die Kraftübertragung von einem manuellen Sechsganggetriebe geleistet wird. Bei den meisten anderen Varianten kommt eine Achtgang-Automatik von Aisin zum Einsatz.

Markante Licht-Architektur

60-2.jpg

Der Einstiegsdiesel ist ein Vierzylinder und leistet 150 PS bei 350 Newtonmeter Drehmoment.

(Foto: Axel F. Busse)

Mit 4,69 Metern ist der Volvo drei Zentimeter länger als ein Audi Q5, aber vier Zentimeter kürzer als ein Jaguar F-Pace. Die Bodenfreiheit von 216 Millimetern lässt sollte ihm eine gewisse Geländetauglichkeit verleihen, allerdings ist die dann den Schwestermodellen mit Allradantrieb vorbehalten. Was die Optik des neuen XC60 vom Vorgänger unterscheidet, sind die flachere und fast waagerecht stehende Motorhaube, die nicht mehr so deutlich ansteigende Fensterlinie und die markantere Grafik des Tagfahrlichts, die unter Volvo-Liebhabern als "Thors Hammer" bekannt ist. Die Heckleuchten sind noch ausladender als bisher konstruiert, die Abdeckgläser dieser Lichtquellen erreichen bis zu 70 Zentimeter in der Höhe und Breite. Für einen wuchtigen Auftritt hat Volvo vorgesorgt: Statt der 18 Zoll großen Serienfelgen sind Räder bis 21 Zoll Durchmesser bestellbar. Wer das "R-Design" des Testwagens bestellt, bekommt 19-Zöller.

Im Innenraum herrscht eine aufgeräumte, von der kühlen Sachlichkeit nordischen Charmes geprägte Atmosphäre. Die Sitze sind vom XC90 übernommen, sind bequem und vielseitig elektrisch verstellbar, aber nicht so seitenstabil, wie es die dicken Wangenwülste versprechen. Die starke Neigung der Frontscheibe kann dazu führen, dass sich unter bestimmtem Lichteinfall selbst dunkle Armaturenabdeckungen im Glas störend spiegeln. Auf der hochkant sitzenden Kontroll-Touchscreen für Navigations-, Kommunikations- und Entertainment-Systeme sind einzelne Tasten zur besseren Bedienbarkeit vergrößert worden. Das entbindet Volvo-Neulinge aber nicht von der Aufgabe, sich die waage- und senkrecht gestaffelten Funktionen durch Ausprobieren anzueignen, denn nicht immer sitzt das Gesuchte dort, wo man es zu finden meint.

Der Begriff "Schwedenstahl" gilt vielen Menschen nicht nur als Synonym für Robustheit und Beständigkeit, sondern auch für überdurchschnittliches Gewicht. Der Volvo-Testwagen war zwar reichhaltig ausgestattet, die bei ähnlichen Prüfungen häufig feststellbare Überschreitung der Leergewichts-Angabe konnte hier aber nicht attestiert werden. Ein Leichtgewicht ist der XC 60 mit seinen 1920 Kilogramm Leermasse freilich nicht.

Laderaum mit üppiger Innenbreite

60-1.jpg

Hochwertige Materialien und saubere Verarbeitung untermauern Volvos Premium-Anspruch.

(Foto: Axel F. Busse)

Die Verwendung der skalierbaren Fahrzeug-Plattform hat dem XC60 nicht nur größere Abmessungen, sondern auch den Insassen mehr Platz beschert. Auf der Rückbank herrscht eine ordentliche Bewegungsfreiheit, hinter den Fondpassagieren liegt ein Gepäckabteil mit 505 Litern Volumen, erweiterbar auf 1432 Liter. Die Lehnen lassen sich flach und eben versenken, die Ladekante ist mit 73 Zentimetern nicht zu hoch. Die Verwendung einer speziellen Blattfeder aus Verbundwerkstoff sorgt an der Hinterachse dafür, dass keine Federbeinhülsen in den Kofferraum ragen und so eine durchgehende Breite von 105 Zentimetern genutzt werden kann.

