Leben

"Mama, wie lange noch?" Zerstört der Lockdown unsere Kinder?

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Beten schadet nicht, hilft aber sicher auch nicht wirklich: Wir müssen schon alle was tun.

(Foto: imago images/AFLO)

Es gibt unterschiedliche Ansätze: Die einen finden, wir kneifen jetzt mal die Arschbacken zusammen und halten das aus, auch Kinder und Jugendliche. Andere prophezeien gar eine ganze, verlorene "Generation Lockdown".

Wie reagieren Kinder und Jugendliche auf den Lockdown - was wird diese Zeit mit ihnen gemacht haben, wenn sie vorbei ist? Diese Frage stellen sich momentan wohl alle Eltern, egal, ob ihre Kinder zwei, zwölf oder zwanzig Jahre alt sind. Aber neben dem ganzen Betreuungsdilemma der Kleinsten wird fast immer übersehen, dass es auch noch andere Kinder gibt, Teenager und junge Erwachsene, die gerade ihr Abi gemacht, eine Ausbildung begonnen haben, oder just vor dem ersten Lockdown anfingen, zu studieren. Junge Menschen, die in die Welt gezogen sind mit einem Lächeln im Gesicht und dem erworbenen und erlebten Wissen, dass Easyjet und Lufthansa sie jederzeit wieder nach Haue bringen werden.

Am 7. Juni 2020 bereits stand ein Interview der sehr geschätzten Journalisten-Kollegin Ute Cohen mit dem Neuropsychiater Boris Cyrulnik in der "Welt". Sie sprach mit ihm darüber, wie der Lockdown (der erste) sich auf unser Gemüt auswirkt. Und das unserer Kinder. Bereits vor acht Monaten, also drei Monate nach Beginn des ersten Lockdown, fasste der Neurologe, Psychiater und Ethologe zusammen: "Die Jugend wird die nächsten zwanzig, dreißig Jahre ruiniert sein." Und dabei dachten wir damals noch, dass wir das Ding recht zügig in den Griff bekommen werden. Jetzt sind wir mitten drin im - bereits verlängerten und naturgemäß heftiger verlaufenden - zweiten Lockdown. Die Stimmung sitzt nicht mehr, die Erfahrungen der ersten Welle haben bereits etwas mit uns gemacht und die Aussichten sind trüb trotz Impfstoff. Grund, den Kopf in den Sand zu stecken?

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Das neue "Klassenzimmer" - die meisten Kids wären froh, wenn sie wieder zu Schule dürften.

(Foto: imago images/Cavan Images)

Eine kleine, nicht repräsentative und dennoch aussagekräftige Umfrage im Familien- und Freundeskreis bringt Folgendes zu Tage: Hannah sagt, dass sie zum Glück erst 14 ist. "Ich darf eh noch nicht weggehen. Wenn ich 16 bin, dann wird das alles ja wohl hoffentlich vorbei sein. Ich fürchte nur, dass ich dann ganz viel lernen und nachholen muss, weil ich im Moment ja nicht genug Wissen vermittelt bekomme." Hannah würde auch wirklich gern zum Konfirmandenunterricht und in die Tanzschule gehen, mit ihren Freunden chillen, Mannschaftssport machen und in die Ferien fahren. Die Daheim-Beschulung geht langsam ans Nervenkostüm, ein Tapetenwechsel wäre angebracht. Aber nix da, Geduld ist angesagt - in einem Alter, in dem dieses Wort so weit weg ist wie der Mars von der Venus.

Und jetzt bitte nicht darauf hinweisen, dass das Leiden auf hohem Niveau ist, andere Kinder gingen ja schließlich gar nicht zu Schule und so weiter: Um diese Kinder geht es hier gerade nicht. Denn wenn wir PISA-Studien präsentieren und entsetzt feststellen, dass die Berliner Kinder schlechter sind als die Bayerischen - die Neuköllner Kinder noch schlechter als die aus Charlottenburg - und die, die auf Privatschulen gehen, besser auf's Leben und die Arbeitswelt vorbereitet wurden als die Kinder auf staatlichen Lehranstalten, fragt ja auch niemand danach, was mit den Kindern ist, die gar nicht zur Schule gehen können.

Schul-Bewertungen wie üblich?

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Wenn man mal ehrlich ist - das meiste bleibt an den Müttern hängen. Oder?

(Foto: imago images/Science Photo Library)

Ein Gespräch mit einem Gymnasial-Lehrer, bei dem es um die Versetzung der Kinder geht (die Halbjahreszeugnisse stehen ja in der kommenden Woche in einigen Bundesländern an), brachte zu Tage, dass die Versetzung einiger Schüler tatsächlich gefährdet erscheint. Geht's noch? Diese Kinder erwerben ihr Wissen momentan fast ausschließlich allein und in Selbstarbeit zu Hause und haben Glück, wenn ihre Eltern entweder im Homeoffice sind oder diese sich eine Nachhilfekraft leisten können. Dennoch sollten auch diese Eltern über alle Maßen hinaus Lust verspüren, sich mit Mathe und Physik, Französisch und der Herstellung kleiner Trickfilme zu beschäftigen. Was machen denn die Kinder, deren Eltern Verkäufer oder Ärztin sind, Pfleger oder Busfahrerin? Für die Homeoffice keine Option ist? Es kann doch nicht sein, dass hier Bewertungen der Schulen angesetzt werden wie üblich, wenn NICHTS auf der Welt gerade ist wie üblich!

