Infografik

Virus-Daten im Europa-Vergleich Wie schwer es Schweden wirklich trifft

Im Kampf gegen das Coronavirus verfolgt Europa unterschiedliche Strategien - mit vollkommen verschiedenen Voraussetzungen. Wie lässt sich die Lage in den Staaten am besten vergleichen? Die ntv-Europakarte zeigt das relative Fallaufkommen bezogen auf je 100.000 Einwohner.

Das Problem ist bekannt: Schweden zählt mit knapp 19.000 Ansteckungen nur einen Bruchteil der gut 156.000 Coronavirus-Fälle in Deutschland. Allerdings zählt das Musterland in Nordeuropa auch nicht viel mehr als zehn Millionen Einwohner, die sich noch dazu über eine größere Staatsfläche verteilen als die rund 83 Millionen Einwohner Deutschlands.

Welches Land ist also stärker von der weltweiten Pandemie betroffen: Deutschland oder Schweden? Die ntv-Europakarte ermöglicht einen schnellen Überblick zum jeweiligen Ausmaß der Coronavirus-Krise in den Staaten Europas:

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Die Karte zeigt das nationale Fallaufkommen im Verhältnis zu einer festen Bevölkerungsgröße. Die so genannte Inzidenz, die hier die Anzahl der laborbestätigten Coronavirus-Infektionen unter jeweils 100.000 Einwohner anzeigt, liefert anhand einer vergleichbaren Messgröße Hinweise zum tatsächlichen Ausmaß der Ansteckungswellen in den europäischen Staaten.

Im Ländervergleich sagt nämlich die absolute Höhe der Fallzahlen wenig über die tatsächliche Coronavirus-Belastung vor Ort aus. Dafür sind nicht nur etwaige Unterschiede in den Erfassungssystemen und in der Anzahl der vorgenommen Tests zu groß. Auch die demografischen Voraussetzungen weichen oft viel zu stark voneinander ab.

Bevölkerungsreiche Staaten zum Beispiel weisen schnell auch deutlich mehr Infektionsfälle auf. Das muss aber nicht heißen, dass die Kliniken dort überlastet sind oder die Gesundheitsversorgung vor dem Zusammenbruch steht. Denn in Staaten mit einer hohen Einwohnerzahl gibt es in der Regel auch entsprechend mehr Krankenhäuser und umfangreichere Kapazitäten.

Umgekehrt können Staaten mit vergleichsweise wenigen Einwohnern und einer geringeren Bevölkerungsdichte auch Schutzmaßnahmen zur Eindämmung des Erregers leichter umsetzen. In ländlich geprägten Regionen gibt es etwa sehr viel weniger Kontakt- und Austauschpunkte als in dicht bevölkerten Metropolregionen. In Europa (und auch weltweit) weist der Kleinstaat San Marino mit umgerechnet 1518,4 Fällen je 100.000 Einwohner die höchste Fall-Inzidenz aus, mutmaßlich beeinflusst durch die Lage am Rand der schwer betroffenen Regionen Norditaliens.

Die Inzidenz-Kennzahl auf nationaler Ebene bietet Ansatzpunkte, um die nationale Virus-Last in verschiedenen Staaten vergleichbar zu machen. Im Fall Schwedens und Deutschlands ergeben sich daraus bemerkenswerte Befunde: Obwohl die beiden Staaten so viele Unterschiede in ihrer Bevölkerungsstruktur und bei der Besiedlungsdichte aufweisen, liegen die landesweiten Inzidenz-Werte mit 186,0 für Schweden und 187,7 in Deutschland auffallend nah beieinander. Das relative Fallaufkommen ist nahezu gleich.

