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"Ich war mal gefährlicher" Lena Hoschek macht Kleider zum Ausziehen

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Lena Hoschek wollte bei dieser Kollektion mehr als Blümchenkleider zeigen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Sie ist die Königin der Tracht. Und was reimt sich auf Tracht? Genau - Lena Hoschek hat die Macht, aus einem Blümchenkleid ein verruchtes Kleidungsstück zu machen. Sie hat die Power, mit Augenaufschlag und hochgeschlossen so verführerisch zu sein wie andere nicht mit tiefem Dekolletee, und sie sagt Dinge, die unverblümt und ehrlich sind. n-tv.de hatte das Vergnügen, mit ihr auf der Mercedes Benz Fashion Week zu sprechen und hat dabei erfahren, dass die 38-Jährige sich schon mal für gefährlicher hielt. Dass sie es zwar liebt, eine liebe- und aufopferungsvolle Mutter zu sein, aber auch, dass sie ihr altes Ich vermisst. "Ich weiß, dass ich es nicht verloren habe, aber es war eine Zeit lang verbuddelt, stillgelegt", sagt sie lachend. Nun will es wieder raus, das alte Ich. Mit Lena Hoschek ist es auch immer ein bisschen philosophisch: "Heutzutage soll das Leben immer sonnig sein, das ist wie ein Zwang, und man fühlt sich mies, wenn man mal schlecht drauf ist, dabei haben wir uns doch früher auch Zeit genommen für Melancholie." Stimmt, aber mit ihr nehmen wir uns jetzt erstmal Zeit für das Schöne, das Lustvolle - und so ist auch ihre Kollektion. Duftend, erwartungsvoll, erhebend: "Fast schon ein bisschen spooky, aber so fühle ich mich nun mal im Frühjahr und im Sommer."

n-tv.de: Die Kollektion trägt den Titel "Season Of The Witch" - es geht also um Hexen. Darauf kommt man erstmal nicht, wenn man an Lena Hoschek denkt.

Lena Hoschek: Das Thema war für mich vordergründig der Frühling. Und der hat für mich nicht nur mit Blümchen zu tun …

… die du ja durchaus schätzt …

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Beim Hexen-Thema von Lena Hoschek geht es auch um den Frühling.

(Foto: picture alliance/dpa)

… stimmt, aber dieses Mal wollte ich mehr. Dieses Mal wollte ich auch magische Gefühle hineinpacken, die mit dem Frühling einhergehen. Frisch gemähtes Gras, Lindenblütenduft, das alles fühlt sich für mich nicht nur sinnlich, sondern geradezu übersinnlich an. Diese Dualität, die in allen von uns steckt, wollte ich zum Ausdruck bringen. Ich habe deswegen auch eine Illustratorin für meine Muster, die sich gut auskennt mit "White Magic". Es sollte einfach nicht um böse oder sogenannte hysterische Hexen gehen, sondern eine Message sein, dass in jeder von uns ein bisschen mehr drin steckt als das, was sofort erkennbar ist.

Hexen haben ja ein eigenartiges Image: Auf der einen Seite ein bisschen zickig, mysteriös, aber auf anstrengende Art, und dann wieder sexy wie die "Hexen von Eastwick" ...

(lacht) Hexen könnten sich vor allem alles zaubern, was sie möchten …

Zum Beispiel?

Viel Sex vielleicht (lacht). Eine wunderschöne Figur, tolle Haare … Das wär' schon was. Aber mir geht es in der Kollektion vor allem darum, das Ungreifbare, das Selbstbestimmte zu zeigen, das Bedrohliche, das in allen von uns steckt.

Also eine gewisse Dominanz …

Ja, ich habe einige Fetisch-Elemente eingebaut in die Kleider.

Blümchen-Kleid mit Nietenhalsband …

So in der Art. Das ist jedenfalls die Form von Dualität, die ich meine.

Beherrschung und Unterwerfung …

Genau, das ist das Spannungsfeld, in dem der Mensch sich bewegt. Im Frühjahr kommen diese Seiten doch ganz besonders heraus.

