Unterhaltung

Don DeLillo wird 85 Chronist der amerikanischen "Unterwelt"

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DeLillo bei einem seiner seltenen öffentlichen Auftritte: 2011 auf einem Literaturfestival in Prag.

(Foto: imago stock&people)

Seit Jahren gilt er als Anwärter auf den Literaturnobelpreis und ist vielen trotzdem unbekannt: der Schriftsteller Don DeLillo. Er schreibt über US-amerikanische Traumata im 20. Jahrhundert und dringt in die Ängste und Neurosen seiner Protagonisten vor.

Dass Don DeLillo manchmal in einem kleinen, etwas altmodischen Paralleluniversum lebt, zeigt sich schon an seinem bevorzugten Schreibinstrument. "Ich benutze eine alte, gebrauchte Olympia, die ich 1975 gekauft habe", erzählte DeLillo im vergangenen Jahr dem "Guardian". Er möge die große Schrift, die es ihm ermögliche, die Wörter auf der Seite klar und im Bezug zum gesamten Satz zu sehen.

Diese Klarheit ist es, mit der der US-Schriftsteller seit knapp 50 Jahren seine Heimat mit kritischem Blick seziert und das verstörende Bild einer Massen- und Medienwelt entwirft, die dem Einzelnen keine Chance mehr lässt. DeLillo ist ein Meister darin, seine Leser mit den Gefühlen der Einsamkeit und Entfremdung, mit Verlust und Verschwörungen zu konfrontieren. An diesem Sonnabend wird er 85 Jahre alt.

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DeLillo neben Juliette Binoche und Robert Pattinson 2012 bei der Premiere des Films "Cosmopolis". Das Buch stammt aus seiner Feder.

(Foto: picture alliance / dpa)

Als einer der Favoriten für den Literaturnobelpreis gilt DeLillo spätestens seit seinem 1997 erschienenen Roman "Underworld" ("Unterwelt"). Zusammen mit Philip Roth, Thomas Pynchon und Cormac McCarthy wird er zu den großen Meistern der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur gezählt. Kritiker bezeichneten seine Alltagsbeschreibungen als klug, witzig, und manchmal auch giftig.

Das Epos "Unterwelt", von der Kritik als "Jahrhundertwerk" gefeiert, machte den Sohn einfacher italienischer Einwanderer auch international zum Star. Der Schriftsteller David Foster Wallace schrieb ihm im Nachgang der Veröffentlichung einen Brief der Verehrung. Medienberichten zufolge will Netflix sich des Stoffes nun annehmen.

In dem 800-Seiten-Roman liefert DeLillo aber keine Geschichte über Verbrecher und Mobster der "Unterwelt" ab, sondern eine, die auch die dunkle Seite Amerikas umspannt, ein grandioses Kaleidoskop der USA in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das Baseballspiele wie Atombombentests, begeistert spielende Kinder wie Drogen- und Gewalttraumata umfasst. Es war bereits der elfte Roman DeLillos und erstmals klang darin auch seine eigene Geschichte an. "Ich habe mich immer selbst in Sätzen gesehen", sagte DeLillo einmal in der Kult-BBC-Doku "The Word, The Image, and The Gun". Doch zu diesen Sätzen fand er erst über Umwege.

Vom Parkwächter zum Kult-Schriftsteller

In einem italo-amerikanischen Viertel der Bronx in New York aufgewachsen, liest er als Kind nur Comics, wie er 1993 in einem Interview mit "The Paris Review" erklärt. Als junger Mann studiert er Theologie und Philosophie und hält sich mit Gelegenheitsarbeiten - etwa als Parkwächter - über Wasser. Mit 28 kündigt er einen Job als Werbetexter und wird Schriftsteller. Aber erst nach jahrelanger Arbeit und mit Mitte 30 stellt er 1971 sein Romandebüt "Americana" vor, eine Geschichte über den Ausstieg eines erfolgreichen Filmemachers aus der großen Kinomaschinerie.

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DeLillo da, wo er vermutlich am liebsten ist: In der Welt der Buchstaben, Wörter und Sätze (Bild von 1999).

(Foto: imago/Leemage)

Für sein Werk ist er vielfach ausgezeichnet worden, unter anderem von der renommierten Library of Congress. Für "Weißes Rauschen", eine bittere Satire über die Bedrohung einer US-amerikanischen Kleinstadt durch eine Giftwolke, erhielt er 1985 den begehrten National Book Award, für "Mao II" 1992 den PEN-Faulkner-Preis.

Mehr als 15 Romane hat der Meisterautor bisher geschrieben. Im Alter, so merkte er zuletzt, laufe auch der Schreibprozess nicht mehr so wie früher: "Aber ich bin auch viel langsamer. Ich bin nicht älter und weiser. Ich bin nur älter und langsamer". Zuletzt kam 2020 der Kurz-Roman "The Silence" heraus, bei dem es um den kompletten Kollaps der digitalen Struktur in den USA im Jahre 2022 geht. Wenn es soweit wirklich käme, kann wohl nur eine Schreibmaschine der Marke Olympia helfen.

Quelle: ntv.de, Benno Schwinghammer, dpa

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