Unterhaltung

"Sing meinen Song" - Runde zwei Ein Einhorn im Bärenfell

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Der kratzbürstige „Rocker“ mit der Lizenz zum Kuscheln: Rea Garvey.

Eckkneipen-Jugendjahre, Straßenmusiker-Achterbahnfahrten und eine Nacht hinter Gittern: In der zweiten "Tauschkonzert"-Folge lässt Rea Garvey die Anekdoten-Puppen tanzen.

Mit der Akustikklampfe im Arm und dem lauen Pazifik-Wind im schulterlangen Haar steht Rea Garvey auf einer Felsplatte am Strand von Südafrika. Es ist das Bild eines Mannes, der für seine Formatradio-Fans gerne den harten Iren mit dem weichen Kern mimt.

Die fleischgewordene Sound-Mixtur aus Brummbär und Einhorn stößt aber nicht überall auf Begeisterung. Die selbst ernannte Musikerpolizei hierzulande verbannt das Schaffen des Echo- und Bambi-Preisträgers nur allzu gerne in der Schublade mit der Aufschrift "kalkuliert, blutleer und austauschbar." Im schönen Südafrika aber muss sich Rea Garvey keine Gedanken über fragende Gesichter und ausgestreckte Mittelfinger machen. Hier im Kreise seiner "Tauschkonzert"-Kollegen empfängt der Ire nichts als Liebe und Zuneigung.

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Der Rea hat einfach die besten Geschichten auf Lager: Beinahe im Minutentakt liegen sich die Kandidaten lachend und staunend in den Armen.

Alle sind begeistert von Reas kumpelhafter Attitüde, seinem charmanten Pub-Akzent und all den in die Format-Waagschale geworfenen Hits à la "Can’t Stand The Silence", "Is It Love?" und natürlich "Supergirl", Garveys Pop-Olymp-Türöffner aus dem Jahr 2000.

Rea Garveys, bis zum heutigen Tage größte Urheber-Perle, wird von Gastgeber Mark Forster auch gleich als zweites Aus-alt-mach-neu-Schmuckstück des Abends aus der Lostrommel gezaubert. Nach dem Alphaville-Guru Marian Gold bereits mit einer pompösen Gospel-Version von "Oh My Love" für große Augen und Ohren sorgen konnte, steht nun Johannes Strate Gewehr bei Fuß. Und der Schmuse-Pistolero aus Worpswede hat sich für seine ganz persönliche Garvey-Huldigung besonders viel vorgenommen.

Johannes Strate stampft ins Ziel

Statt auf gewohnt butterweichen Pfaden, schleicht und stampft sich Johannes Strate auf düsterem Asphalt ins Ziel. Dort empfängt ihn Rea Garvey mit offenen Armen und den Worten: "Fuck yeah! Du mad Bastard!" Ja, so herzt man in Irland Menschen, die einem unerwartete Freude bereiten.

Mary Roos will natürlich auch gedrückt und geknuddelt werden. Der alte Reamonn-Hit "Through The Eyes Of A Child" soll die Schlager-Queen direkt auf Reas Schoß geleiten. Und es klappt. Nach einer vierminütigen Klangreise durch kunterbunte KiKa-Welten ist der Hauptprotagonist des Abends hin und weg: "Wenn Mary anfängt zu singen, bin ich sofort zu Hause bei meiner Mutter".

Judith Holofernes weckt in Rea Garvey ganz andere Gefühle. Die hibbelige Sound-Poetin mit dem überdimensionalen Schlumpfmantel steht bei Rea ganz oben auf der Liste wenn es um zukünftige Traum-Kollaborationen geht. Mit der eingedeutschten Neuinterpretation des Reamonn-Klassikers "Armour" ("Feuerfrei") gießt die Berlinerin nur noch mehr Öl ins Wir-müssen-unbedingt-mal-was-zusammen-machen-Feuer.

Kuscheliger Candlelight-Pop

Bevor sich Judith und Rea aber ins imaginäre Duett-Walhalla verabschieden, dürfen auch Leslie Clio und Mark Forster noch unter südafrikanischem Mondschein performen. Aus wildem Beischlaf-Rock wird kuscheliger Candlelight-Pop ("Wild Love") und aus Lagerfeuer-Folk wird Harmonizer-KlingKlang ("Bow Before You"). Kann man machen. Kann man aber auch lassen.

Schlussendlich spielen die musikalischen Darbietungen an diesem Abend aber nur eine untergeordnete Rolle. Der eigentliche Entertainment-Fokus liegt auf Rea Garvey und seinen erheiternden Familienbuch-Anekdoten. Beinahe im Minutentakt liegen sich die Kandidaten lachend und staunend in den Armen.

Rea Garvey hat aber auch so Einiges zu erzählen. Musik-Orgien in verrauchten Eckkneipen ("Ich stand schon mit 13 hinter dem Tresen"), Reibereien in der Straßenmusiker-Szene ("Mein Vater war Polizist. Er hat für uns immer die Straßen leergeräumt") und ein Kondom-Automaten-Fiasko, das einen unfreiwilligen Gefängnisaufenthalt zur Folge hatte ("Kondome waren damals in Irland verboten. Als ich in der Uni einen Kondom-Automaten aufstellen wollte, musste ich für eine Nacht in den Knast"): Der kratzbürstige "Rocker" mit der Lizenz zum Kuscheln präsentiert sich offen wie ein Buch, von dem man sich nach einem feuchtfröhlichen Irish-Pub-Besuch nur allzu gerne berieseln lässt. Danke dafür. Und Cheers! Äh, Sláinte! Oder so…

Quelle: n-tv.de

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