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Der Lack ist ab "Mad Men" wagen letzten Pitch

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Jon Hamm als Don Draper in "Mad Men," Season 6, Episode 2.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Miniröcke raus und Pomade in die Haare: "Mad Men" ist zurück. In einer finalen Staffel der TV-Serie muss Werbekönig Don Draper nicht nur den Spagat zwischen Los Angeles und New York meistern, sondern vor allem seine Familie flicken - und das ganz ohne Job.

Es ist 1969. Für 14 Folgen katapultiert die US-Serie "Mad Men" ihre Zuschauer ein letztes Mal zurück in das Amerika des hart trinkenden Mannes, der unterwürfigen Frauen und der vollen Aschenbecher. In den USA brechen die Nixon-Jahre an: So am Ende wie das Jahrzehnt ist die Nation - die "Mad Men"-Protagonisten sind es auch. "Auf einmal sind wir reich an Gütern, doch zerrissen im Geist", die Worte des neuen Präsidenten flimmern in der ersten Folge der siebten und letzten Staffel der Show über einen Fernsehbildschirm. Sie könnten auch für Don, Peggy und den Rest der Truppe geschrieben sein.

"Bist du fertig? Denn ich möchte, dass du genau aufpasst: Das hier ist der Beginn von etwas!" Mit diesen Worten steigt Staffel sieben genau dort ein, wo "Mad Men" zu Hause ist: direkt in der Werbeagentur. Und schnell ist klar: Hier geht es um den nächsten Pitch. Es ist Freddie Rumsen, der spricht. Der einstige festangestellte Werbetexter arbeitet nun offenbar als Freelancer, die Kommandos gibt die Aufsteigerin Peggy Olson. Obwohl das Finale der vergangenen Staffel fast ein Jahr zurückliegt, holen die Macher die Zuschauer mit diesem Einstieg sofort wieder ins Boot: Es muss gar nicht knallen. Diese ersten Minuten "Mad Men" sind so grundsätzlich falsch, dass ganz schnell wieder vor Augen tritt, was in den letzten Folgen alles daneben ging.

Der große Donald Draper, der sich ob seiner genialen Ideen eigentlich immer alles erlauben konnte, fliegt aus der eigenen Firma? Seine junge Frau Megan zieht für die Karriere nach Los Angeles, während Don beschließt, in New York in seinem Saft zu schmoren? Seine Tochter erwischt ihn mit einer fremden Frau im Bett, und jetzt steht auch noch seine letzte halbwegs intakte Beziehung auf dem Spiel? Don ist nicht einer der Menschen, die durch Scheidung oder Misserfolg im Beruf unangenehme Charaktere wurden: Er war schon vorher so. Und mit weniger akkurater Frisur und vom Alkohol beschwerten Augenliedern sieht man das auch.

Donald Draper ist fast mehr Ekelpaket als Antiheld. Er ist kein Underdog mit Welpencharme: Er ist ein alternder Lüstling, ein mieses Klischee, an dem die Zeit beinahe vorbeigegangen ist. Und vielleicht weiß er das auch. Er hat es schließlich mit einer zweiten Ehe versucht und er hat den Nachwuchs in der Agentur gefördert. Es lässt sich kaum sagen, Donald Draper sei nicht faszinierend oder charismatisch. Es sind genau diese gebrochenen Typen, die "Man Men" ausmachen.

Wie tief können Figuren fallen?

Ans desaströse Ende von Staffel sechs knüpfen die "Mad Men"-Macher einen ziemlich gelungenen Staffelstart. Auf allen Ebenen: Der Glanz ist ab! Die Werbeagentur, in der Don Draper einst brillierte, scheint ohne ihn kein bisschen mehr. Dabei fehlen nicht etwa seine Ideen. Während Peggy versucht, dem neuen Boss Lou Avery zu gefallen, merkt sie gar nicht, dass es Dons Einfälle sind, die Kollege Freddie ihr da heimlich zuschustert. Es läuft aber auch alles andere als rund für die ambitionierte junge Frau, die ursprünglich als Sekretärin in der Agentur angefangen hatte. Der Besuch von Ted Chaough konfrontiert sie mit ihrem gescheiterten Liebesleben. Außerdem steigen ihr ihre Mieter aufs Dach. Ein Zusammenbruch ist unausweichlich. Nicht weniger am Boden ist Kollege Ken Cosgrove. Er trägt immer noch Augenklappe und kompensiert das mit Brüllaffen-Attitüde.

So richtig heruntergewirtschaftet hat sich Agentur-Partner Roger Sterling. Offenbar hat er seine Einstellung zu Sex völlig liberalisiert. In seinem Schlafzimmer liegen mehrere Nackte, schlafen, und vielleicht waren Drogen im Spiel. Es wäre nicht das erste Mal, dass Roger sich einen kleinen LSD-Trip gegönnt hätte. Zu kämpfen hat auch Joan. Die Chefsekretärin von einst ist nun auch Partnerin in der Agentur. Sie will Verantwortung übernehmen, muss jedoch merken, dass ihr die Geschäftspartner durchaus überlegen sind. Nicht, dass es nicht jedes Mal aufs Neue ein Vergnügen wäre, dem umwerfenden Rotschopf dabei zuzusehen, wie sie Männer in ihre Schranken weißt. Aber hinsichtlich des Kinds, dass sie gemeinsam mit Roger hat, lässt "Mad Men" den Zuschauer in Wartestellung. Warten heißt es auch in puncto Betty Draper: Von ihr und ihren Kindern fehlt zum Staffelauftakt jede Spur. Vielleicht sammelt sie ihre Kräfte zum nächsten großen Schlag. Wieder zurück in der alten Konfektionsgröße kann von ihr mehr erwartet werden als leidiges Lamentieren.

Im grauen Sumpf der schlechten Laune strahlt nur einer im Cast: Pete Campbell - und das ist das Allergruseligste am neuen Setting. Auch ihn hat es nach Kalifornien verschlagen. Die Sonne hat aus dem kleinen Kläffer einen Eistee schlürfenden Shortsträger gemacht. Wird Zeit, dass ihm Peggy das verheimlichte Kind um die Ohren haut. In der Zwei-Küsten-Episode steht die Welt der "Mad Men" mindestens schief. Bei allen Shows ohne die Heile-Welt-Ästhetik der Jahrtausendwende muss das immer mal so sein. Selten geht es gut, jedenfalls rückblickend. Weil die richtig gute Geschichte dann, wenn die großen Effekte einsetzen, meist schon auserzählt ist. Und es stellt sich die Frage: Wie tief darf und muss eine Show ihre Protagonisten fallen lassen, damit sie noch in Würde wieder aufstehen können?

Quelle: ntv.de