Unterhaltung

Im Literarischen Quartett Lisa Eckhart liefert nicht mal ein Skandälchen

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Die literarische Runde im ZDF.

(Foto: picture alliance/dpa/ZDF)

Die Kabarettistin Lisa Eckhart ist Gast im "Literarischen Quartett". Nach der Stunde ahnt man: Eine Gefahr für die Demokratie ist sie nicht. Die Sendung ist vielmehr ein Beispiel, wie man Meinungen der anderen stehen lassen kann.

Das ZDF geht in seinem "Literarischen Quartett" neuerdings ein gewisses Empörungsrisiko ein. Nachdem es im Oktober den Roman "Artur Lanz", der kurz danach beim Fischer-Verlag wegen angeblicher Nähe zur Neuen Rechten in Ungnade gefallenen Autorin Monika Maron diskutierte, hatte die Sendung am Freitag die Kabarettistin Lisa Eckhart zu Gast. Auch sie ist in Teilen des Feuilletons in Ungnade gefallen. Als die Einladung ruchbar wurde, folgte der Aufschrei auf dem Fuße. Der begnadete Schriftsteller Maxim Biller ließ die Öffentlichkeit wissen: keine Gnade für die Frau mit der "sehr, sehr blonden HJ-Frisur", dem "Nazi-Domina-Look" und dem "herablassenden, nasalen Offiziersmessen-Ton".

Biller, der selbst Mitglied des Quartetts war und dort mit seiner brillanten Schärfe polarisierte, verfasste für die "Süddeutsche Zeitung" einen Gastbeitrag, der in sarkastischem bis boshaften Ton keine Fragen offen ließ. Darin erklärte er, dass "der deutsche Jude und Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki endgültig den Kampf gegen die Nazis verloren" habe - weil Eckhart in der Runde sitzen werde. Der "Literaturpapst", der mit seiner Frau Anfang 1943 aus dem Warschauer Ghetto fliehen konnte, hatte das Quartett erfunden. Das ZDF blieb dennoch bei seiner Einladung.

Biller unterstellte Eckhart nicht nur Antisemitismus, sondern generelle Nähe zur Nazi-Ideologie. Ihr Witz, in ihrer Heimat Österreich "gilt Blutschande noch als Sex außerhalb der Familie", sei "ein verspäteter Applaus zu den Nürnberger Rassegesetzen". Seine Tirade vermittelte den Eindruck, als erscheine Eckhart als Vertreterin einer Neonazi-Partei. Moderatorin Thea Dorn und die zwei anderen Gäste, die Literatur-begeisterte Tennisspielerin Andrea Petkovic und der Schauspieler Ulrich Matthes, sahen es offenkundig anders und diskutierten mit der 27-Jährigen fröhlich drauflos. Für alle zur Beruhigung: Die Sendung ging ohne Skandal zu Ende, es reichte nicht mal für ein Skandälchen. Der Autor dieser Zeilen wagt zudem die Prognose: Eckhart ist nicht die neue Führerin und bringt auch die Demokratie nicht in Gefahr, indem sie Unsagbares als Humor getarnt hinausposaunt.

Berechnende Schickse?

Die Kabarettistin, die dieses Jahr mit "Omama" ihren ersten Roman vorlegte, der längst nicht an die vorzüglichen Bühnenprogramme heranreicht, verzichtete auf jeden Witz gegen wen oder was auch immer. Auch von ihrer sonst zur Schau gestellten Hochnäsigkeit war nichts zu spüren. Eckhart präsentierte sich als Mensch und nicht als die Kunstfigur, die sie bei ihren Solo-Auftritten gibt. Ja, sie hatte sehr lange Fingernägel, wie immer arg blonde Haare, trug ein giftgrünes Jackett, eine hautenge Lederhose in schwarz und elefantenhafte High-Heels aus Latex. Wenn sie es mag - nur zu. Frauen sollen das anziehen, worauf sie Lust haben.

