Infografik

Alarmierende Corona-Zahlen Das Virus frisst sich tiefer in die USA

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Präsidentenmaschine "Air Force One" im Anflug: Donald Trump hält trotz der Infektionsgefahr an Massenveranstaltungen fest.

(Foto: REUTERS)

In den USA zeichnen sich neue Probleme ab: In fast der Hälfte aller Bundesstaaten ziehen die Fallzahlen wieder an. Das Coronavirus wütet längst nicht mehr nur in den Ballungszentren. Die Ansteckungswelle rollt nun mit neuer Dynamik auch durch ländliche Regionen im Süden und Westen.

Die Coronavirus-Krise ist in den USA noch lange nicht ausgestanden. Im Gegenteil: Mehrere Wochen nach Beginn der von Präsident Donald Trump geforderten "Wiedereröffnung" der US-Wirtschaft steigt die Zahl der Neuinfektionen an, einige Bundesstaaten verzeichnen sogar so viele neue Fälle pro Tag wie noch nie zuvor.

Ist das der Beginn der zweiten Welle? Weniger als fünf Monate vor der US-Präsidentschaftswahl überragt die Coronavirus-Pandemie weiter alle Aspekte des öffentlichen Lebens. Dabei sind sich Experten noch uneins, ob die erste Welle überhaupt abgeklungen ist. Fakt ist, dass der Erreger bisher nur in den schwer getroffenen Großstädten - darunter vor allem New York City - zumindest eingedämmt werden konnte. Zeitgleich mit den einsetzenden Lockerungen jedoch verlagert sich das Infektionsgeschehen mehr und mehr in die Fläche.

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Anders als etwa in China oder Europa schwächt sich das Fallaufkommen in der landesweiten US-Statistik nicht ab. Stattdessen gibt es deutliche Anzeichen dafür, dass die erste Welle dort noch läuft und mit der Ausbreitung in die ländlichen Regionen der USA eher noch Fahrt aufnimmt. In mehreren, bisher von der Pandemie vergleichsweise unberührten Bundesstaaten zeigt sich eine rapide anschwellende Infektionsdynamik.

In Texas zum Beispiel zählten die Behörden in der Frühphase der Pandemie im Schnitt nicht viel mehr als 1000 Neuinfektionen pro Tag - bei rund 29 Millionen Einwohnern eine vergleichsweise überschaubare Anzahl. In jenen Wochen, in denen Ärzte und Pflegekräfte in den New Yorker Krankenhäusern längst gegen katastrophale Zustände ankämpften, blieb die befürchtete Überlastung in Texas aus. Wie in zahlreichen Bundesstaaten auch, waren im Lonestar-State umfangreiche Lockdown-Vorschriften in Kraft.

In Texas waren Geschäfte geschlossen und Veranstaltungen aller Art untersagt. Die Fallzahlen stiegen bei Weitem nicht so stark an wie in den Neuengland-Staaten und im Großraum New York. Das Virus schien auch aus der Sicht vieler Texaner beherrschbar.

Ende April hob Gouverneur Greg Abbott - ein Republikaner - den Ausnahmezustand für Texas weitgehend auf. Die Lockerungen begannen damit sehr viel früher als in anderen Regionen der USA. Die von Kritikern befürchteten Konsequenzen jedoch blieben lange aus. Ende Mai begannen die Fallzahlen langsam zu steigen, ab Mitte Juni schnellen sie dann jedoch deutlich in die Höhe. Im mehrtägigen Mittel kommen derzeit mehr als 4000 Neuinfektionen pro Tag hinzu. In der Spitze waren es in Texas zuletzt sogar mehr als 5000 neue Coronavirus-Fälle - so viele wie noch nie zuvor.

Die Folgen sind nicht mehr zu übersehen: Die Intensivstationen beginnen sich zu füllen, Mediziner schlagen Alarm. Die texanische Abkehr von der strikten Pandemie-Abwehr kam offenkundig zu früh. Muss Texas jetzt mit einem neuen Lockdown rechnen? Gouverneur Abbott hielt noch bis diese Woche an seinem Plan ("Reopening Texas") fest.

Mit Blick auf die steilen Zuwächse und die neuen Rekordstände verwies der Trump-Anhänger bis vor Kurzem noch auf "reichlich vorhandene Kapazitäten" im texanischen Gesundheitssystem. Mittlerweile lässt die Entwicklung jedoch auch der texanischen Regionalpolitik keine andere Wahl mehr: Abbott empfahl den Texanern zuletzt eindringlich, sich regelmäßig die Hände zu waschen, Abstandsregeln einzuhalten, Maske zu tragen und - freiwillig - soweit möglich, zu Hause zu bleiben.

Ähnlich düster wirkt die Lage in Florida. Der rund 21 Millionen Einwohner zählende Staat im Südosten der USA erlebte Anfang April einen ersten Höhepunkt bei den täglich einlaufenden Meldedaten. Bis in den Mai hinein schwächte sich das Fallaufkommen ab. Die Zahl der Neuinfektionen pendelte über Wochen zwischen 300 und 1000 neuen Fällen pro Tag. Gouverneur Ron DeSantis, ebenfalls Republikaner, leitete Anfang Mai regionale Lockerungen ein. Ab 18. Mai wurde der Lockdown auch in den letzten Brennpunkten der Halbinsel aufgehoben. Strände und Bars sind offen. Das öffentliche Leben kommt wieder in Gang.

