Unterhaltung

"Papa macht endlich was Cooles!" Dani Levy über die "Känguru-Chroniken"

Der Regisseur freut sich - zu Recht!

Der Regisseur freut sich - zu Recht!

(Foto: imago images/Future Image)

Jeder kennt sie, die "Känguru-Chroniken" - entweder als Buch oder auch als Hörbuch oder wenigstens vom Hörensagen und nun, laut Kino-Charts, auch schon halb Deutschland als Film. Da scheint einer genau den Humornerv getroffen zu haben - Marc-Uwe Kling - und ein anderer - Dani Levy - hat sich getraut, das Ganze ins Kino zu bringen. Getraut deswegen, weil man eigentlich fast nur verlieren konnte gegen den Erfolg der Bücher. Levy ist aber die Quadratur des Kreises gelungen: Sein Känguru macht so viel Spaß, dass man hinterher noch die Bücher lesen und die Hörbücher hören möchte. Ein Gespräch mit dem Schweizer Regisseur über Humor, Henry Hübchen und das Helle.

ntv.de: Wie seid ihr alle zusammengekommen?

Dani Levy: Meine Kinder waren Fans der Känguru-Chroniken, ich wurde es und Marc-Uwe Kling, der Autor, war die treibende Kraft. Und man muss mal sagen: Er hatte eine Menge Angebote von Filmfirmen und Produzenten, die seinen Stoff verfilmen wollten. Zum Glück hat er sich für uns entschieden!

Was war wohl der Grund, was meinen Sie?

Dani Levy

Dani Levy hört auf seine Kinder - zum Glück!

(Foto: imago images/SKATA)

Wahrscheinlich, weil er sich bei X-Filme sicher sein konnte, dass er bei einer Independent-Firma gut aufgehoben ist, dass man politisch auf der richtigen Seite ist und: Es ist kein Konzern. Bevor ich dazukam, haben alle hier schon an dem Drehbuch gearbeitet (lacht). Da saß ich noch zu Hause und habe die Hörbücher gehört.

Haben Sie gleich gelacht?

Zuerst habe ich mich darüber gewundert, dass meine Kinder darüber lachen, denn ich finde, das ist doch eigentlich Erwachsenen-Humor. Aber ich fand es gut, dass sie das toll finden. Und dann kam die Anfrage, ob ich den Film machen will.

Und die Kinder …

… haben gejubelt: "Papa macht endlich was Cooles!" Mit Marc-Uwe habe ich gemerkt, dass das ganz schön kompliziert wird, dieses kleine Känguru-Universum mitsamt dem Charme der anekdotischen Hörbücher ins große Kino zu packen. Das stellte ich mir schwer zu toppen vor. Aber unser Wille war groß!

Der Autor ist ja mittendrin im Film!

Ja, und in der Zusammenarbeit haben wir gemerkt, dass es genau richtig war, dass ich diesen Film mache! Wir sind beide Self-Made-Leute - ich bin ja Autodidakt und Seiteneinsteiger - und bei Marc-Uwe hat sich das alles auch so verselbstständigt mit den Büchern. Auf der anderen Seite sind wir beide total Kontrollfreaks, er fand das, glaube ich, echt schwer abzugeben. Er ist ein Typ, der alles durchdringen muss, überakribisch, und er hätte am liebsten jede Rolle gespielt und jede Stimme gesprochen und alles gemacht.

Aber verständlich, oder? Das ist sein Baby, das kommt alles aus seinem Kopf, und als Hörbuch und als Buch ist es ja auch zu ganz großen Teilen seins.

Ja, das stimmt natürlich. Und aus der sogenannten Kleinkunst - also einer Lesung im Mehringhoftheater mit 300 Leuten - zum Kinosaal bedarf es schon eines ganz großen Sprungs. Und Vertrauen. Das ist ganz schön weit weg vom Ursprung. Aber es ist auch Teil eines Spiels, so einen Film zu drehen. Dass er sich in den Film reingeschrieben hat, hat schon eine sehr jüdische Meta-Ebene.

Inwiefern?

Diese Idee der Stand-up-Comedy, wo du dich selbst mit reinschreibst in das Produkt, wo du sagst, ich mache Geschichten über mich selbst, die dann wiederum Geschichten hervorbringen, und dann werde ich letztendlich von einem Känguru kritisiert, und dann habe ich damit Erfolg und thematisiere das auch wieder - also Hülle um Hülle um Hülle - das hat viel jüdischen Humor, so eine Verarsche.

Der Cast ist natürlich toll - allein Henry Hübchen zu sehen, lohnt sich mal wieder.

Die drei von der Tankstelle ...

Der Autor, der Regisseur und der Hauptdarsteller verstehen sich blind.

