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Tukur-"Tatort" als B-Movie Mach mir den Carpenter

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Ist zusammen mit einem Kannibalen und einem schießwütigen Mädchen eingesperrt: Kommissar Murot (Ulrich Tukur).

(Foto: HR/Bettina Müller)

Jeder Fall ein Volltreffer: Die Wiesbadener "Tatorte" mit Ulrich Tukur in der Hauptrolle hoben der Deutschen liebsten Sonntagskrimi in den vergangenen Jahren regelmäßig auf ein neues Niveau. Das sinkt diesmal ins Bodenlose - absichtlich.

Rund 6500 Langspielfilme werden Jahr für Jahr produziert und selten ist auch mal einer dabei, der das Zeug zum Klassiker hat. Noch viel seltener sind Filme, die die gängigen Klassiker ihrer Zeit so gekonnt zitieren, dass sie selbst zu so einer Art Meta-Klassiker avancieren - so wie John Carpenters "Assault - Anschlag bei Nacht" aus dem Jahr 1976. Im Wiesbadener "Tatort" wollen sie noch eine Schippe drauflegen und produzieren kurzerhand eine Hommage an die B-Movie-Perle. Ob das funktionieren kann?

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Drehbuchautor Clemens Meyer hat als versoffener Radio-DJ einen Gastauftritt.

(Foto: HR/Bettina Müller)

Zumindest die Ausgangslage könnte besser nicht sein: Ulrich Tukur war mit seinem Kommissar Murot in den vergangenen Jahren ein Garant für außergewöhnliche Krimis, nach acht Ausnahme-Fällen in Folge hat sich der Mann einiges an Vorschusslorbeeren verdient. Das Drehbuch stammt wiederum aus der Feder von Clemens Meyer, der wegen Büchern wie "Als wir träumten" ohne Frage zu den besten deutschen Schriftstellern der Gegenwart zählt - und der unter anderem bei "In den Gängen" schon zeigte, wie gut er mit Regisseur Thomas Stuber zusammenarbeiten kann.

Allen gemeinsam ist ihr Faible für US-amerikanische B-Movies der 60er bis 80er, das sie in "Angriff auf Wache 08" endlich ausleben können. Die Story ist schnell erzählt: Murot besucht seinen alten Kollegen Brenner (Peter Kurth), der seit einer Verwundung Dienst in einem Polizeimuseum schiebt, das wie eine Polizeiwache aus dem Jahr 1984 hergerichtet ist. Der mitgebrachte Whisky ist kaum geöffnet, die Zigarren gerade erst entzündet, als fast zeitgleich ein verstörtes Mädchen mit rauchendem Colt und ein Gefangenentransport mit Reifenpanne an der Wache eintreffen - und nach den Neuankömmlingen eine Armee von hessischen Gangstern, die den Tod eines Bandenmitglieds rächen wollen und generell Spaß am Töten haben.

Ein einziges Filmzitat

Die Zusammensetzung der eingeschlossenen Truppe ist so unterschiedlich und unwahrscheinlich, wie es sich für ein ordentliches B-Movie gehört: Es gibt einen Kannibalen mit Herz, ein bibelfestes Mädchen mit Killerinstinkt und einen alternden Bullen mit einer wandernden Kugel im Rücken und einem Zigarrenstumpen im Mundwinkel. Zusammen müssen sie Welle um Welle der angreifenden Gangster abwehren, die auffällig hirnlos attackieren und eher wie Zombies wirken. Wer irgendwann in seinem Leben schon mal einen Zombiefilm gesehen hat, weiß, dass das natürlich gewollt ist - alle anderen Zuschauer dürften die Hände vor dem Kopf zusammenschlagen und sich fragen, was das für ein Quatsch ist.

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Wie immer in B-Movies wartet vor den Fenstern nichts Gutes.

(Foto: HR/Bettina Müller)

Und genau da liegt das Problem des Streifens: "Angriff auf Wache 08" ist im Grunde genommen ein einziges Filmzitat. Kenner freuen sich über Szenen wie die, als Murot in die Hand eines Angreifers beißt und damit sozusagen das gängige Narrativ von den fleischfressenden Zombies umkehrt. Aber weil eben bei Weitem nicht jeder mit Romero- und Carpenter-Movies aufgewachsen ist, sehen sich die Autoren genötigt, einen Spagat hinzulegen, der am Ende niemanden so richtig befriedigen dürfte: Meyer und Stuber legen ihren Protagonisten die Hinweise zu den gewollten Filmreferenzen immer wieder in den Mund. "Das ist hier 'Night of the living dead'" schreit etwa einer, als grabbelnde Gangsterhände durch die verbarrikadierten Fenster greifen. Und damit auch alle wissen, dass der später auftauchende Bombenroboter an eine legendäre Filmblechkiste erinnern soll, heißt es "das ist ja wie bei 'Nummer 5 lebt'!"

Die Stärke der Tukur-"Tatorte" war bislang immer, dass sowohl Filmnerds als auch Sonntagszuschauer mit ihnen Spaß haben konnten: Wem die Referenzen zu den filmischen Vorbildern fehlten, der konnte sich immer noch über einen gut gemachten und allzeit stimmigen Krimi freuen. Das ist bei "Angriff auf Wache 08" anders: Wer mit B-Movies nicht vertraut ist, wird bei den vielen Plotlöchern und all dem anderen Kram, der Lofi-Kino eben so ausmacht, verständnislos den Kopf schütteln. Leider werden aber auch eingefleischte Cineasten mit dem neuen Murot nur eingeschränkt glücklich, schuld daran ist das maue und extrem unbefriedigende Ende.

Quelle: n-tv.de

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