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Stylenite nein, Berlin ja Michael Michalsky: Arbeit & Liebe

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Macht Kleidung mit Seele - und wenn man will, für die Ewigkeit: der Berliner Designer Michael Michalsky.

(Foto: Michalsky)

"Brothers & Sisters" - so heißt die Kollektion, die Michael Michalsky auf der Berliner Mercedes Benz Fashion Week zeigen wird. "Brüder & Schwestern" steht in dem Fall vor allem dafür, dass wir alle mal wieder an einem Strang ziehen sollten - Michalsky macht es deswegen vor: Erstmals nach über zehn Jahren verzichtet der Berliner Designer auf seine beliebte Stylenite und zeigt die neuesten Entwürfe seiner "Atelier Michalsky Couture"-Kollektion im Rahmen der offiziellen Fashion Week. Keine leichte Entscheidung für den 52-Jährigen, denn er liebt seine Stylenite: "Das ist der Brachentreff am Ende aller Shows, wo jeder mit jedem reden und feiern kann", erzählt er n-tv.de in seinem Atelier. Seine Show am 3. Juli wird aber dennoch der Closing Act und somit Abschluss der Berliner Modewoche sein. Über seine Rückkehr in den offiziellen Fashion-Week-Kalender und die protektionistischen und patriotischen Tendenzen in der Weltpolitik, die ihn zu diesem Schritt bewogen haben, spricht er mit ebenso viel Leidenschaft wie über seine Kollektion. Die Botschaft: "Brothers & Sisters" im Wechselspiel der Couture des goldenen Zeitalters mit Einflüssen der 80er-Jahre. Überzeichnete Schultern, hohe Taillen und Bundfaltenhosen treffen auf scharfe Cutlines und luxuriöse High-End-Stoffe auf spannendes Layering, das am Ende ein Baukastenprinzip für sie und ihn bietet. Jodhpur-Hosen oder ausgestellte Röcke, hergestellt in aufwendiger Schneiderkunst - auf jeden Fall gibt es bei Michalsky Produkte mit Seele.

n-tv.de: Es findet dieses Jahr zum Ende der Berlin Fashion Week keine Michalsky-Stylenite statt - was steckt dahinter?

Michael Michalsky: Ein ganz einfacher Grund - und ich hole mal ein bisschen aus für die Erklärung: Ich bin ein großer Verfechter des Modestandorts Berlin. Ich habe meine allererste Show gezeigt, da gab es noch gar keine Fashion Week. Ich bin seit 26 Jahren Designer, die Mode ist in einem stetigen Umbruch. Und so ist es eben auch dieses Mal wieder. Nur, ob dieser Umbruch gut ist, wage ich zu bezweifeln.

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2008 mit Klaus Wowereit (damals Regierender Bürgermeister von Berlin) und Eva Padberg. 2006 zeigte Michalsky zum ersten Mal seine Entwürfe - im Roten Rathaus in Berlin.

Inwiefern? Was war der Auslöser für den Gedanken, es anders zu machen als sonst?

Als ich hörte, dass es den Modesalon nicht mehr geben soll und als die ganzen Schwanengesänge auf Berlin als Modestandort und Kreativzentrum einsetzten, da dachte ich mir, in solchen Fällen ist es ganz gut, wenn man mal die Reihen schließt. Ich habe immer am Freitag gezeigt, da war die Fashion Week ja eigentlich schon vorbei. Und ich hab' auch immer mein eigenes Ding gemacht ...

… Sie haben ja auch immer neue Musiker eingeladen, Bands, Künstler, Schauspieler …

… ja, ich hatte immer meine eigene Art der Inszenierung. Aber jetzt dachte ich, dass es in einem solchen Moment, wo alle den Untergang beschwören, wichtig ist, zusammen Stärke zu zeigen.

Wenn man seine Kollektion im Ewerk zeigt wie die meisten anderen Designer auch, verspürt man einen größeren Zusammenhalt, denken Sie?

Ja, schon. Ich habe dort vor Jahren schon als Erster meine Entwürfe gezeigt, schon bevor sich die Mercedes-Benz Fashion Week die Location gesichert hat, und ich empfinde meine Präsentation dort jetzt als Statement.