Höhere Todesfall-Inzidenz in Schweden

Wäre es also auch in Deutschland möglich gewesen, die Pandemie-Abwehr und den Bevölkerungsschutz nach dem schwedischen Modell zu organisieren, also ohne massive Einschränkungen in der Wirtschaft und im öffentlichen Leben samt allen gravierenden Nebenwirkungen? Für solche weitreichenden Erwägungen reicht die Inzidenz-Auswertung alleine sicher nicht aus. Unklar ist unter anderem auch noch, wie sich das Infektionsgeschehen weiter entwickelt - und ob die schwedische Regierung nicht doch noch härtere Maßnahmen ergreifen muss.

Abgesehen davon zeigt die Anzahl der entdeckten Ansteckungen nur die eine Seite. Ein ganz anderes Bild ergibt sich bei näherer Betrachtung der Coronavirus-Toten. Hier bewegt sich Schweden mit einer Todesfall-Inzidenz von aktuell 22,3 in der Gruppe der am schwersten von der Pandemie betroffenen Staaten Europas. Zum Vergleich: Deutschland zählt hier - mutmaßlich dank der massiven Maßnahmen zum Bevölkerungsschutz - bezogen auf 100.000 Einwohner lediglich 7,2 Verstorbene.

All diese Daten sind selbstverständlich mit den derzeit noch unvermeidlichen Unschärfen behaftet. Die Zahlen geben nur jenes Bild wieder, wie es sich den jeweiligen Behörden darstellt. Unterschiede im Testumfang und in der statistischen Fallerfassung müssen berücksichtigt werden.

Als grobe Vergleichszahl zeigen die Inzidenz-Werte der Infizierten und der Verstorbenen ohnehin nur das relative Fallaufkommen auf nationaler Ebene. Regional können die Fallzahlen relativ betrachtet sehr viel höher ausfallen - mit potenziell verheerenden Folgen für die allgemeine Gesundheitsversorgung, wie das Beispiel Norditalien zeigt. Auch in Schweden sind bei den Fallzahlen und der Inzidenz nach Regionen erhebliche Bandbreiten zu beobachten. Die Masse der Ansteckungsfälle etwa konzentriert sich auf den Großraum Stockholm - wo allerdings auch die dichter besiedelten Landstriche Schwedens liegen.

In Deutschland wird das Robert-Koch-Institut (RKI) nicht müde, auf die Risiken lokaler Erregerausbrüche hinzuweisen. "Die Belastung des Gesundheitswesens", heißt es in der Lagebeurteilung der Epidemiologen, "hängt maßgeblich von der regionalen Verbreitung der Infektion, den vorhandenen Kapazitäten und den eingeleiteten Gegenmaßnahmen (Isolierung, Quarantäne, soziale Distanzierung) ab und kann örtlich sehr hoch sein."

Wie groß diese "örtlichen Belastungen" ausfallen können, ist auf der Deutschland-Karte mit dem Fallaufkommen in den Städten und Landkreisen gut zu erkennen. Dort reicht die Bandbreite der regionalen Inzidenz von Werten unter 30 in Mecklenburg-Vorpommern bis zu mehr als 500 Sars-CoV-2-Fällen je 100.000 Einwohner in einigen Regionen Baden-Württembergs. Der Kreis Heinsberg weist kumulativ betrachtet eine Inzidenz von 681 Fällen auf.

Damit wird klar, dass unter der Oberfläche national moderater Inzidenz-Werte lokale Ansteckungsherde mit erschreckend hohen Fallzahlen schwelen können. Rund um Rosenheim etwa liegt das Fallaufkommen jenseits der 750 - während Bayern insgesamt lediglich auf eine Inzidenz von knapp 317 kommt. Die mit Abstand am stärksten von der Pandemie betroffene Region Deutschlands befindet sich jedoch weiterhin im äußersten Nordosten des Freistaats: Der Kreis Tirschenreuth ächzt unter einer Inzidenz von rein rechnerisch mehr als 1500 Fällen je 100.000 Einwohnern - das ist fast so viel wie in San Marino oder im US-Bundesstaat New York.

Quelle: ntv.de