Mittlerweile jedoch sieht sich auch Florida mit einem steilen Anstieg bei den Neuinfektionen konfrontiert. Seit dem 3. Juni klettert die Zahl der täglich erfassten Coronavirus-Fälle nach oben. Und es gibt Stimmen, die die offiziellen Zahlen als viel zu niedrig erachten. Im siebentägigen Durchschnitt kennt der Trend der amtlich erfassten Fälle derzeit nur eine Richtung: nach oben. Derzeit kommen pro Tag drei Mal mehr Neuinfektionen hinzu als während der schlimmsten Woche der Frühphase. Und in einer inoffiziellen Zählung zeichnen sich sogar deutlich höhere Zuwächse ab.

Für Florida ist das besonders bedrohlich: Der sonnenverwöhnte Bundesstaat - Heimat von Trumps Ausweichdomizil Mar-a-Lago - zieht nicht nur viele Urlauber und Studenten an. Aufgrund des milden Klimas leben in den Wohnanlagen, Vierteln und Hochhäusern an der Küste auch besonders viele Rentner. In keiner Region der USA ist das Durchschnittsalter der Bevölkerung höher als in Florida. Entsprechend groß ist die Furcht vor einer Ausbreitung des Erregers unter den besonders gefährdeten Altersgruppen.

Noch ist unklar, warum genau die Zahl der Ansteckungen in Florida derzeit so rapide ansteigt. Sicher ist bislang nur, dass zuletzt auffallend viele jüngere Betroffene positiv auf das Virus getestet werden, und dass das Virus noch immer in der lokalen Bevölkerung kursiert. Spekuliert wird unter anderem, ob die "Black Lives Matter"-Proteste oder das verlängerte Wochenende rund um den "Memorial Day" (25. Mai) das Infektionsgeschehen befeuert haben könnten. Belege dafür gibt es bislang nicht. "Es sind einfach generell mehr Leute unterwegs", fasste eine Gesundheitsexpertin bei CNN ihre Eindrücke zusammen.

Kamen die Lockerungen - die von Präsident Trump offensiv gefordert, aber in Verantwortung der Bundesstaaten umgesetzt wurden - also viel zu früh? Die Probleme bleiben jedenfalls nicht auf republikanisch geführte Regionen beschränkt. Kalifornien zum Beispiel kämpft mit einer ähnlich drastischen Ausweitung der Pandemie. Auch an der Westküste bewegt sich der Fallzahlentrend im mehrtägigen Mittel immer weiter nach oben.

Dabei zählt das demokratisch regierte Kalifornien mit seinen knapp 40 Millionen Einwohnern zu den Regionen, in denen die Auswirkungen der globalen Ansteckungswelle besonders früh zu spüren waren. Die erste bestätigte Ansteckung mit Sars-CoV-2 trat in Kalifornien Ende Januar auf, nur wenige Tage nach dem ersten nachgewiesenen US-Coronavirus-Fall überhaupt. Kalifornien war der erste Bundesstaat, in dem generelle Lockdown-Anordnungen verhängt wurden: Gouverneur Gavin Newsom rief Anfang März den Notstand aus. Bereits ab Mitte März traten in Kalifornien strikte Corona-Auflagen in Kraft.

Über mehrere Wochen gelang es, den Anstieg der Fallzahlen in Kalifornien zumindest zu bremsen. Wie seine republikanischen Kollegen auch, kündigte der Demokrat Newsom eine schrittweise Rückkehr zum Alltagsleben an. Ab Mitte April jedoch gehen bei den kalifornischen Behörden wieder mehr positive Virus-Befunde ein. Mitte Mai überschritt der siebentägige Durchschnitt der Neuinfektionen die Marke von 2000 Fällen pro Tag. Bis Ende Juni hat sich diese Kennziffer verdreifacht.

Die Daten lassen keinen anderen Schluss zu: Die USA haben den Höhepunkt der laufenden Ansteckungswelle noch nicht erreicht. Anders als etwa in China oder den europäischen Staaten zeichnet sich beim täglich gemeldeten Fallaufkommen unterm Strich noch immer kein Rückgang ab.

Auch wenn einzelne Regionen wie etwa New York erste Erfolge bei der Eindämmung verzeichnen, ist das Virus in anderen Gebieten der USA offenkundig wieder auf dem Vormarsch. Fast die Hälfte aller Bundesstaaten verzeichnet einen Anstieg bei den Neuinfektionen.

In sieben Gebieten wurde am 23. Juni sogar ein neues Tages-Maximum an neu entdeckten Coronavirus-Fällen erreicht. Das hat Folgen für die Gesamtzahlen: Zuletzt kamen in den USA landesweit wieder mehr als 30.000 neu nachgewiesene Ansteckungen pro Tag hinzu.

Damit steuern die Vereinigten Staaten mitten im anlaufenden US-Wahlkampf durch eine Katastrophe, die womöglich noch sehr viel größer ausfällt als bislang befürchtet. Mehr als 121.000 Menschen sind in den USA bisher im Zusammenhang mit einer Coronavirus-Infektion gestorben. Mehr als 2,3 Millionen haben sich bisher nachgewiesenermaßen angesteckt. Eine Trendwende ist nicht in Sicht. Wie hoch die Dunkelziffer unentdeckter Fälle angesetzt werden muss, lässt sich bislang noch nicht abschätzen.

Und was sagt US-Präsident Donald Trump dazu? Der Mann, der sich im Herbst um seine Wiederwahl und eine zweite Amtszeit im Weißen Haus bewirbt, hat eine ganz eigene Erklärung für den Anstieg der Fallzahlen. Mehrfach schlug er kürzlich vor, einfach weniger US-Bürger auf eine mögliche Ansteckung hin zu überprüfen. Denn, so Trump, "wenn wir weniger testen, dann sehen wir auch weniger Fälle".

Quelle: ntv.de