Grundsätzlich ist das Fahrwerk eher zur komfortablen Seite hin abgestimmt, so dass der Eindruck unterwegs sehr sanft und beherrscht bleibt. Das gleiche lässt sich von der Lenkung sagen, die ein wenig wie in Watte gebettet den direkten Kontakt zum Untergrund zu vermeiden trachtet. Wer sich allerdings ein adaptives Luftfahrwerk nebst so genannter Four-C-Technik leisten will (+ 2270 Euro), dürfte erstaunt sein über die deutlich spürbare Spreizung in Charakter und Rückmeldung.

Die Änderung des Fahrmodus macht nicht nur die Lenkung fühlbar straffer und die Seitenneigung in scharfen Kurven nimmt ab, sondern auch die Gasannahme ändert sich, so dass der XC60 ein gutes Stück temperamentvoller rüberkommt. Das Leistungsgewicht von 12,8 Kilogramm je PS setzt dem allerdings auch enge Grenzen. Mehr Durst ist bei Anwendung dieser Möglichkeiten praktisch unvermeidlich. Statt des nach WLTP ermittelten Normverbrauchs von 6,1 Litern/100 km waren es auf dieser Testfahrt im Schnitt 7,5 Liter.

Kein Mangel an kostspieligen Optionen

60-5.jpg

Der Zugewinn an Platz gegenüber dem Vorgänger ist in der zweiten Reihe spürbar.

(Foto: Axel F. Busse)

Volvos Selbstverständnis lautet "Premium" und was Technik, Materialauswahl und Verarbeitung angeht, brauchen sich die Schweden hinter dem deutschen Trio nicht zu verstecken. Bei der Preisgestaltung ebenfalls nicht. Aktuell werden für den XC 60 mit Basisdiesel und Frontantrieb 45.550 Euro berechnet. Wer das teuer findet, sollte nicht vergessen, dass zum Beispiel Assistenten wie Verkehrszeichenerkennung, Spurhalte-Automatik inkl. Lenkeingriff, Bergan- und –abfahrhilfe, LED-Scheinwerfer, Kollisionsvermeidung inkl. Fußgänger-, Radfahrer- und Wildtier-Erkennung sowie Infotainmentsystem, WLAN-Hotspot, Leder-Sportsitze und Regensensor darin enthalten sind.

Doch die Liste möglicher Optionen ist lang, die der Pakete auch: Für 1900 Euro schnürt man CD-Player, Navigationssystem und eine Soundanlage von Harman/Kardon zusammen, für 3000 Euro extra die Armaturentafel in Lederoptik, das Head-Up-Display und das bewegliche Panorama-Glasdach. Gepäckraum-Trennnetz, Heckklappen-Automatik, Keyless-Drive und elektrisch umlegbare Rücksitzlehnen sind mit 1250 Euro zu vergüten. Diese und andere Annehmlichkeiten trieben den Preis des Testwagens auf 67.020 Euro. Ein Schwedenhappen, den zu verdauen nicht jedermanns Sache ist.

Fazit: Auch der neue XC 60 kommt bei der Kundschaft gut an, das zeigen die Zulassungszahlen. Er ist ein schickes, komfortables und vielseitiges Familien- und Freizeitgefährt mit ordentlich Platz, das allerdings in der Konfiguration des Testwagens eher selten bestellt werden dürfte. Eine teure Bowers & Wilkins-Anlage kann man zum Beispiel getrost weglassen und dafür 4x4-Antrieb oder einen kräftigeren Motor ordern. Damit ließe sich Fahrspaß gewinnen bei gleichbleibend hohem Sicherheitsniveau.

DATENBLATTVolvo XC 60 D3 R-Design
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,69 / 1,90 / 1,66 m
Radstand2,87 m
Leergewicht (DIN)1920 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen505  / 1432 Liter
Motor4-Zylinder Turbo-Diesel mit 1969 ccm Hubraum
Getriebe6-Gang Handschaltung
Leistung110 kW / 150 PS bei 4000 U/min
KraftstoffartDiesel
AntriebFrontantrieb
Höchstgeschwindigkeit190 km/h
Tankvolumen55 Liter
max. Drehmoment350 Nm ab 1500 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h10,2 Sekunden
Normverbrauch (außerorts/innerorts/kombiniert)4,4 / 5,9 / 5,0 l
Testverbrauch7,5 l
EffizienzklasseA / EU6d-Temp
Grundpreis45.750,00 Euro
Preis des Testwagens67.020,00 Euro

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema