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Sebastian Fitzek im Interview "Die Corona-Krise ist ein realer Thriller"

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Sebastian Fitzek ist Deutschlands bekanntester und erfolgreichster Thrillerautor. Seine Bücher führen regelmäßig die Bestsellerlisten an.

(Foto: Marcus Höhn)

"Wer das Datum seines Todes kennt, hat mit dem Sterben schon begonnen", schreibt Bestsellerautor Sebastian Fitzek in seinem neuen Psychothriller "Der Heimweg". ntv.de verrät er, worum es geht, inwieweit die Corona-Krise als Thriller-Setting taugt - und welche Rolle bei der Ideenfindung ein Wasserbett gespielt hat.

ntv.de: Herr Fitzek, haben Sie ein Wasserbett?

Sebastian Fitzek: (lacht) Ein guter Freund von mir hat ein Wasserbett. Ich selber habe keins, meine Bedenken, dass das auslaufen könnte, waren zu groß.

Sie ahnen, worauf ich anspiele: In Ihrem neuen Psychothriller "Der Heimweg" kommt ein durchsichtiges Wasserbett vor, in dem Leichenteile schwimmen. Was hat Sie denn dazu inspiriert?

Ich war einmal in einem Hotelzimmer untergebracht, das ein Wasserbett hatte. Kein Stundenhotel übrigens. (lacht) Das Hotel hatte sich die Wasserbetten vielmehr als Special für die Gäste ausgedacht. Für mich selbst war es keine tolle Erfahrung, weil ich mir sofort Gedanken darüber gemacht habe, was passiert, wenn da kein Wasser, sondern irgendetwas anderes drin ist.

Ein Torso und ein Kopf beispielsweise ... Gleichzeitig müsste Ihnen die Telefonnummer 030-120 74182 etwas sagen ...

Ja, ich nehme an, das ist die Nummer des Heimwegtelefons. Und das war der Anstoß, weshalb ich mich an "Der Heimweg" gesetzt habe: Vor mehr als einem Jahr habe ich eine E-Mail einer Leserin bekommen, die ehrenamtlich beim Heimwegtelefon arbeitete. Ich kannte das gar nicht, habe mich danach aber informiert und wusste: Das ist eine gute Idee, ein gutes Thrillersetting - jemanden am Wochenende um 3.00 Uhr beispielsweise anzurufen, der einen dann via Telefon nach Hause begleitet.

Das Heimwegtelefon gibt es nur am Wochenende?

Nein, das Telefon ist Sonntag bis Donnerstag von 20 bis 24 Uhr zu erreichen und freitags und samstags 21 bis 23 Uhr. Es stand schon mehrfach vor dem Aus. In Schweden ist es anders, dort ist es direkt bei der Polizei angesiedelt.

Wasserbett-Recherche, Heimwegtelefon ... wie lange reifte die Idee für den Plot zu "Der Heimweg"?

Na ja, zuerst gibt es einen Impuls und dann irgendwann die komplette Story im Kopf. Impulse für Thriller findet man in einer Stadt wie Berlin viele. Es gibt jede Menge schräge Situationen und noch mehr verhaltensauffällige Menschen. Aber nicht aus jedem Impuls entsteht ein Thriller. Eine Idee allein reicht nicht, ich muss auch einen Zugang zu dem Thema finden, der mich dann so lange elektrisiert, dass ich sage: "Ja, damit verbringe ich jetzt rund ein Jahr." Bei "Der Heimweg" kam das erst drei oder vier Jahre später.

Was war denn sozusagen der zweite Impuls, der dann Ihr neues Buch letzten Endes auf den Weg gebracht hat?

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Den zweiten Impuls haben eine Menge Gespräche mit Menschen aus meinem näheren Umfeld gegeben. Dabei ging es um das Thema häusliche Gewalt. Sie waren mittel- oder unmittelbar davon betroffen. Da wurde mir schlagartig klar, wie einfach es bei der Recherche ist, auf Opfer zu stoßen. Häusliche Gewalt ist ein Massendelikt: Jede vierte Frau in Deutschland ist schon einmal mit häuslicher Gewalt konfrontiert worden. Die Dunkelziffer liegt noch deutlich höher. Laut "Sicherheim", einer Initiative von Natalia Wörner und der Bertelsmann Stiftung, soll sogar jede dritte Frau von diesem traurigen Massenphänomen betroffen sein. Ich schreibe nicht über jemanden, der Angst auf dem Heimweg hat, sondern über jemanden, der Angst hat, daheim anzukommen.

Der vermeintlich sicherste Ort, das Zuhause, wird in "Der Heimweg" zum schrecklichsten. Um wen geht es in Ihrem Buch?

Im Mittelpunkt steht Klara, Ehefrau und Mutter, die eines Abends das Heimwegtelefon oder wie es in meinem Buch heißt, das Begleittelefon, anruft, und dort mit Jules Tannenberg ins Gespräch kommt. Klara hat große Angst, denn es gibt jemanden, der ihr ein Datum genannt hat, an dem sie sterben wird. Und dieser Tag ist nur noch wenige Stunden entfernt. Das ist die Ausgangssituation dieses Thrillers, der im Grunde genommen ein sehr langes Telefongespräch ist.

Längen wiederum gibt es bei "Der Heimweg" nicht, vielmehr geht es schnell, direkt und hart zur Sache. Kritiker, die sagen, dass Ihre Bücher zu brutal seien, könnten sich bestätigt fühlen ...

Das Buch wird sicherlich als hart empfunden. Wobei in meinen Augen beispielsweise "Abgeschnitten" viel brutaler gewesen ist. Nichtsdestotrotz: Es gibt Szenen in "Der Heimweg", die ich selbst als sehr heftig empfinde, die aber im Gegensatz zu einem Film, wo die Kamera auf der Szene bleibt, erst da beginnen, wo die Handlung schon zu Ende ist. Ich blende also im Gegensatz zu einem Film immer vor der eigentlich harten Szene ab.

Haben Sie schon Rückmeldungen von Lesern diesbezüglich erhalten?

Ja, und nicht wenige. Der Großteil findet es gut, dass häusliche Gewalt in größerem Maßstab thematisiert wird. Ich glaube auch, dass das Thema an sich das Buch drastisch macht. Wenn es jemand beim Lesen als brutal empfindet, kann ich nur sagen: Wie muss es dann erst den Opfern gehen, die häusliche Gewalt am eigenen Leib erfahren.

Hat das Thema Coronavirus-Pandemie beim Schreiben des Buches eine Rolle gespielt?

Gar nicht. Das Buch war zu Beginn der Krise schon fertig. Ich habe die Danksagung am Ende des Buches in den ersten Tagen des Lockdowns geschrieben. Für mich war also absolut nicht absehbar, dass mit Corona und dem Lockdown das Thema häusliche Gewalt noch einmal aktueller werden und sich verschärfen würde. So gesehen ist "Der Heimweg" - ungewollt - leider sehr aktuell.

Bietet sich die Corona-Krise als solche direkt als ein Thriller-Thema an?

Das Thema hinter Corona wäre: Killervirus-Pandemie legt die Welt lahm. Grundsätzlich denke ich: Wenn wir die Pandemie überstanden haben und wieder zur Normalität zurückkehren, dann haben alle die Nase voll und wollen nicht auch noch fiktional damit belästigt werden. Es gibt allerdings ein Aber ...

Aber ...

Aber: Das, was wir durch die Corona-Krise gerade alle am eigenen Leib erfahren, ist genau das, was ich meinen fiktionalen Charakteren zumute: Ich konfrontiere sie mit einer Situation, mit der sie nicht gerechnet haben, ein Schicksalsschlag sozusagen, der das Leben von einer auf die nächste Sekunde verändert, auf den Kopf stellt. Zack, das Coronavirus ist da und unser Leben ist ein komplett anderes. Dabei wirkt die Corona-Krise wie ein Brennglas: Sie verändert den Menschen nicht, sie zeigt ihn, sei er ein politischer Hardliner oder ein Verschwörungstheoretiker. Sie ist ein realer Thriller, in dem wir leben.

Die Corona-Krise schürt Ängste, Ihre Bücher auch. Wovor hat denn Sebastian Fitzek Angst?

(lacht) Ich bin ein Weichei, wie viele andere Thrillerautoren auch. Ganz anders ist der Psychopath, er zeichnet sich dadurch aus, dass er keinerlei Empathie empfindet. Das heißt: Wenn der jemanden umbringt, ist das so, als wenn er sich eine Stulle schmiert. Über seine Taten würde und könnte er niemals ein Buch schreiben. Wir Thrillerautoren sind also das genaue Gegenteil eines Psychopathen.

Irgendwie beruhigend ...

Eben! Thrillerautoren müssen Angst haben, wenn sie auf dem Heimweg sind, bei Nacht, im Wald. Wir müssen diese Situationen durchleben oder zumindest uns hineinversetzen können. Wir müssen uns selbst Angst machen können. Die größte Angst, die ich habe, ist genau die, die ich meine Protagonisten durchleiden lasse: vor einem Schicksalsschlag oder einem Fehler zum Beispiel, den ich unbeabsichtigt mache, eine Fahrlässigkeit, die das Leben anderer in Gefahr bringt. Ich kann es nicht mehr aus der Welt räumen und muss den Rest meines Lebens mit den Konsequenzen leben. Davor habe ich Angst.

Zum Abschluss etwas völlig Angstfreies und etwas, was nie in Ihren Büchern vorkommt: Stellen Sie sich vor, eine gute Fee taucht auf und offenbart Ihnen, dass Sie einen Wunsch freihätten. Welcher wäre das?

Eine gute Fee ... (lacht) ... Ich würde mir auf jeden Fall nicht einfach die Zeit vor Corona zurückwünschen, denn auch damals hatten wir schon sehr viele gesellschaftspolitische Probleme. Ich würde mir wünschen, dass erstens die Krise vorbei ist und dass wir zweitens dann aber nicht sofort den Friede-Freude-Eierkuchen-Modus starten und in dieselben fehlerhaften Verhaltensweisen von vor der Corona-Krise zurückfallen. Wir sollten uns stattdessen auf Ursachensuche begeben, denn es gab einen Grund, weshalb sich ein so kleiner Virus über einen so großen Planeten so leicht verteilen konnte. Absichtlich oder unabsichtlich. Ich wünsche mir, dass wir unsere Lebensweise nach der Krise stärker unter die Lupe nehmen!

Mit Sebastian Fitzek sprach Thomas Badtke

Quelle: ntv.de