An wen gerichtet?

Vor allem an die, die in der Modeindustrie arbeiten, ob das Einkäufer sind oder Modejournalisten. Es zeigt eine gewisse Togetherness, vor allem, da ich das vorher ja bewusst nicht gemacht habe. Das ist für mich erstmal ein einmaliges Statement, denn ich liebe meine Stylenite, weil ich mich da ja viel freier entfalten kann als in dem jetzigen Rahmen. Ich bin Perfektionist, achte auf jedes Detail gern persönlich, und wenn man Teil eines großen Ganzen ist, dann muss man auch mal locker lassen, Dinge abgeben können. Ich will damit aber vor allem zeigen, dass ich an den Modestandort Berlin glaube.

Berlin boomt …

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Er steht einfach auf Berlin!

(Foto: dpa)

Die Stadt platzt aus allen Nähten - was man unter anderem daran sieht, wie schwer es ist, hier eine Wohnung zu mieten. Man sieht es auch daran, wie viele Leute in die Stadt kommen, um hier zu arbeiten, zu leben und zu feiern. Erstaunlicherweise wird der Modestandort Berlin dennoch nicht so unterstützt, wie man es aus anderen Ländern kennt - die gehen viel besser mit ihren Fashion Weeks um.

Wie meinen Sie das?

Man guckt ja gern nach Paris oder Mailand, sagt dann, ach sieh mal, die machen das so und so - das heißt aber noch lange nicht, dass wir es dann auch machen. Obwohl Mode so ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist. Woanders wird Fashion und Fashion Week ganz anders zelebriert und auch viel besser gefördert, ob das in New York ist oder in London - trotz Brexit. Ich halte Berlin aber nach wie vor für eine der moderelevantesten Städte der Welt.

Wie politisch kann Mode eigentlich sein?

Sie kann sehr politisch sein! Ich finde, ich gebe viel und habe mit meiner Stylenite immer ein popkulturelles Event geschaffen. Das war mehr als eine Fashion Show.

Sind Sie von irgendetwas enttäuscht?

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Stylenite 2018 - mit Tanja Bülter und Annabelle Mandeng.

(Foto: imago/Future Image)

Nein, ich bin nicht enttäuscht, ich hätte ja eine Stylenite machen können, es war alles in trockenen Tüchern. Die Aufmerksamkeit wäre mir auf jeden Fall wieder sicher gewesen, weil da einfach jeder hinwill. Das ist ja ein Branchentreff.

Die Aufmerksamkeit ist Ihnen jetzt auf jeden Fall auch sicher ...

Ich glaube an diese Stadt, deswegen würde ich für mein eigenes Label nie woanders hingehen. Aber jetzt profitiert die ganze Veranstaltung von dieser Aufmerksamkeit, das ist doch super (lacht).

Sie haben sich dadurch quasi zur Spokesperson gemacht …

Auf vollkommen freiwilliger Basis, genau! Bestimmte Situationen erfordern bestimmtes Handeln. Ich glaube, das war jetzt nötig. Bisher haben mir alle gesagt, dass sie das gut finden. Für mich ist es ehrlich gesagt schwieriger als Designer, denn ich stecke nun viel mehr in einem Korsett. Das nehme ich aber gerne in Kauf, wenn dadurch der Effekt für die Kollegen und Kolleginnen, die nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen, erreicht wird.

Kommen wir zur Mode - gestrickte Bodys wird es zum Beispiel geben …

Ich zeig' Ihnen mal - als Allererster außer Haus übrigens - das Moodboard, dann können Sie sich besser was darunter vorstellen. Die Kollektion heißt "Brothers & Sisters", weil ich damit unterstreichen möchte, dass wir alle im gleichen Boot sitzen. Ich benutze für Männer und für Frauen ja von Anfang an gerne die gleichen Materialien. Das war am Anfang umstritten, aber heutzutage machen das viele. Was mir wichtig ist für meine Couture-Kollektion ist, dass die Stoffe alle sehr hochwertig sind. Und dass sie einen gewissen Twist haben.

Was bedeutet "Twist" in dem Fall?

