Leben

Frauen sind anders krank Die Medizin ist auf Männer fixiert

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Frauen brauchen unter anderem bei Medikamenten andere Dosierungen als Männer, da ihr Körper sie anders verarbeitet.

(Foto: imago/Westend61)

Frauen haben andere Körper als Männer. Klar, da sind Brüste, Bart und andere offensichtliche Unterschiede. Dass Frauen und Männer aber auch im Inneren anders ticken, hat die Medizin erst vor Kurzem erkannt. Diese Erkenntnisse können lebenswichtig sein.

Die Medizin hat Frauen und Männer lange Zeit gleich behandelt. Maßstab für die Behandlung war jahrzehntelang der Mann. Erst seit 30 Jahren etwa haben Forscher in Deutschland auch die Frauen im Blick. Da geht es nicht nur um Themen wie Schwangerschaft oder Geburt, sondern um die Dosierung von Medikamenten oder unterschiedliche Krankheitssymptome. Für Frauen kann dieses Wissen lebenswichtig sein.

Die Unterschiede zwischen Frau und Mann sind nicht nur rein äußerlich, sagt Christiane Groß, die Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes im Podcast "Wieder was gelernt". "Wir haben ein anderes Verteilungsmuster von Muskeln. Wir haben ein anderes Verteilungsmuster von Fett. Wir haben eine völlig andere Zusammensetzung von Hormonen", so Groß. "Und dann reagieren auch die Organe anders. Ich erinnere nur daran, dass zum Beispiel eine Frau weniger Alkohol verträgt als ein Mann. Und das hat was damit zu tun, dass die Leber etwas anders arbeitet."

Das klingt alles logisch, ist aber noch gar nicht so lange in der Medizin bekannt. Über Jahrhunderte war die in Europa männerdominiert. Und hatte dann auch eher den männlichen Körper im Blick. Frauen kamen also in der Medizin praktisch nicht vor. Das änderte sich langsam vor rund 120 Jahren, ab der Jahrhundertwende. Ab dann durften Frauen in Deutschland Medizin studieren. In den 1960er-Jahren begann die Genderforschung in den USA.

Frauen in Medikamentenstudien unterrepräsentiert

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Christiane Groß beschäftigt sich schon lange mit Gendermedizin und setzt sich unter anderem dafür ein, dass mehr Ärztinnen auf Chefposten kommen.

(Foto: Jochen Rolfes)

In Deutschland wurden Frauen erst einige Jahrzehnte später offiziell in medizinischen Studien berücksichtigt. Grund für diese Verspätung war der Contergan-Skandal. In den sechziger Jahren hatten Tausende Frauen Kinder mit Fehlbildungen zur Welt gebracht, weil sie in der Schwangerschaft das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan eingenommen hatten. Von da an wurden Frauen von Medikamentenstudien ausgeschlossen, um ungeborene Kinder nicht zu gefährden. "In den 90er-Jahren hat es dann begonnen, dass man Frauen mit in die Pharmaforschung, also in die klinische Forschung aufgenommen hat, unter der Voraussetzung, dass sichergestellt wurde, dass diese nicht schwanger wurden", erzählt Christiane Groß.

Und auch heute noch sind Frauen in Studien teilweise unterrepräsentiert, vielleicht auch, weil die Forscher für verlässlichere Ergebnisse mehr Teilnehmerinnen brauchen. Denn es müssen Hormonschwankungen oder Wechseljahre mit berücksichtigt werden. Selbst Tierversuche werden hauptsächlich mit männlichen Versuchsmäusen gemacht.

Lange war nicht bekannt, dass Medikamente bei Frauen anders wirken als bei Männern - es war zumindest nicht erforscht. Das heißt, beide Geschlechter bekamen dieselben Dosen. Erst in den 1990er-Jahren wurde das klar. Ein Beispiel dafür ist Aspirin. "Wenn Sie zum Beispiel einer kleinen schlanken Frau eine Menge Medikament geben, was eigentlich für einen gut gebauten starken Mann ausgerechnet wurde, dann kann das die Frau gefährden, je nachdem, wie gefährlich so ein Arzneimittel sein kann. Das ist so ähnlich, wie wenn man eine Erwachsenendosis einem Jugendlichen gibt", erläutert Groß. Eine falsche Dosis kann im schlimmsten Fall tödlich enden.

Herzinfarkt-Symptome bei Frauen anders

Dass Medikamente bei Frauen und Männern unterschiedlich wirken, hat grundsätzlich mit den Geschlechtschromosomen tun, also XX bei der Frau und XY beim Mann. Diese Chromosomen beeinflussen die Prozesse im Körper. Zum Beispiel verteilt sich der Wirkstoff unterschiedlich im Gewebe, weil Frauen meist einen größeren Anteil an Körperfett haben und kleiner sind als Männer. Frauen haben auch öfter Nebenwirkungen.

Und bei Krankheiten kann es auch richtig gefährlich werden. Ein Beispiel ist der Herzinfarkt. Die Symptome, die die meisten kennen sind: ein Stechen in der Brust, das in den linken Arm strahlt. Da heißt es dann: schnell ins Krankenhaus. Bei Frauen allerdings zeigt sich der Herzinfarkt oft ganz anders, sie hätten Bauchschmerzen oder fühlten sich unwohl, weiß Groß. So wird der Herzinfarkt bei Frauen häufig nicht oder zu spät erkannt.

