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"Wir können über alles reden" Lernen von Professor Heiner Lauterbach

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Wer aus seinem Unterricht geht, hat was gelernt!

(Foto: dpa)

Nun ist es offiziell: Schauspieler Heiner Lauterbach ist Honorarprofessor für Schauspiel, Film und Fernsehen an der privaten Hochschule Macromedia in Berlin. Am Montagabend hat ihm Hochschulpräsident Professor Doktor Jürgen Faust die Berufungsurkunde überreicht. Seine Berufung erfolgt im Zusammenhang mit einem neuen Schauspielstudium, das am 1. Oktober 2019 in Berlin startet und in Kooperation mit der französischen Schauspielschule Cours Florent entwickelt wurde. Seinen ersten Arbeitstag als Hochschulprofessor hat Lauterbach allerdings nicht erst im Herbst. Er hat gleich am Tag nach der Berufungszeremonie einen Schauspiel-Workshop gegeben. Mit n-tv.de sprach er darüber, wie es sein kann, dass wirklich viele Wege nach Rom führen, worauf er stolz und warum er lieber glücklich ist.

n-tv.de: Professor Lauterbach, waren Sie aufgeregt, als Ihnen Ihr Titel verliehen wurde?

Heiner Lauterbach: Aufgeregt würde ich nicht sagen. Ich will dieses Wort sowieso eher vermeiden. Mit dem sogenannten Lampenfieber hat man als Schauspieler natürlich immer zu kämpfen, aber man muss das ins Positive umwandeln. Ich habe da immer meine "ABC-Regel": eine Aufgabe ist keine Bedrohung sondern eine Chance. Wenn man Aufgaben als Bedrohung sähe, dann hätte man es doch sehr schwer in diesem Beruf, weil man ja permanent auf dem Prüfstand steht.

Sie wollen die Schauspielschüler an die Hand nehmen, haben Sie in Ihrer Antrittsrede gesagt. Sie starten auch gleich damit. Was dürfen die Schüler denn von Ihnen erwarten?

Ich habe mir fürs Erste vorgenommen, den Unterrichtsstoff davon abhängig zu machen, wie die Bedürfnislage ist. Das werde ich bei den Schauspielschülern abklopfen. Mit denen, die ich regelmäßig wiedersehe, deren Entwicklung ich verfolge, mit denen habe ich ja eine Strategie und einen Langzeitplan. Erst einmal muss ich die Leute aber kennen lernen und feststellen, wie weit jeder einzelne ist: ob sie schon Schauspieler sind, ob sie gerade erst anfangen, ob sie überhaupt schon einmal vor einer Kamera standen.

Sie werden also nicht klassisch dozieren?

Ich habe jetzt seit 45 Jahren annähernd alles getan, was mit diesem Beruf auch nur im Entferntesten zu tun haben könnte, nur doziert habe ich noch nie (lacht). Aber: Wir können über alles reden! Ich kann euch alles sagen. Ich bin bis heute bekannt dafür von Kameraleuten wissen zu wollen, welche Linse sie gerade benutzen, was der Requisiteur vorhat und die Kostümbildnerin, ich habe Theater gespielt, produziert, Regie geführt, ein Buch geschrieben. Ich sehe der Aufgabe extrem gelassen entgegen und mit großer Freude.

Und wenn da eine Menge Leute vor Ihnen sitzt, die sich erstmal aufs Zuhören eingestellt haben?

(lacht) Dann werde ich meinen Plan durchziehen und meine Stichworte dabei haben und dann gehen wir das alles schön Punkt für Punkt durch. Ich hoffe aber, dass wir über die Jahre wunderbare Projekte, Drehbücher und Kurzfilme miteinander entwickeln können. Wir werden Theorien entwickeln. Mein Leitsatz, wenn ich mit jungen Leuten rede ist: "Viele Wege führen nach Rom".

Und was soll das den Studenten konkret sagen?

Dass es immer wieder Rückschläge in ihrer Karriere geben wird. Das ist in jedem Leben so, aber bei Schauspielern vielleicht noch bitterer, weil sie unter den Augen vieler anderer Menschen stattfinden und weil sie darum noch persönlicher genommen werden könnten. Wenn man also an einem Theater zum Beispiel nicht angenommen wird, dann gibt es überall auf der Welt noch unglaublich viele andere Möglichkeiten. Sucht euch die richtigen Leute, die richtigen Orte! Man kann in den kleinsten Räumen hohe Kunst veranstalten. Das ist unabhängig vom Status, und das ist das Wunderbare an dem Beruf des Schauspielers: wenn sich fünf geniale Künstler zusammen tun und ihnen nur 120 oder 20 Leute zuhören und sehen, dann kann das unendlich großartig werden, die größte Kunst.