Dass da etwas Sinnvolles hinter steht. Zum Beispiel Seidenorganza, der mit Silikon beschichtet ist. Dadurch hat das einen ganz anderen Drape. Oder handgemachte silberne Spitze, die mehrfarbig ist, da sind nochmal einzelne Seidenstreifen aus der Farbwelt draufgenäht und mit der Hand ausgefranst. Dann benutze ich eine ganz tolle Paillette, die aussieht wie Glas oder Porzellan. Die Paillette der Zukunft, fassen Sie mal an …

Die kratzt gar nicht …

Kostet auch 250 Euro der Meter.

Ich sehe Leder …

Ja, ich arbeite gerne mit Leder, ich bin ja kein Vegetarier. Pelz gibt es bei mir aber nicht, nur die By-Products von den Tieren, die man isst. Und dann habe ich noch Seide und hauchdünnes Silikon, das von Hand bestickt ist.

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Haute Couture ist meisterliches Handwerk. Daher der Preis. Dafür aber für immer, wenn man möchte.

(Foto: imago/tagesspiegel)

Wo kommt das her?

Aus Nordfrankreich, wird dort von Schneiderinnen handbestickt. Das dauert sehr lange. Ist aber sehr futuristisch.

Und wird dann eine Jodhpur-Hose.

Ja, so was in der Art. Ich proklamiere ein neues System, das Baukastensystem. Weil ich der Meinung bin, man braucht gar nicht so viel. Es geht darum, zu kombinieren, je nachdem, in welcher Lebenslage man sich gerade befindet. Ob man damit in den Club geht, zum Dinner, zur Arbeit. Die gestrickten Bodys sind die Grundlage und alles andere kommt als Schicht obendrauf. Deswegen arbeite ich auch mit transparenten Stoffen, weil ich das zeigen möchte.

Und die Bodys dann in die Waschmaschine?

Couture gehört ja grundsätzlich nicht in die Waschmaschine. Die sind handgestrickt aus einem Seiden-Cashmere-Faden von Berliner Meistern und Meisterinnen. Gestrickt wird das von einer Dame aus Kreuzberg, und zwar hier, in meinem Atelier, direkt auf Form. 

Was folgt dann auf den Body, wenn ich mich jetzt für Ihren Baukasten entscheide?

Dann ziehen Sie erst den Body an, der wahlweise mehr oder weniger bedeckt, ganz nach Wunsch, und dann als Nächstes einen Rock, Hose oder Shorts, dann ein Coverpiece. Da schlage ich ein Jackett oder einen Blouson oder diese Saison auch einen bodenlangen Trenchcoat aus Seide vor. Und dazu Schnürstiefeletten.

Kann ich auch die Männer-Schuhe anziehen, wenn die Damenschuhe mir zu hoch sind?

Sie dürfen mischen, wie Sie wollen. Die Männer dürfen ja auch die Frauensachen tragen, wenn sie das möchten. Man muss kein komplettes Outfit kaufen, sondern nur Lieblingsstücke.

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Michalskys Moodboard mit Bowie, Nationalgalerie und Buffalo-Schuhen.

(Foto: Michalsky)

Ich sehe auf dem Moodboard die Neue Nationalgalerie ...

Ich interessiere mich ein bisschen für Architektur. Dieses Bauwerk bedeutet Zeitlosigkeit und Eleganz. Es ist futuristisch, obwohl es nicht neu ist, und es wirkt dennoch modern - das passt zu meiner Kleidung, die keine Wegwerfkleidung ist. Ich würde mich freuen, wenn man das in 10 bis 15 Jahren immer noch trägt. Ich stecke da sehr viel Arbeit und Liebe rein, die Stoffe auszuwählen, die Schnitte - meine Leute haben alle eine Passion für das, was wir hier machen. Das symbolisiert das System, dass das Innere nach außen getragen wird und das Äußere am Inneren teilhaben kann. Außerdem liebe ich Geradlinigkeit. Und vor allem diese wunderschöne Zeitlosigkeit und Modernität. Und außerdem steht sie in Berlin, was mich per se inspiriert.  

Was kauft ein Mann bei Ihnen am besten?