Ein anderes Beispiel ist die Depression. Während Frauen niedergeschlagen und traurig sind, sich zurückziehen, ignorierten Männer die Depression häufig und entwickelten andere Symptome, erläutert Christiane Groß. "Die haben dann Schmerzen. Sie haben irgendwelche anderen Symptome, die am Körper sichtbar werden oder gehen öfter auch in Suchtkonstellationen rein." Deshalb werden Depressionen bei Frauen auch doppelt so häufig diagnostiziert wie bei Männern. Ein Beispiel, das zeigt, dass Gendermedizin auch Männern helfen kann, wenn die Symptome allgemein bekannter werden.

Männer sterben häufiger an Corona

"Wieder was gelernt"-Podcast

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Warum wäre ein Waffenstillstand für Wladimir Putin vermutlich nur eine Pause? Warum fürchtet die NATO die Suwalki-Lücke? Wieso hat Russland wieder iPhones? Mit welchen kleinen Verhaltensänderungen kann man 15 Prozent Energie sparen? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

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Und es gibt auch ein ganz aktuelles Beispiel: Auch das Coronavirus wirkt unterschiedlich auf Frauen und Männer. Männer haben häufiger schwere Krankheitsverläufe, müssen öfter im Krankenhaus behandelt werden und sterben auch öfter im Zusammenhang mit dem Virus. Rund 53 Prozent der bisherigen Corona-Toten in Deutschland sind Männer. Warum das so ist, ist noch nicht erforscht. Frauen haben ein höheres Risiko, sich anzustecken, weil sie zum Beispiel häufiger in Pflegeberufen arbeiten und deshalb viel mit anderen Menschen in Kontakt kommen. Trotzdem wird das in den meisten Studien nicht berücksichtigt, kritisiert Sabine Oertelt-Prigione, Professorin für geschlechtersensible Medizin an der Universität Bielefeld. Sie fordert, dass Geschlechterunterschiede bei Corona-Erkrankungen mehr erforscht werden sollten.

Funktioniert das vielleicht besser, wenn die Patienten und Patientinnen ihre Daten selbst freigeben? Seit 2019 können Ärzte und Ärztinnen Gesundheitsapps verschreiben, die zum Beispiel dabei helfen sollen, dass Medikamente regelmäßig eingenommen oder Blutzuckerwerte gemessen werden. In diese Apps tragen die Patientinnen und Patienten ihre Daten ein, wie das Gewicht, das Alter, den Puls und so weiter. Eigentlich nützlich für die Forschung, aber Christiane Groß kritisiert, dass nicht bekannt ist, inwiefern dabei Genderaspekte mit einbezogen sind. "Und zwar einmal, weil wir nicht wissen: Ist die Basis überhaupt mit einbezogen, also das Wissen, über das wir gerade gesprochen haben? Wenn es nicht in der analogen Medizin da ist, wie soll es dann in die digitale Medizin kommen?"

Gender wird Teil der Medizinerausbildung

In der Medizin sind etwa die Hälfte der Ärztinnen und Ärzte in Deutschland inzwischen Frauen. In den 1970er-Jahren lag ihr Anteil gerade mal bei 20 Prozent. Und auch der Frauenanteil an Medizinstudierenden liegt inzwischen bei über 63 Prozent. Obwohl immer mehr Frauen in die Medizin gehen, landen immer noch wenige von ihnen auf Spitzenpositionen: nur jeder zehnte Posten in den Chefetagen der Unikliniken ist von einer Frau besetzt.

Solange die Männer die Chefposten besetzen und dort die Standards in der Medizin bestimmen, wird die Medizin nicht weiblicher werden, hat die Kardiologin Vera Regitz-Zagrosek in einem Interview mit der "Neuen Zürcher Zeitung" gesagt. Sie ist eine Pionierin in der Gendermedizin. 2003 hat sie an der Berliner Charité das "Institut für Geschlechterforschung in der Medizin" gegründet. Regitz-Zagrosek fordert, dass die Gendermedizin regulär in der medizinischen Ausbildung vorkommen muss, in den Stundenplänen und der Prüfungsordnung.

Das ist momentan nicht der Fall, steht in einem Gutachten des Deutschen Ärztinnenbundes und der Charité. In 70 Prozent der medizinischen Fakultäten gibt es nur einzelne Lehrveranstaltungen für geschlechtsspezifische Themen. Helfen könnten neue Professuren im Bereich Gendermedizin, meinen die Forscherinnen und Forscher. Davon gibt es bisher nur sehr wenige in Deutschland.

Christiane Groß ist zuversichtlich, dass sich die Medizinerausbildung ändert: "Die Vorbereitungen für eine neue Ausbildungsordnung, also für eine neue Approbationsordnung, ist gerade im Verhandeln, zum Beispiel die Prüfungsfragen beinhalten viel mehr Genderaspekte." Diese seien auch in die Weiterbildungsordnung für die angehenden Fachärzte mit einbezogen.

Für Groß ist die Gendermedizin aber nur der Anfang. "Es muss eigentlich dahin gehen, dass wir eine personalisierte Medizin haben. Also Junge, mittlere Ebene, ältere Menschen. Wir haben andere Größen, andere Gewichte. Wir haben Männer und Frauen. Wir haben aber auch andere Ethnien, die auch unter Umständen andere Reaktionen im Körper haben." Bis die Medizin wirklich eine individuell zugeschnittene Medizin ist, hilft es nur, nachzufragen, rät Christiane Groß. Zum Beispiel, ob das verschriebene Medikament schon an Frauen getestet wurde - oder, ob es ein anderes gibt, was besser hilft.

Quelle: ntv.de

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