Schwarzmarkt ein ProblemFans kämpfen gegen Frust und Bots beim Kauf von Konzerttickets

Digitale Warteschlangen mit mehr als 100.000 Menschen: Wer Karten für Konzerte großer Stars wie Taylor Swift oder Harry Styles kaufen möchte, braucht viel Geduld. Dabei konkurrieren die Käufer nicht nur mit anderen Fans.
Wer versucht, an Konzertkarten von Musikgrößen wie Taylor Swift, Bruno Mars oder Harry Styles zu kommen, wird diese Szenen wohl kennen: hektische Absprachen in Gruppen, digitale Warteschlangen, Platzierungen teils jenseits der 100.000 und die Angst, doch leer auszugehen. Der Versuch, an Tickets für Riesenkonzerte zu kommen, gleicht für viele Fans inzwischen einem Wettkampf.
Kürzlich machten einige diese Erfahrung bei der Ankündigung der Welttournee von Popstar Harry Styles. Als Tickets für die Konzertreihe verfügbar waren, harrten viele zunächst in einer langen digitalen Warteschlange aus. Karten für Styles zu bekommen, so schrieb es eine Nutzerin bei Tiktok, sei schwieriger als ein Medizinstudium. 103.000 Menschen seien vor ihr in der Warteschlange gewesen. Die "Vogue" fragte in Anspielung auf die gleichnamige dystopische Buch- und Filmreihe: "Wann wurde der Kauf von Konzertkarten zu einer Art "Hunger Games"?"
Aus Sicht der Branche hängt der Frust vieler Fans vor allem mit einem zusammen: "Hier trifft eine hohe Nachfrage auf ein limitiertes Angebot", sagt der Geschäftsführer des Bundesverbandes der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV), Johannes Everke.
Der Ticketmarkt sei früher dezentral und unübersichtlich gewesen, als unzählige Vorverkaufsstellen jeweils kleine Ticketkontingente gehabt hätten. Mit Glück sei man zum Zuge gekommen, bevor die Karten ausverkauft gewesen seien. "Jetzt konzentriert sich der Verkauf auf eine einzige Stelle, auf ein einziges Portal, wo die digitale Warteschlange entsprechend länger ist", erklärt Everke.
Zwar könnten Presales, also bestimmte Vorverkäufe von Künstlern oder Werbepartnern, die Lage etwas entzerren. Doch die Grundsituation - eine Nachfrage, die das Angebot klar übertreffe - bleibe. Die Frustration derer, die nicht zum Zug kämen, könne er verstehen.
Bei Konzerten großer Stars melden sich Fans normalerweise über Laptop oder Smartphone auf einem Onlineportal an. Dort werden sie in eine Warteschlange eingereiht und können sehen, an welcher Position sie sich befinden, bevor sie an der Reihe sind. Sobald man dran ist, öffnet sich ein Zeitfenster, in dem man Tickets auswählen und kaufen kann.
Manchmal gibt es jedoch Ausnahmen. Für die "Eras"-Tour von Taylor Swift etwa mussten Fans bei einem besonderen Vorverkauf mehrere Registrierungsstufen durchlaufen, um überhaupt die Chance auf Tickets zu erhalten.
Auf Plattformen wie Tiktok oder Instagram geben sich Nutzer gegenseitig Tipps, wann und wie man sich am besten einloggen sollte, um an Karten zu kommen. Andere versuchen im Freundeskreis gleichzeitig, über mehrere Geräte Tickets zu kaufen, um ihre Chancen zu erhöhen. Einigen erscheint die Platzierung in der Warteschlange hierbei willkürlich.
Der Ticketvermarkter CTS Eventim betont, dass alle Nutzer die gleichen Chancen hätten. Ein Sprecher erklärt auf Anfrage: "Wer zuerst da ist, wird auch zuerst in die Warteschlange eingereiht. Versuche, die Platzierung zu beeinflussen - etwa durch wiederholtes Aktualisieren oder mehrere parallel geöffnete Tabs - bringen keinen Vorteil".
Digitale Warteschlangen sorgten für ein faires und transparentes Verfahren, heißt es. Insgesamt sei die Nachfrage nach Live-Entertainment gestiegen, besonders bei Künstlern mit sehr hoher Anziehungskraft. "Damit steigen die Anforderungen an Ticketing-Systeme deutlich." Der Ticketanbieter Ticketmaster, über den etwa der Verkauf der Harry-Styles-Karten lief, antwortete auf eine Anfrage zunächst nicht.
Ein weiterer Grund für Fanfrust: der kommerzielle Schwarzmarkt und Zweithandel. Oft werden ungültige oder schon personalisierte Tickets verkauft, die andere nicht mehr nutzen können, wie Markus Hagge, Rechtsexperte der Verbraucherzentrale Niedersachsen erklärt. "Es passiert leider auch, dass verkaufte Tickets gefälscht sind oder zu überhöhten Preisen vertrieben werden."
Auch der BDKV kennt dieses Problem. "In diesem Markt wirken teilweise technisch hochgerüstete Akteure am Kartenkauf mit, die mit Bots versuchen, möglichst viele Karten zu kaufen, und damit schneller als die normalen Fans sind", sagt Everke. Solche Zweitmarkthändler sorgten teilweise für einen Druck, unter dem auch mal Server kollabieren könnten. Teils verlangten sie Aufschläge bis zum Sechzehnfachen des ursprünglichen Kartenpreises. Das frustriere nicht nur Fans, sondern auch Künstler und die Veranstaltenden, so der Geschäftsführer. Der BDKV setzt sich daher eigenen Angaben zufolge auf nationaler und EU-Ebene dafür ein, den Verbraucherschutz auf dem Zweitmarkt zu verbessern.
Auch Eventim berichtet von einer Zunahme automatisierter Kaufversuche und Bots, insbesondere mit dem Ziel, Tickets überteuert auf nicht autorisierten Zweitmärkten weiterzuverkaufen. Dagegen setzt der Anbieter eigenen Angaben nach auf ein "Bündel wirksamer technischer und organisatorischer Maßnahmen".