Sie haben gesagt, Menschen erleiden Rückschläge. Was war Ihr größter Rückschlag als Künstler?

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"Ich bin genau der Richtige dafür!"

(Foto: dpa)

In dem Sinne hatte ich keinen Rückschlag, denke ich. Ich würde eher sagen, dass meine Anfänge als Schauspieler über Jahre ein einziger Rückschlag waren (lacht). Meine erste Hauptrolle im Fernsehen bekam ich mit 30, im Kino mit 31 Jahren. Ich bin nicht den klassischen Weg gegangen, hatte keinen Abschluss einer Schauspielschule, und hab' auch durchaus Sachen gemacht, die eher fragwürdig waren. Ich musste ja Geld verdienen. Ich habe viel Synchron gemacht, was damals artifiziell nicht anerkannt war - das hat sich zum Glück gebessert. Ich habe so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann.

Zum Beispiel?

Unsere Schauspiellandschaft ist geprägt, geradezu verseucht möchte ich sagen, von dem U- und E-Gedanken, also hier Unterhaltung und da das ernste Fach. Ich kann vor allem Auskunft darüber geben, was man alles nicht machen sollte!

Was werden Sie Ihren Studenten weiterhin vermitteln wollen?

Meine Glückstheorie (lacht). Ich werde ihnen raten, das Pferd mal von hinten aufzusatteln. Wir werden Ziele neu definieren. Für mich gehört Glück dazu. Glück im Beruf, dass man ausgefüllt ist mit dem, was man macht. Und da werden wir Schritt für Schritt dran arbeiten. Wir werden für jeden einen Weg finden. Es wird keine Ausrede geben, denn wenn das eine nicht klappt, dann versuchen wir eben was anderes.

Und was gilt für die total Untalentierten?

Das muss ich dann sehen (lacht). Wenn wir ein sehr gutes Verhältnis haben, dann werde ich wohl dazu neigen, die Wahrheit zu sagen.

Sie haben in Ihrer Antrittsrede gesagt, Sie seien stolz auf diese Berufung.

Ja, und das ist das erste Mal, dass ich das voller Überzeugung sage. Man kann in den wenigsten Fällen etwas damit anfangen, denn man ist nicht stolz darauf, einen Sohn bekommen zu habe, sondern glücklich darüber. Die wenigsten Momente sind dafür gemacht, stolz zu sein. Wenn ich ein Kind vor dem Ertrinken rette, dann könnte ich vielleicht stolz sein, aber auch da wäre ich vor allem glücklich!

Waren Sie überrascht über Ihre Berufung?

Ja, schon ein bisschen. Insider in unserem Beruf wissen, dass ich ein guter Schauspieler bin (lacht), selbst Volker Schlöndorff hat mir das mal gesagt, aber ich habe auch viel falsch gemacht; ich habe Home-Storys gemacht und Vorabend-Serien, ich hab' die falschen Interviews gegeben und ich bin für viele nicht Künstler genug. Aber ich weiß, was ich kann und was ich vermitteln kann!

Man darf als Mitt-Sechziger durchaus ein paar Fehler gemacht haben und man darf sich auch noch weiterentwickeln. Das ist menschlich.

Eben! Selbst, wenn man immer alles richtig gemacht hätte, könnte man ein ganz anständiger Kerl werden (lacht). Man sagt ja, die größten Erfahrungen sammelt man aus Niederlagen.

Haben Sie Ihr Selbstbewusstsein schon in der Kinderstube mitbekommen?

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Ehefrau Viktoria war an Lauterbachs Seite.

(Foto: imago images / APress)

Nein, ich wurde in jungen Jahren eigentlich immer nur als "der Sohn von" betrachtet, weil mein Vater ja sehr erfolgreich war und ich dem ständigen Vergleich ausgesetzt war. Das Selbstbewusstsein habe ich mir ausschließlich über meinen Beruf erarbeitet. Wenn man mich jetzt also fragt, ob ich die ideale Besetzung für die Rolle des Honorarprofessors bin, dann würde ich sagen: "Ja! Da haben sie den richtigen Mann ausgewählt." (lacht) Das ist meine feste Überzeugung. Für die Brücke zwischen Akademikern und der Praxis gibt es keinen besseren in Deutschland.

Ihr Selbstbewusstsein bezieht sich rein auf den Beruf?

Ja, schon, es gab und gibt immer noch genug Baustellen, wo es durchaus mangelt.

Mit Heiner Lauterbach sprach Sabine Oelmann

Quelle: ntv.de