(Foto: imago images/Photopress Müller)

Ja, ich wollte ihn unbedingt wieder dabeihaben, seit "Alles auf Zucker" will ich eigentlich jede Rolle mit ihm besetzen. Aber nun war er nicht geeignet für das Känguru und auch die Rolle von Marc-Uwe ging nicht wirklich. Bei aller Liebe, denn er sieht natürlich fantastisch aus (lacht). Und anfangs hat er auch gebrummelt, dass er nur den Antagonisten und nicht den Protagonisten spielen durfte, aber dann hat er sich doch sehr mit seiner Rolle des Immobilienhais angefreundet. Diese Art von Komik ist gerade so elementar wichtig in der jetzigen Zeit, wo wir alle unter dem Bann der neuen Arschlöcher stehen, die in Meilenstiefeln unsere Gesellschaft betreten und sich festsetzen in allen Ländern, weltweit. Wenn wir schon so eine dystopische Weltverschwörung zeigen, dann besser nicht zu verstörend.

Aber dass der Görlitzer Park aufgekauft wird von rechtslastigen Parteien und Finanziers, ist doch gar nicht mal so unrealistisch.

Da hat die Geschichte sich quasi ein bisschen eingeholt, aber ich hoffe doch sehr, dass diese Utopie eine Utopie bleibt. Ich hoffe es! Henry jedenfalls wollte diesen Typen dann durchdringen, nicht clownesk, und das ist ihm meines Erachtens auch supergut gelungen.

Henry Hübchen spielt ja gerne mal den grumpy Kerl, aber das auf diese überzeugende Art, dass man ihn einfach toll finden muss.

Wir alle sind ja mehrgesichtig, hell und dunkel, laut und leise, das ist bei Henry nicht anders. Und so ist das auch mit Marc-Uwe und seinem Känguru. Man könnte sagen, das Känguru ist alles, was Mark-Uwe nicht ist und umgekehrt.

Zumindest gibt es einen Kommunisten und einen Anarchisten …

Ja, aber vor allem sind es diese schrägen Konstellationen von Freundschaften oder von Liebesgeschichten, wo zwei Figuren sich aufs Übelste ergänzen, wo dann der Humor entsteht. Henry hat das auch, diese euphorische, süße, leidenschaftliche Schauspielerseite und auf der anderen Seite ist er manchmal eben sehr kritisch. Und das ist toll! Ich mag das. Wenn man auch mal widerspricht am Set.

Und mit Marc-Uwe, wie war es mit dem Vater des Ganzen?

Bei der Drehbucharbeit und bei der Vorbereitung und bei der Besetzung der Figuren war er stark involviert, beim Dreh nachher dann nicht mehr und beim Schnitt auch nicht. Er ist die Stimme des Kängurus, das ist eine Menge Detailarbeit, und dann war es wichtig, dass er dem Ganzen seinen Stempel geben konnte. Er war wie eine sehr gute, sehr sorgfältige Helikopter-Mutter mit seinem Baby. Das war alles gut so, wie wir das gemacht haben, denn sein Publikum kennt den Stoff ganz genau und seine Unterstützung wollten wir da natürlich einbringen. Das war alles eine ganz große Vertrauensarbeit.

Etwas allgemeiner gefragt: Wir leben in merkwürdigen Zeiten - tanzen wir gerade auf einem Vulkan?

Ich glaube schon, dass wir aus der Vergangenheit gelernt haben und dass es Reflexe gibt, die antipodisch verlaufen. Es gibt den Reflex auf das Multikulturelle, auf die Öffnung, auf die Freiheit, auf die Einwanderung, auf das Fremde, auf das Unkontrollierbare - diese Reflexe sind und waren schon immer da. Die Menschheitsgeschichte war durchsetzt von immerwährenden Gegenbewegungen, das ist ein ganz großes Hin und Her: Die Welt bewegt sich immer auf eine Grenze zu und dann dreht sie sich wieder um. Ich glaube leider schon, dass es eine Gefahr durch wieder erstarkten Rechtsradikalismus gibt und einen nicht zu unterschätzenden Faschismus, der in vielen Köpfen vorhanden ist und sich durch soziale Medien noch viel ungehinderter verbreiten kann als früher. Und ich glaube auch, dass die Gefahr durch Parteien wie die AfD in vielen Ländern unterschätzt wird. Aber es gibt eine Einmaligkeit, die wir in der Welt gerade haben und das ist die klimatische Problematik - die wird total unterschätzt. Ich glaube, da laufen wir auf ein Problem zu, das so viel krasser ist und so viel gefährlicher als alle politischen Bewegungen, dass man in Bezug darauf durchaus von einem Tanz auf dem Vulkan sprechen kann. Wir müssen Konsequenzen ziehen! Wir haben es uns aber in unserer Komfortzone so bequem eingerichtet, da kommen wir allein gar nicht mehr so einfach raus. Wir sind wirklich in Not!

Hilft Humor?

Auf jeden Fall. Nicht nur, weil er ablenkt, sondern auch, weil er fokussiert. Humor hat die Möglichkeit, Erkenntnisse zu bringen, über dunkle Bereiche und Tabus, Dinge die unangenehm sind. Mit Humor zieht man diese Dinge ins Helle, man sieht sie und man kann drüber lachen, das hilft. Das Lachen ist auch eine Art Schutz - denn da ist eine Menge Empathie drin. Mit Humor hat man die Chance, über große und teilweise sehr abgründige Widersprüchlichkeiten Filme zu machen, die dann erträglich sind, die man sogar genießen kann.

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Quelle: ntv.de