Wer in Eckhart weiter eine berechnende Schickse sehen will, die auf Effekt und Show aus ist, um Kohle zu machen, hat es einfach: Sie brachte den Essay-Band "Ein bisschen schlechter" von Michel Houellebecq mit in die Sendung. Der französische Schriftsteller wird ebenso wie Eckhart gerne als "umstritten" bezeichnet. Auch bei ihm ist nie klar, was er wie meint, ob er provozieren will oder nicht. Eckhart zitierte aus Houellebecqs Buch, was wie eine Warnung an sie selbst klang: "Man muss aufpassen: Denn man wird, was man spielt." Auch ein Urteil über den Franzosen konnte man als Aussage über ihre Person verstehen: "Man hat hier einen Künstler, der hat ein tiefes moralisches Bewusstsein und keinerlei Lust zu moralisieren."

Matthes bekannte sich als Fan der Romane Houellebecqs, fragte sich aber bei der Lektüre der Essays: "Handelt es sich bei dieser oder jener Äußerung um eine ironische Bemerkung, ist es eine Provokation, ist es seine Privatmoral, ist es der Gesellschaftsclown. Und vor allem: ist es noch konservativ oder schon reaktionär?" Manches deute auf Letzteres hin und verstöre ihn. "Er unterscheidet nicht zwischen Islam und Islamismus", sagte der Schauspieler. "Er hält Trump für einen der besten Präsidenten, den Amerika je hatte." Dorn konnte die Einwände nachvollziehen, meinte aber: "Sie haben natürlich jetzt nur die eine Hälfte Houellebecq vorgelesen."

Antisemitische und rassistische Stereotype

Bei der Uneindeutigkeit sind die österreichische Künstlerin und ihr französischer Kollege Geschwister im Geiste. Eckhart wird nicht nur von Biller vorgehalten, antisemitische und rassistische Stereotype wahlweise als Ironie oder Provokation zu tarnen. Die dadurch entstandene Debatte ist wichtig für die Antwort auf die Frage, wie viel Mehrdeutigkeiten eine offene Gesellschaft aushalten kann oder auch muss.

In dem von Matthes vorgestellten Roman "Schau mich an" von Elif Shafak geht es um eine übergewichtige Frau und einen kleinwüchsigen Mann. Eckhart erinnerte an Plakate mit Curvy-Models, also eher fülligen Frauen: "Warum lachen die immer so debil? Als wäre Schwermut nur den Anorektikern (Magersüchtigen) vorbehalten." Die Protagonistin sei "sympathisch, weil sie ihr Dicksein nicht kompensieren muss. Auch der Kleinwüchsige ist nicht sonderlich sympathisch." Petkovic dazu: "Ja, genau, das sind beides Unsympathen. Ich wollte es gerade sagen. Sie haben es jetzt sehr zugespitzt formuliert." Zwei Frauen, eine Meinung - nur Unterschiede im Ausdruck.

Überhaupt sagte die Tennisspielerin Sätze, die Eckhart innerlich bejubelt haben könnte. "Ich finde es gut, dass wir so weit sind, dass zynische Frauenfiguren okay sind in der Literatur." Wer ein Skandälchen konstruieren möchte, könnte Petkovics Fauxpas nutzen. Dorn empfahl wärmstens "Es wird wieder Tag" von Minka Pradelski. Der Roman handelt von einem Paar, zwei Holocaust-Überlebende. Eckhart und Matthes lobten den Inhalt des Werkes, aber kritisierten die schriftstellerische Umsetzung. Petkovic wiederum teilte die Begeisterung der Gastgeberin und sagte: "Es (das Buch) hat die Figuren allesamt humanisiert, die Juden wie auch die Aufseherinnen." Da musste man erst einmal schlucken. Petkovic wollte aber mitnichten sagen, dass KZ-Wächterinnen humanitär gehandelt hätten, sondern im Alltag stinknormale Personen waren, die während ihres Dienstes mordeten. "Ich hoffe, es lesen alle Menschen dieser Welt."

Quelle: ntv.de