Ich würde meinen neuen Lederblouson empfehlen, der je älter, desto besser werden wird, oder ein schönes Jackett, das man zur Lieblingshose tragen kann. Meine Fashion Shows sollen ja nur Anregungen sein, die Menschen müssen nicht wie Klone rumlaufen und es muss nicht von Kopf bis Fuß Michalsky sein. Ich hoffe aber, dass jeder bei mir ein Lieblingsstück finden könnte. Weil man merkt, dass das ein Produkt mit Seele ist.

Wie halten Sie es mit der Nachhaltigkeit? Man will nicht mehr so viel kaufen, es soll aber gut sein und bitte lange halten …

Wenn man einen Couture-Blazer kauft, hält der wahrscheinlich, bis man stirbt. Denn im Gegensatz zu Massenprodukten ist das ein sehr hochwertiges Material. Außerdem ist der so geschneidert, dass man den anpassen kann. Natürlich bezahlt man da erstmal mehr für, aber dieses Produkt kann mit einem durchs Leben gehen. Ich machr mir aber auch nichts vor, mir ist vollkommen klar, dass solche Produkte für viele Menschen unerreichbar sind. Es ist und bleibt eine Investition - ist dafür aber von Meisterhand gemacht.

Schaffen wir es denn, uns allgemein etwas mehr zurückzuhalten?

Das frage ich mich auch immer wieder, aber das muss jeder für sich entscheiden, in der Mode und auch in anderen Bereichen. Sicher muss man nicht ständig bei Kleiderketten einkaufen gehen, und man kann sich auch dort nur ein paar schöne Stücke aussuchen. Ich esse ja auch Fleisch, aber nicht ständig, und auch nur Gutes. Ich sammle mein Plastik und trenne Müll, so summiert sich das dann. Ich kenne auch viele, die diese ganzen Ideen sehr spannend finden, aber wenn es dann an die Umsetzung dieser Ideen geht, ist das eine andere Sache. Ich kann mich entscheiden, ob ich die Wurst für 99 Cent kaufe - oder es lasse. Ich kann als Einzelner ganz viel ändern, wenn ich es möchte. Aber vor allem kann ich in der Gruppe etwas ändern - und damit komme ich dann wieder darauf zurück, dass ich im Zusammenschluss mit anderen Gleichgesinnten, wie jetzt bei der Fashion Week, auch etwas bewirken kann.

Wie wichtig ist Mode? Ich hatte neulich meinen Koffer verloren und war zuerst richtig traurig, weil da meine Lieblingskleider drin waren, dann dachte ich aber: "Sind ja bloß Klamotten ..."

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Ein bisschen Spaß muss sein - ob mit oder ohne Heidi in Zukunft, das lassen wir mal offen.

(Foto: imago images / Sven Simon)

Da muss ich Sie gleich unterbrechen, das ist nämlich der falsche Ansatz. Deswegen stecken wir in Deutschland nämlich auch in einem solchen Dilemma. Durch unsere puritanisch-protestantische Erziehung über Jahrhunderte hinweg glauben wir, dass Mode etwas Frivoles, nicht ernst zu Nehmendes ist. Das stimmt aber nicht: Mode gibt Menschen ein gutes Gefühl. Sie kann trösten und aufmuntern, wenn wir mit dem falschen Fuß aufstehen, sie kann uns sexy machen oder selbstbewusst. Egal, was ich mache, Mode kann mir ein gutes Gefühl geben - und das ist vollkommen okay! Mode ist Teil von Kultur und genauso, wie man Kindern beibringt, mit Messer und Gabel zu essen, genauso wichtig ist es, ein Gefühl für Mode zu entwickeln. Aber bitte immer individuell bleiben!

Mein Koffer ist zum Glück wieder da! Letzte Frage: Warum kleckere ich immer dann, wenn ich eine weiße Bluse trage?

(lacht) Weil das Gesetz ist! 

Mit Michael Michalsky sprach Sabine Oelmann

Michael Michalsky zeigt seine Kollektion "brothers & sisters" am 3. Juli um 21 Uhr im Ewerk

Quelle: n-tv.de

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