Leni, fast 18, ist der zweite Abi-Jahrgang, der unter ungewöhnlichen Umständen die Schule abschließen wird. Das heißt, wie für Viktor letztes Jahr bereits: Keine Abi-Party, keine Mottowoche, keine Lehrer verarschen, keine Abi-Reise. Verkraftbar, nicht lebensnotwendig, und dennoch: Schade.

Frage: Wo sind die Lehrer, die - es gibt einige Ausnahmen, die Betonung liegt auf einige - ihre Klassen anspornen? Motivieren? Zusammenhalten? YouTube-Videos mit Unterricht ins Netz stellen? Fragen, wie ergeht es euch da draußen (da drinnen wohl eher), wo kann man helfen? Lehrer, die ansprechbar sind, nicht nur per Mail, wo sind die? Ja, Lehrer sind auch nur Menschen und haben mit sich und ihren eigenen Kindern zu tun, haben mehrere Klassen zu entertainen - aber dennoch: Wo ist das Engagement? Nach dem ersten Lockdown hätte man sich - ob mit oder ohne Coronavirus - dann doch wirklich endlich mal mehr auf das Thema Digitalisierung vorbereiten können: Als Lehrer*in, Schule, Senat. Setzen, sechs.

Freiheit, die ich meine

Sina, 22, studiert in Amsterdam: Sie pendelt zwischen ihrem Studienort, ihrer Heimat Berlin und München, wo ihr Freund wohnt. Jetzt ist alles anders. Jetzt ist Ausgangssperre in Amsterdam und Online-Vorlesung seit März 2020. Der Kontakt zu Kommilitonen findet per Zoom statt - gut, wenn man ein paar Leute schon vorher kannte, neue Gruppen bilden geht ja nicht. Immerhin: Es ist durchaus möglich, Live-Vorlesungen zu halten vor Dutzenden von Studierenden, und dann auch noch Fragen aus dem Auditorium zu beantworten - Amsterdamer Unis schaffen das. Das müsste an Schulen doch dann auch gehen, oder?

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Bis vor kurzem hießen diese Kids noch "Generation Greta", weil sie sich aus ihrer Comfort-Zone heraus bewegt haben, um etwas zu verändern. Jetzt also "Generation Lockdown".

(Foto: imago images/Insidefoto)

Anna hat letzten Sommer Abi gemacht, sie wollte eigentlich ein "Sabbatical" machen, reisen, jobben, sich Gedanken machen, was nun kommen soll. Jetzt hängt die Münchenerin zu Hause fest. Wenigstens mit einer grandiosen Silvesterparty einen Schlussstrich unter 2020 zu ziehen - das hatte nicht nur sie sich gewünscht - hatte sich dann aber kurz vor Weihnachten mit der Verhängung des zweitens Lockdowns auch erledigt. Und weil nun auch der Start ins neue Jahr keine Entspannung verheißt, lechzen die jungen Menschen geradezu nach Streicheleinheiten von ihren Familien: Mehr Essen, mehr Deko, mehr Geschenke, stellt die Studie der "september Forschung & Strategie" über die "Generation Lockdown" in der Weihnachtszeit fest.

Das war anders geplant

Joshua und Mia leben in Wien und studieren dort (theoretisch). Sie kamen an dem Tag an, als in der Wiener Altstadt ein Terrorist um sich geschossen hat und die Stadt in Angst und Schrecken versetze. Aber von Normalität war eh schon lange keine Rede mehr - Lockdown auch in Österreich - und von Normalität wird auch noch eine Weile keine Rede sein.

In Hongkong wollte sie eigentlich eine kaufmännische Ausbildung machen, aber Helena kam schnell wieder nach Hause Anfang 2020, nach Deutschland. Denn Hongkong war zu nah an Wuhan in dieser Zeit, und da wollte man sein Kind, wenn auch erwachsen, nun wirklich nicht wissen. Jetzt ist Wuhan überall.

Leonard in Madrid, Albert in Budapest - sie alle kamen für lange Zeiträume ins "Hotel Mama" zurück, weil Ausländer schließlich nach Hause geschickt wurden. Ganz langsam trauen sie sich wieder zurück an ihre Wunschorte, gehen in Quarantäne, aber egal, sie müssen ja eh lernen. So war das nicht geplant: Neben dem Studium wollte man schließlich Land und Leute kennen lernen, nebenbei jobben, eine neue Sprache lernen.

