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Was vor "Psycho" geschah "Bates Motel" liefert perverse Freuden

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Norman und Norma in ihrem schaurigen Motel.

Wenn ein Teenager gerne Bilder brutal geknebelter Frauen ansieht, ist das schlimm? Was, wenn er Leichen im See versenkt? Die neue Vox-Serie "Bates Motel" erzählt, wie aus dem Jungen Norman ein Serienmörder wird.

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Die schöne Bradley hat Norman den Kopf verdreht.

Norma und Norman Bates sind ein Team. Man sorgt füreinander, tröstet sich, ihre Beziehung birgt Raum für Zärtlichkeit wie Strenge - und wenn mal eine Leiche beseitigt werden muss, muss eben mal eine Leiche beseitigt werden. Norma und Norman sind die Hauptcharaktere der US-amerikanischen Serie "Bates Motel", die ab heute beim Sender "Vox" läuft - und sie sind keine Liebenden à la Bonnie und Clyde, sondern Mutter und Sohn.

"Bates Motel" erzählt die Vorgeschichte des Hitchcock-Klassikers "Psycho". Erst mal ohne Duschszene, dafür mit einer beängstigend lebendigen Mutter Norma. Bereits in Folge eins wird klar: Die Chancen auf ein ganz gewöhnliches Leben standen beim kleinen Norman schon immer ziemlich mies.

In den ersten Minuten von Folge eins findet Norman die Leiche seines Vaters. Während er vom Schmerz zerrissen zusammensackt, plant seine Mutter schon den Neuanfang: Sie kauft ein Motel am Rande des idyllischen Städtchens White Pine Bay, packt den ansonsten schmalen Besitz der Zwei-Mann-Familie plus Sohn in einen schmucken Mercedes und düst gen Happy End.

Gnadenlos brutal und sexuell explizit

Wie Norma Bates sich das vorstellt, wird recht schnell deutlich: mit dem Sohnemann an ihrer Seite, 24 Stunden am Tag. Geschlafen wird Tür an Tür, und wenn ein paar hübsche Klassenkameradinnen Norman zum Lernen abholen wollen, lautet die Antwort klar "nein".

Aber Norman ist eben auch nur ein Teenager und für die hübsche Bradley, die in dem Eigenbrötler etwas Besonderes zu erkennen meint, klettert selbst er aus dem Fenster. Man muss der eigenen Mutter ja auch nicht jeden Abend verstohlen beim Umziehen zusehen. Den Zeitpunkt hätte Norman dennoch nicht ungünstiger wählen können.

Nachdem "Bates Motel" mit Waisen-Trauer und Inzest-Anspielungen schleppend Gefühle der Beklemmung heraufbeschworen hat, treten die Macher der Show mit Kraft aufs Hitchcock-Pedal - gnadenlos brutal und sexuell explizit, wie es schon den Zensur-Fanatikern von einst aufstieß und was auch heute nicht spurlos am Zuschauer vorbei gehen kann.

Hitchcock-Idee trägt nicht die ganze Serie über

Norma sitzt allein in der Küche, als der betrunkene Vorbesitzer des Motel-Grundstücks die Türscheibe einschlägt, in die Wohnung poltert und mit irrem Blick einen Teppichcutter aus der Hosentasche zieht. "Alles, was in diesem Haus ist, gehört mir", das sind die Worte, mit denen er auf Norma zutorkelt. Er tritt und schubst sie, sie wehrt sich. Er packt sie, sie schreit nach dem Sohn, doch der kann sie nicht hören. Als ihre Hände in Handschellen sind und Paketband ihren Mund verschließt, ist die Berechnung aus ihren Augen gewichen. Als sich der Fremde an ihr vergeht, zeigt ihr Blick nur noch rohe Panik.

Aber es ist Norma Bates, die hier vergewaltigt wird, und Norma Bates ist kein Opfer. Ihr Sohn kann den Eindringling kurz außer Gefecht setzen. Die Mutter rammt ihm das Küchenmesser in die Brust - mehrfach. Es ist die zweite Leiche in "Bates Motel" und während Mutter und Sohn sie gemeinsam im See versenken, stellt sich wieder ein, was in Anbetracht des ersten leblosen Körpers zu bröckeln begonnen hatte: das Gefühl bedingungsloser Einheit.

Während Norman sich in seiner neuen Lebensrealität zurechtfinden muss, kann der Zuschauer sich in der Welt von "Bates Motel" orientieren. Weil die dramatische Glucke-Kind-Beziehung zwischen Norma und Norman keine ganze Fernsehserie trägt, haben die Macher der Show noch den ein oder anderen Hitchcock-fernen Handlungsstrang hinzugefügt.

Ein Teenager auf dem Weg zum Serienmörder

So ist White Pine Bay bei Weitem kein romantisches Städtchen. Mafiöse Strukturen um Drogenhandel und Zwangsprostitution bestimmen das Leben der Einwohner. Da kommt Normans gescheiterter Bruder Dylan ins Spiel. Der nennt seine Mutter liebevoll "die Hure" und verfällt mit Gang in den Stripclub dem Traum vom schnellen Geld. Involviert ist auch Polizist Zack, der zunächst treudoof wirken mag, um den herum jedoch plötzlich Männer brennen - und in dessen Keller sich noch ganz anderes verbirgt. Und ob Normans schwerkranke Freundin Emma sich wirklich auf die Suche nach Sexsklavinnen begeben sollte?

"Bates Motel" holt mit iPhones und Chart-Musik nicht einfach einen Horrorklassiker in die Gegenwart. Das alte Spiel mit der Uneindeutigkeit von Gut und Böse beherrscht die Serie von Folge eins an auf hohem Niveau. Obwohl den Machern von "Hannibal" sicher die bessere Kultadaption im Fernsehformat gelungen ist, kann eins bereits als große Leistung anerkannt werden: Hier wird ein Norman Bates gezeichnet, der liebenswert hadert und tollpatschig gut ist, der klug denkt und doch abhängig handelt, der abartig träumt und doch nicht zwangsläufig der Serienmörder werden musste, der er später geworden ist.

Die ersten beiden von zehn Folgen von "Bates Motel" laufen am 5. Mai 2014 ab 22 Uhr bei Vox.

Quelle: n-tv.de

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