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Und es hat "Whoosh!" gemacht Deep Purple graben immer noch tief

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Auf ihrer Zeitreise im Jahr 2020 angelangt: Deep Purple.

(Foto: Ben Wolf)

"The Long Goodbye", der lange Abschied, nannten Deep Purple ihre Tour vor einigen Jahren. Zu ernst sollte man den Titel nicht nehmen, jetzt meldet sich die Hardrock-Legende mit einem neuen Album zurück. Sänger Ian Gillan im Gespräch mit ntv.de über erste Touren, legendäre Songs, Chopin und Beethoven.

n-tv.de: Ian Gillan, wie geht es Ihnen, wo erreichen wir Sie gerade?

Ian Gillan: Ich bin in meinem Haus in Portugal. Zuvor habe ich einige Monate in Großbritannien verbracht, in Quarantäne zwar, aber ich hatte dennoch eine gute Zeit. Jetzt bin ich hier, genieße die Sonne und arbeite.

Das Video zu "Man Alive" mit dem einsamen Astronauten und den Untergangsszenarien hat in den Tagen der Corona-Krise noch einmal einen besonders aktuellen Unterton bekommen.

Das kann man wohl sagen, eigentlich war das ganz anders gemeint, aber manchmal schreiben sich die Geschichten von allein. Da kannst du absolut nichts gegen tun.

"Whoosh!" ist ein ziemlich ungewöhnlicher Albumtitel, nicht nur für Deep Purple.

Ja, das hat sich so ergeben. Wenn wir an einer neuen Platte arbeiten, haben wir etliche Ideen, zahlreiche Arbeitstitel, über die wir immer wieder diskutieren. Whoosh, das war plötzlich da, mit seiner ganzen onomatopoetischen Kraft, diesem impressionistischem Vibe, das gefiel mir. Zum einen hat es den inhaltlichen Bezug zu einigen Songs, zum anderen versinnbildlicht es die vergängliche Natur des Menschen auf diesem Planeten. Wollte man es etwas weniger bedeutungsschwer deuten, dann steht es für die Karriere von Deep Purple. Mir kommt es manchmal vor, als wäre gestern noch 1969 gewesen und, Whoosh!, plötzlich sind wir im Jahr 2020.

Erneut haben Sie in Nashville aufgenommen, eine Stadt, die man eher mit Countrymusik verbindet als mit klassischem Hardrock Marke Purple. Was zieht Sie dorthin?

Zuerst einmal Bob Ezrin, unser Produzent, der lebt dort. Es gibt in Nashville fantastische Aufnahmestudios und herausragenden Tontechniker. Und zugegebenermaßen ein paar tolle Bars.

Essenziell für die Band?

Oh, dann und wann ist das auf jeden Fall wichtig.

Waren Produzenten von je her wichtig für Deep Purple?

Wir hatten schon mal Zeiten, da wir dachten, wir können alles allein wuppen. Wir verfügen über jede Menge Talent in der Band, Roger Glover zum Beispiel hat sehr viel Erfahrung als Produzent. Innerhalb der Gruppe ist es zuweilen jedoch unglaublich schwer, objektiv zu sein. In einer Band-Demokratie ohne Anführer neigt man schon mal dazu, sich über Kleinkram immer und immer wieder auseinanderzusetzen, den man längst hätte ad acta legen sollen. In dieser Hinsicht ist Bob ein Gottesgeschenk. Er hat die nötige Ahnung, den richtigen Zugriff, genau genommen war er der Entscheider bei den letzten drei Purple-Platten, eben weil er objektiv ist. Ein Kernsatz von ihm lautet: Ich will keine Songs, ich will Musik. Das hat uns imponiert, das ist es, worum es uns heute geht.

Wie wichtig sind Meinungen von außerhalb, gerade in der Produktionsphase?

Wir haben nie in die Richtung gedacht, ob Leute das nun mögen oder nicht, das war nie ein Teil von Deep Purple.

Wo passiert anno 2020 die Magie - sind es die spontanen Momente oder doch eher die Stunden um Stunden an Studioarbeit, die in einen einzigen Song fließen?

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Ian Gillan steht mit Deep Purple bis heute auf der Bühne.

(Foto: imago/Le Pictorium)

Im Kern ist es eine Mischung aus beidem. An der Kreativarbeit selbst hat sich im Verlauf der letzten 50 Jahre praktisch nichts geändert. In der ersten Phase setzen wir uns eine Woche lang zusammen und arbeiten, das machen wir oft in Deutschland. Das geht von mittags bis abends, zwischendurch gibt es ganz klassisch eine Tee-Pause, alles wie früher. Das lebt seit Jahr und Tag von der starken Verbindung untereinander, dem Draht, den wir miteinander haben. Das Verrückte ist, dass bei den ganzen verschiedenen Backgrounds der Mitglieder, von Orchester über Klassik bis Jazz und Blues, alles entstehen kann. Ich für meinen Teil liebe es, einfach dazusitzen und zuzuhören.

Wie geht es in die nächste Phase?

Aus diesem ersten Teil entstehen etwa zehn Arbeitsversionen, die Grundideen. Damit geht es dann nach Nashville, wo Bob ins Spiel kommt, und aus diesen Skizzen die Stücke entstehen.

Auch der Aufnahmeprozess selbst geschieht auf Oldschool-Art?

Absolut, wir stehen alle zusammen in einem Raum und spielen es ein, als wären wir auf der Bühne. Selbst viele der Soli werden live eingespielt. Das sind ja alles nicht nur gute Musiker, die üben auch noch sechs Stunden täglich. Keine Ahnung, woher sie die Zeit nehmen.

Mit Songs wie "Smoke On The Water", "Child In Time" oder "Highway Star" unterm Gürtel - kann das auch mal zur Last werden, immer wieder an diesen Klassikern gemessen zu werden?

Diese Lieder hat noch nie jemand mir gegenüber erwähnt (lacht). Aber mal im Ernst: So denken wir nicht. Es geht immer darum, sich weiterzuentwickeln. Die Zeiten ändern sich, nicht nur die Musik, auch die Interviews übrigens. Früher hat man uns nach unserer Lieblingsfarbe gefragt oder was für ein Auto wir gern fahren würden. So ein Gespräch wie heute haben wir damals nicht geführt, so viel steht fest. Damals wie heute gilt: Jeder Song muss irgendwo seinen Anfang nehmen. Das war zu Zeiten von "Machine Head" genauso wie heute bei "Whoosh!".

Ein Song wie "Drop The Weapon" hat ganz konkrete aktuelle Bezüge.

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Deep Purple Mitte der 1970er.

(Foto: imago images/Mary Evans)

In der Tat, hier geht es um die Bandenkriege in London, um die steigende Zahl von Gewaltverbrechen und Messerstechereien. Um diese Kids wird sich nicht genug gekümmert, niemand nimmt sie beiseite und sagt ihnen genau das: Legt die Waffen beiseite. Das ist grausam und schockiert mich sehr. Das muss aufhören. Bildung und Aufklärung sind essenziell.

Würden Sie Deep Purple als eine politische Band bezeichnen?

Nein, das waren wir nie. In der Gruppe gibt es die unterschiedlichsten Strömungen und Gedanken, das würde nie zu einer gemeinsamen Message taugen. Es geht uns immer ums Geschichtenerzählen, ums Abstrahieren. Das macht den Spaß aus, ist aber allein schon eine Herausforderung. Eine politische Band waren wir nie, uns sind Denkanstöße wichtig, aber keine Botschaften im Sinne von Richtungsangaben.

Erinnern Sie sich an einen Zeitpunkt, an dem es Ihnen dämmerte, dass Musikmachen ein Lebensweg für Sie sein könnte, eine Karriere?

Nein, Musik war immer wie ein Freund für mich. Direkt nach der Schule habe ich meine erste Band gegründet, von da an hörte es nicht wieder auf. Ich bin letztlich nur dem für mich natürlichen Weg gefolgt. Auf meinen ersten Tourneen hatten wir gerade einmal genug Geld für Benzin und Sandwiches, das war es. Aber wir traten jeden Abend vor Dusty Springfield auf und ihr zuzuschauen, war allein Belohnung genug, das hat mich unglaublich geprägt.

Wie sehen Sie heute den Anteil Deep Purples an der Evolution von Hardrock und Heavy Metal?

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Wir haben uns nie derartig bezeichnet, wir waren und sind einfach Deep Purple. Wenn junge Musiker heute zu mir sagen, hey, wir haben Led Zep und Black Sabbath und Purple gehört, das sind unsere Einflüsse, dann denke ich so bei mir: Und das ist alles? Ihr hört also keinen Chopin oder Beethoven, Ella Fitzgerald, Cliff Bennett, Jerry Lee Lewis, Chuck Berry, Marvin Gaye oder Dusty Springfield? Das ist es, wo wir herkommen, all das sind unsere Einflüsse. Das haben wir nicht kopiert, aber es hat uns beeinflusst, daraus entstand diese ganz besondere Chemie. Ihr müsst tiefer graben, sage ich dann zu den jungen Leuten, lernt, übt und arbeitet, erforscht die verschiedenen Stile. Dann können daraus neue Dinge entstehen.

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Mit Ian Gillan sprach Ingo Scheel

Das Deep-Purple-Album "Whoosh!" ist ab dem 7. August erhältlich.

Quelle: ntv.de

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