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Produzent und Oscargewinner Filmlegende Artur Brauner ist tot

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Artur Brauner produzierte Filme mit den größten Stars Deutschlands.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Filmproduzent Artur Brauner ist im Alter von 100 Jahren gestorben. Sein Schaffen war in der Filmwelt Deutschlands herausragend. Als Überlebender des Holocaust drehten sich viele seiner Werke um die Verbrechen unter der Naziherrschaft.

Bei ihm standen sie alle vor der Kamera: Romy Schneider, Sonja Ziemann, Heinz Rühmann, O.W. Fischer, Peter Alexander und Caterina Valente. Filmproduzent Artur Brauner prägte mit seiner Berliner Central Cinema Company den deutschen Nachkriegsfilm. Der Mann mit dem Menjou-Bärtchen und der sorgfältig gewählten Garderobe galt als Inbegriff des eleganten Filmmoguls - und als unermüdlicher Kämpfer gegen das Vergessen.

Nun starb Brauner im Alter von 100 Jahren in Berlin, wie seine Familie bestätigte. "Atze", wie ihn seine Freunde nannten, liebte öffentliche Auftritte mit seiner Frau Maria (1925-2017) und fehlte jahrzehntelang bei keinem gesellschaftlichen Ereignis in Berlin. Er war zu Hause in der glamourösen Filmwelt. Doch bis zuletzt war Brauner auch ein Mahner wider das Vergessen. Als Holocaust-Überlebender, der 49 Verwandte durch die Verbrechen der Nazis verlor, kämpfte er für das Andenken der ermordeten Juden.

"Ich lebe manchmal stundenlang in der Vergangenheit", sagte Brauner einmal. Oft habe er Alpträume, erzählte der am 1. August 1918 im polnischen Lodz als Sohn eines jüdischen Holzgroßhändlers geborene Produzent. Viele seiner Filme erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus: "Morituri" (1948), "Hitlerjunge Salomon" (1990), "Babij Jar" (2003), "Der letzte Zug" (2006) und eines seiner letzten, gemeinsam mit seiner Tochter Alice produziertes Werke "Wunderkinder" (2011) über den Einmarsch der deutschen Wehrmacht in der Ukraine. Brauner überlebte den Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion. 1946 kam er nach Berlin und gründete im selben Jahr seine CCC-Filmgesellschaft.

Als "Hans Dampf in allen Gassen" war Brauner alles in einem: Atelierchef, Dramaturg, Besetzungsboss und Buchhalter. Bald standen die großen Stars der deutschen Unterhaltungsbranche in seinen Studios in Berlin-Haselhorst vor der Kamera. Brauner schuf ein kleines Hollywood in Deutschland. Mehr als 700 Kinofilme und TV-Produktionen entstanden dort - darunter auch viele leichte, bisweilen seichte Unterhaltungsstreifen. Die Karriere von "Atze" gipfelte in den 50er und 60er Jahren in Filmen wie "Der brave Soldat Schwejk", "Der Tiger von Eschnapur", "Mädchen in Uniform" und zahlreichen Filmen mit Peter Alexander und Caterina Valente.

Brauner gilt neben Produzent Horst Wendlandt außerdem als Vater der Karl-May-Filme. Von "Der Schut" bis "Old Shatterhand" mit Lex Barker und Pierre Brice verfilmte er in den 60er Jahren zahlreiche der Abenteuerromane. Anfang der 70er Jahre drohte die Fernsehkonkurrenz, den mächtigsten deutschen Produzenten in den Ruin zu stürzen. Die berühmten CCC-Studios hielten nur noch einen Notbetrieb aufrecht. Seit den 80er Jahren konzentrierte sich Brauner dann auf politische und sozialkritische Produktionen.

Filme über Holocaust nicht immer Publikumsrenner

So entstand 1990 "Hitlerjunge Salomon" von Agnieszka Holland. Die auf einer wahren Begebenheit beruhende Geschichte eines jüdischen Jungen, der die Nazi-Zeit überlebte, weil er sich als Hitler-Junge ausgab, stieß im Gegensatz zu Deutschland in den USA auf große Zustimmung. Das Drama gewann einen Golden Globe, wurde von der deutschen Auswahlkommission aber nicht für einen Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert. Das schmerzte Brauner bis zuletzt. Brauners Filme über den Holocaust wie "Babij Jar" oder "Der letzte Zug" waren nicht immer Publikumsrenner. Aber es waren immer wichtige Filme - Filme, die gedreht werden mussten. Weit mehr als 20 von Brauner produzierte und co-produzierte Filme über die Nazi-Verbrechen sind auch in der Mediathek der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel zu sehen.

"In jungen Jahren haben meine Eltern, Geschwister und ich die Gräueltaten der Nazis erlebt und dem Tod in die Augen geschaut. Das bleibt für immer unvergesslich und schrecklich", erzählte Brauner anlässlich seines 100. Geburtstags im Jahr 2018. Auf seiner Flucht sah er in der Ukraine ein Massengrab mit ermordeten Juden. "Ich komme näher und da liegt ein 10- oder 12-jähriger toter Junge mit offenen Augen. Ich hatte das Gefühl, er schaut mich an und redet mit mir: "Was suchst du hier? Wir sind alle tot. Hilf' uns leben. Ihr sollt uns nicht vergessen!"" Da habe er ein Gelübde abgelegt. So lange er leben werde, werde er dies nicht vergessen - und nur durch Filme könnten Schicksale wie das des Jungen nicht vergessen werden.

Mit Besorgnis blickte Brauner zuletzt auf die heutigen rechtspopulistischen Strömungen. "Ich kann der Jugend nur nahelegen, dass sie den Populisten weltweit nicht ins Netz geht und sich mit aller Kraft Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit entgegenstellt. Und zwar jetzt und nicht erst, wenn es schon zu spät ist."

Grütters sieht Werk als "großes Geschenk"

Kulturstaatsministerin Monika Grütters nannte Brauner "einen der wichtigsten Filmproduzenten der jungen Bundesrepublik". "Dass er als ehemals verfolgter polnischer Jude nach dem Zweiten Weltkrieg in das Land der Mörder seiner Familie ging, um Filme zu produzieren und sich auch für den demokratischen Wiederaufbau Deutschlands engagiert einsetzte, ist ein wahres, ein großes Geschenk für unser Land", hieß es in einer Mitteilung. Werke wie "Hitlerjunge Salomon", "Die Weiße Rose" oder "Sag die Wahrheit" seien nur einige herausragende Beispiele für seine jahrzehntelange Auseinandersetzung mit dem Holocaust "zumal Artur Brauner dies schon in einer Zeit vorantrieb, in der man in Deutschland die eigene Schuld und die Mitwirkung an den Verbrechen der Nazis noch eher verdrängte, als diese aufzuarbeiten".

Die Bundesrepublik Deutschland habe Artur Brauner wahrlich viel zu verdanken. "Wir werden ihn auch als Menschen mit seinem Charme, seiner Chuzpe, seinem Humor und seinem großen Herzen vermissen".

Quelle: n-tv.de, Elke Vogel und Ulrike von Leszczynski, dpa

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