Hast du Erfahrung mit Spiritualität?

Nicht wirklich Erfahrung, eher so eine Ahnung, dass da mehr sein muss, als wir sehen. Aus den Kinderzeiten kenne ich jede Menge Geistergeschichten. Und ich denke, jeder kennt jemanden, der eine spirituelle Erfahrung gemacht hat, oder?

Es gibt Phasen: Als Kind liebt man Geistergeschichten, dann irgendwann wird man so "erwachsen" und sagt sich: "Ach Quatsch, was soll der Humbug?" Und dann passieren Dinge, die man sich nicht erklären kann und man sucht geradezu nach Erklärungen im Übersinnlichen.

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Ein Hingucker: Schuhe in unterschiedlichen Farben.

(Foto: imago images / Xinhua)

Ja, für mich kommen da viele verschiedene Parameter zusammen, das merke ich vor allem, wenn ich Interviews gebe (lacht). Für mich gibt es einen Glauben an die Natur. Damit meine ich, dass die Natur auch heilen kann, allein, wenn man an die Kräuterheilkunde denkt. Aber auch der Glaube an Mondphasen ist ein wichtiger Punkt. Und dann denke ich auch, dass Frauen diesem Thema gegenüber viel offener sind, dass sie der Natur viel näher sind als Männer. Frauen trinken einen Tee, Männer nehmen eine Tablette, wenn sie Schmerzen haben …

In den meisten Fällen wird das so sein …

Ja, und wenn Frauen in der Richtung zu viel Wissen hatten, man denke nur an die Hexenverbrennungen im Mittelalter, dann bedeutete das immer, dass es Männern zu unheimlich wurde. Dass sie damit nichts anfangen konnten, weil es nicht greifbar war. Frauen mit solcher Power und solchem Wissen waren den Männern nicht geheuer.

Dabei ist es bestimmt gar nicht einfach, zu akzeptieren, dass man übersinnliche Fähigkeiten hat. Das ist ja auch erstmal unheimlich für die Person selbst.

Ich habe als Kind oft gedacht, dass da etwas Spezielles in mir schlummert, wollte aber auf keinen Fall, dass es zu mir kommt und habe dafür gebetet: "Bitte lieber Gott, lass' mich normal sein!"

Ach bitte nicht, sei bitte nicht normal!

(lacht) Naja, man will als Kind ja nicht anders sein als die anderen und vor allem keinen Kontakt zu Dingen haben, die man nicht greifen oder begreifen kann. Ein starker Naturglaube steht in meinen Augen aber nicht im Gegensatz zu einer Religion, die ja auch Tradition bedeutet, und das ist nun wieder etwas sehr Geerdetes. Für mich sind alle Religionen auf der Welt gleich. Alle Menschen wollen doch irgendwie auch das Gleiche. Ich bin ein starker Verfechter davon, dass man sich von seinem Glauben nicht stressen lassen sollte.

Wäre schön, wenn das klappen könnte …

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Die Natur findet Lena Hoschek erotisch.

(Foto: imago images / Pacific Press Agency)

Was man früher hexenmäßig gefunden hat, heißt heute esoterisch. Für mich ist es wichtig, im Leben eine ganz selbstverständliche Bodenständigkeit und Nähe zur Natur zu haben. Das lebe und zelebriere ich. Die Natur nimmt mit all ihren Gewalten so starken Einfluss auf unsere Stimmungen, dass sie uns sehr pusht und dass sie, zum Beispiel mit dem Sprießen der Pflanzen im Frühling eine wahnsinnige Erotik mitbringt.

Du wirkst sehr geerdet - deine Mode grundsätzlich auch. Gab es denn einen Auslöser für das Übersinnliche in deiner neuen Kollektion?

Ich liebe Blümchenkleider. Aber ein Blümchenkleid ist nicht einfach nur ein Blümchenkleid. Kleider macht man ja nicht nur zum Anziehen, sondern auch zum Ausziehen. Und wenn es um Sinnlichkeit geht, dann geht es auch um Übersinnlichkeit.