Irrenhaus Europa

Schule und Universität sind also nur noch leistungsorientierte und kontaktarme, weil digitale, Lernorte. Eine Art Cloud, die man immer und überall dabei haben kann. Der Austausch mit der Peer Group und emotional erfüllende Zeit mit den Freunden, das bleibt auf der Strecke. Da hilft oft nur die Flucht ins Handy und die sozialen Medien - dabei wollten die Jugend sich gerade von der digitalen Sucht befreien, angespornt von ihren Eltern ("Lies doch mal ein Buch", "Triff dich doch mit deinen Freunden") um tatsächlich wieder mehr echte Nähe zu empfinden.

Gefangen ist diese junge Generation nun in einem ihr aufgedrückten Verantwortungsbewusstsein - sie sollen zu Hause bleiben, damit Oma und Opa überleben. Auch dann, wenn Oma und Opa längst auf den Kanaren sind, da ist ja gerade kaum Corona und so gutes Klima. Klingt hart, ist aber so. Die meisten jungen Menschen nehmen ja auch gerne Rücksicht, haben sie doch ein gutes Verhältnis zu ihrer Familie. Aber #weareallinthistogether wird inzwischen ja recht #weareallveryindividual ausgelegt. Wann kommt nun also die junge Genereation zum Zug? Wann geht das Leben los, wann dürfen sie ausbrechen, sich ausprobieren? Wann dürfen sie mal wieder so richtig unbeschwert lachen? Wann geht es in Europa einfach nicht mehr zu wie im Irrenhaus, wo die rechte Hand nicht weiß, was die linke gerade macht?

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Früher hätten die Eltern gesagt: "Mach das Handy aus!" Heute könnten es ja Hausaufgaben oder der Klassenchat, Nabel zur Welt, sein.

(Foto: imago images/Cavan Images)

Diese Zeit nimmt zweifellos einen prägenden Einfluss auf unsere Kinder. Ja sicher, wir sind nicht im Krieg, jedenfalls nicht im üblichen Sinne, aber wir befinden uns im Kampf gegen einen unsichtbaren Feind. Flucht vollkommen zwecklos. Wie erklären wir, vielleicht der "Generation Golf" angehörend, der "Generation Lockdown" (übrigens super, dass wir immer gleich so griffige Bezeichnungen finden) das ganze Dilemma? Und ist die "Generation Golf" ganz allein Schuld daran, weil sie nicht rechtzeitig den Müll getrennt hat, alte Autos liebt und Fleisch frisst? Schon möglich.

We are family

Die Ergebnisse der zweiten und dritten Phase der 4-stufigen Forschungsreihe von "september Forschung & Strategie" zeigen, wie sehr die jungen Erwachsenen zwischen den Extremen gefangen sind: Einerseits finden sie Halt in ihrem engsten Freundeskreis, dem Inner Circle, stellen ihn aber andererseits auch in bisher ungekannter Härte auf die Probe.

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"Da schau, Karl-Kevin, der Mann mit der Maske, das ist der Papa."

(Foto: imago images/Cavan Images)

Die Familie spielt gerade für die, die noch zu Hause wohnen, eine wichtige Rolle, aber dadurch bleiben die jungen Erwachsenen auch in ihrer Kinderrolle stecken, statt sich von ihr zu emanzipieren - ein Dilemma. Patricia Johannes, verantwortlich für die zitierte Studie, fasst zusammen: "Die Generation Lockdown sucht nach Verbündeten, die ihre spezielle Situation verstehen, sie ernstnehmen, ihnen die richtige Mischung aus Vertrautem und Neureiz bieten - und ihnen nicht zuletzt vermitteln, dass es sich lohnen wird durchzuhalten." Dabei darf es durchaus emotionaler als sonst zugehen. Diese Generation braucht Zuversicht und ab und zu einen kleinen Stupser: Damit auch sie wissen, wie fähig und großartig sie sind.

Alles neu

Nur Maximiliane hat nichts mitbekommen - sie wurde im Corona-Jahr gezeugt und geboren und wird sich an den ganzen Mist einfach nicht erinnern können. Aber - in was für einer Welt wächst die Kleine auf? In einer Welt, in der sie - draußen - nur Maskierte sieht. Wie soll sie lernen, Emotionen in Gesichtern zu lesen? Wird das maskierte Gesicht für Kinder irgendwann normal? Bitte nicht!

In dem anfangs zitierten Artikel, dem Gespräch mit Neuropsychiater Cyrulnik, sagt er: "Ein isoliertes Gehirn erlischt", und malt ein leider recht düsteres Bild für die Zukunft der Jugend, das es unbedingt zu verhindern gilt. Er prophezeit, dass unsere Kinder einen niedrigeren Lebensstandard haben werden, unter anderem deswegen, da alle Länder enorme Schulden aufgenommen haben. Und: "Es gab schon immer Epidemien, Cholera, Pest, Enzephalitis - aber niemals hat man die Psyche so sehr attackiert." Warum jetzt? Auch darauf wusste Cyrulnik im Juni 2020 bereits eine Antwort, die man so zusammenfassen kann: "Das System hat dieses Virus möglich gemacht und zeigt uns nun, wie sehr unser System krankt."

Dann ist es wohl an der Zeit, das Virus in seine Schranken zu weisen und das System zu heilen. Für unsere Kinder.

Quelle: ntv.de