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Neue Chancen in Ruinen Als die Jugend in Leipzig wild träumte

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"Wir sind die Größten!" So fühlen sich die Jungs und so schreien sie es heraus, bei den Fahrten mit den geklauten Autos.

(Foto: Peter Hartwig/Rommel Film/Berlinale/dpa)

Die Welt in "Als wir träumten" ist düster, kaputt, voller Gewalt - und voller Hoffnung. Andreas Dresen erzählt, wie Teenager sich nach dem Mauerfall in einen Rausch aus Techno, Drogen und Autoklau stürzen und wie sie daraus erwachen. Wenn sie es denn überleben.

Der allerletzte Satz in "Als wir träumten" steht exemplarisch für die gesamte Situation der Jugendlichen im Film: "Wohin solls gehen?" fragt der Taxifahrer und er bekommt keine Antwort. Es sind die Zeiten des Umbruchs, der Wende, kurz nach dem Mauerfall. Die DDR ist untergegangen, die alten Werte gelten nicht mehr. Die Lebenswege, in der DDR ziemlich vorbestimmt, müssen eine neue Richtung finden - nur: welche?

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Zu viel Blödsinn gemacht: die fünf Jungs im Polizeirevier.

(Foto: Peter Hartwig/Rommel Film/Pandora Film/dpa)

Die fünf Jugendlichen in Leipzig, um die es in der Verfilmung des gleichnamigen, sehr erfolgreichen Romans von Clemens Meyer geht, werden in einer Zeit erwachsen, in der die alten Regeln nicht mehr gelten und die neuen noch nicht. Die Autoritäten - Lehrer, Polizisten, Eltern - haben kaum mehr was zu sagen, spielen kaum eine Rolle, müssen sich erstmal selbst neu orientieren unter den Bedingungen des gerade erst wiedervereinigten Deutschlands.

Neue Chancen - und Risiken

Das eröffnet einerseits ganz neue Chancen und Möglichkeiten für die Jungs, andererseits aber auch bisher ungekannte Risiken. Sie packen die Gelegenheit beim Schopf und eröffnen in einem leerstehenden Fabrikgebäude einen Technoclub. Die (damals) neue Musik hämmert durch die alten Gemäuer, erst kommen kaum Mädchen, dann kommen die Glatzen, es gibt Ärger und mächtig aufs Maul - die Jungs landen hart auf dem Boden der Realität. Der versuchen einige der Pubertisten mit Drogen zu entfliehen, denn die neue Welt bringt nicht nur neue Möglichkeiten, sondern auch neue Rauschmittel.

Die Welt in Dresens Film ist kalt, hässlich und heruntergekommen. Die Wohnungen haben noch Ost-Standard, auf die neu angeschaffte Mikrowelle wird stolz verwiesen. Die Teenager sind picklig, sie klauen im Konsum, knacken Autos, rasen damit herum und zertrümmern sie anschließend. Fühlen sich dabei wie "die Größten" und schreien es auch laut heraus. Ständig wird geraucht und gesoffen, es gibt viel Gewalt in "Als wir träumten", dauernd gibt’s auf die Fresse. Und alle schauen weg. Was sonst Dresens Filme wie "Halbe Treppe", "Wolke 9", "Sommer vorm Balkon" und "Halt auf freier Strecke" auszeichnete - menschliche Wärme, Zusammenhalt und nachvollziehbare Beziehungen - fehlt hier fast völlig.

Untreue Brüder

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Unerfüllte Sehnsucht: Sternchen und Dani.

(Foto: Peter Hartwig/Rommel Film/Pandora Film/dpa)

Sie tragen zwar der Oma die Kohlen hoch, kassieren aber Geld dafür und nehmen auch gern mal ein bisschen mehr aus dem Portemonnaie. Auch die immer wieder beschworene Bruderschaft zwischen den Jungs ist brüchig: der pickelige, grobschlächtige Pitbull (Marcel Heuperman) verkauft Mark (Joel Basman) die Drogen, die ihn dann umbringen ("Wenn nicht von mir, hätte er sie von anderen bekommen"). Dani (Merlin Rose) versteckt sich feige und öffnet nicht die Tür, als seine Freunde von Glatzen verfolgt und verprügelt werden. Der Boxer Rico (Julius Nitschkoff) macht sich an die hübsche Sternchen (Ruby O. Fee) ran, in die Dani schon lange verzweifelt verliebt ist …

Was genau Dani an ihr findet, wird einem nicht ganz klar, denn Sternchen ist nicht viel mehr außer hübsch; sie hängt sogar mit dem Feind, den Nazis, rum, von denen er brutal verprügelt wird - die trauen sich nun offener hervor, seit die DDR-Staatsmacht abgedankt hat. Wie das zusammenpassen soll, ist auch fraglich - Sternchen ist kein Skingirl, nur ein ziemlich naives, hübsches Mädchen, das sich seiner Attraktivität bewusst ist.

Schwerer Kater nach dem Rausch

Um aus dem 500-Seiten-Wälzer von Clemens Meyer (der im Film einen kleinen Auftritt als Polizist hat, der den Jungs auf der Wache ein "auf Wiedersehen" mitgibt) ein Drehbuch zu machen, beauftragte Andreas Dresen den mittlerweile 83-jährigen Wolfgang Kohlhaase. Weil er es spannend fand, "dass jemand aus einer ganz anderen Generation auf dieses Buch schaut". Und weil der ja auch mal ein Heranwachsender war, nach dem Zweiten Weltkrieg. Ebenso eine Zeit des Umbruchs und Neubeginns. Vielleicht ist das aber doch schon etwas zu lange her - so richtig warm ist der Drehbuch-Altmeister mit dem Thema wohl nicht geworden. Jedenfalls haut der Ton nicht immer ganz hin, die Dialoge sind zum Teil etwas schwerfällig. "Als wir träumten" ist ein ziemliches Brett, das etwas ratlos zurücklässt. Mit einem Hangover, so wie die Jungs aus dem Rauschzustand in der Zeit kurz nach dem Mauerfall erwachen.

"Als wir träumten" lief gerade im Wettbewerb der Berlinale. Ab 26. Februar ist er in den deutschen Kinos zu sehen.

Quelle: n-tv.de

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