Deine Models sehen ja sonst immer sehr gesund aus - dieses Mal sind sie ein bisschen blasser …

Ja, etwas creepy. Aber ich wollte es ein bisschen out of this world, eher eine Erscheinung, mehr Show, weniger Alltag. Ich wollte es vor allem mal anders als sonst. Wilder. Ein schlichter Look wäre mir zu meinen Entwürfen jetzt zu brav gewesen. Oder zu streng.

Wir können etwas Verrückteres durchaus gebrauchen ...

Man braucht ja inzwischen quasi eine Rechtfertigung, warum man überhaupt eine Show macht. Man könnte die Sachen ja auch einfach hinhängen.

Wie findest du Berlin gerade in Bezug auf die Fashion Week?

Ich habe natürlich nicht so viel mitgekriegt von allem anderen, aber wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann würde ich mir wünschen, dass wir die Fashion Weeks ein bisschen verschieben. Immer ist was: Entweder Fußball-EM oder -WM oder Ferien und zur Fashion Week im Januar versemmelt es allen die Weihnachtsferien, weil man ja davor nicht wirklich weg kann.

Mal abgesehen von diesen praktischen Erwägungen - wäre es nicht schön, wenn wir Mode ernster nehmen würden? Und gleichzeitig leichter? In Paris stolziert Céline Dion in den abgefahrensten Kreationen auf und ab, alle zerreißen sich zwar das Maul darüber, ob sie zu dünn, zu alt und zu faltig ist, aber das ist doch egal! Die traut sich was! Und was ist in Berlin? In Berlin gibt es auf dem Gelände des Ewerks nicht mal was zu essen außer Kekse.

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In diesem Jahr durften die Models bei Lena Hoschek ruhig ein bisschen gruselig aussehen.

(Foto: imago images / Pacific Press Agency)

(lacht) In anderen Modehauptstädten der Welt herrscht eben Expressionismus, in Deutschland herrscht der Impressionismus.

Und in Österreich, deiner Heimat?

Da herrscht auch der Impressionismus (lacht). Wir haben eine Vienna Fashion Week, die ist für junge Designer sehr wichtig, für mich nicht mehr so.

Wer beeinflusst dich, außer der Natur? Auch die Promis, die deine Entwürfe dann tragen, wie Dita von Teese?

Ja, Dita ist auf jeden Fall eine Inspiration! Sie symbolisiert die "Demi Monde" - also die Halbwelt. Das war früher ein Schimpfwort, weil es so eine starke Stände-Ordnung gab. Zur Halbwelt gehörten ja auch Schauspielerinnen und Social Climber …

… wozu man heute It-Girl sagen würde?

Ja, ein bisschen. Auf jeden Fall Frauen mit einem nicht so großen Ansehen. Die aber dennoch einen ganz festen und auch wichtigen Platz in der Gesellschaft hatten. Und Dita ist ein spannender Star aus dieser Szene, sie kommt ja aus der Burlesque-Szene. Inzwischen ist sie aber auch eine großartige Schauspielerin, sie ist in Hollywood angekommen. Aber sie hat eben auch Fetisch-Shootings gemacht, war mit Marilyn Manson verheiratet, hat immer etwas Düsteres, aber nie schmuddelig. Und dieses nicht schnell Einzuordnende will ich mit meiner Mode rüberbringen.

Wer ist die "Witch", für die du jetzt entworfen hast?

Na wir alle! (lacht) Ich merke an mir selbst, dass ich so viel gediegener oder alltäglicher geworden bin, seit ich Mutter bin, und ich merke langsam, dass ich wieder ein bisschen mehr Bedürfnis nach Rock 'n' Roll habe. Ich vermisse meine alte Lena-Person. Ich war früher einfach gefährlicher.

Mit Lena Hoschek sprach Sabine Oelmann

Quelle: n-tv.de

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