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"Ich arbeite wie ein Beamter" Michael Michalsky rät zu Power-Dressing

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"Music and passion were always in fashion", sang schon Barry Manilow - und das gilt nicht nur für die Copacabana.

(Foto: dpa)

Michael Michalsky ist immer am Schluss der Berliner FashionWeek dran, und das aus gutem Grund: Seine Show ist eine große Inszenierung und die Aftershowparty legendär. Das verwöhnte Publikum wird dieses Jahr in eine Kirche geladen und darf Johann Sebastian Bach lauschen. Die Show steht unter dem Motto "Perspektive" - und über Perspektiven reden wir mit dem 49-Jährigen in seiner Atelier Michalsky Fitting Location.

n.tv.de: Von Aufregung keine Spur?

Michael Michalsky: Geht so, das kommt erst kurz vor der Show. Außerdem habe ich ein tolles Team, und das ist auch bereits das 17. Mal, dass ich eine Show mache, also alles gut. Ab einem gewissen Zeitpunkt hat man auch keinen Einfluss mehr darauf, was passieren wird. Aber bis kurz vor der Show besteht ja immer die Möglichkeit, tatsächlich doch noch etwas zu ändern, das ist ein gutes Gefühl. Aber das mach' ich wirklich nur in Notfällen.

Du bist also bestens vorbereitet.

Könnte man so sagen, ja (lacht). Aber da das Haute Couture ist, wird das alles auf die Models zugeschnitten, da kann es durchaus sein, dass nochmal eine kleine Änderung vorgenommen werden muss. Grundsätzlich bin ich aber fertig. Das ist Handarbeit.

Letztes Mal hast du keine Show gemacht, sondern eine Installation von 3D-Figuren.

Ja, das hat internationale Wellen geschlagen. Da wurde in vielen ausländischen Medien drüber berichtet, weil die Idee, Models in einen 3D-Scanner zu stecken und das Gesamtpaket dann auszudrucken, für großes Interesse gesorgt hat. Ich bin ja ein großer Fan der 3D-Technologie. Meine Accessoires, zum Beispiel Faszinators, kommen diese Saison komplett aus dem Drucker.

Bist du ein Technik-Fan?

Ja, und ich bin davon überzeugt, dass der 3D-Drucker unser Leben verändern wird, in sehr vielen Bereichen. Das können sich viele sicher nicht vorstellen, ….

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3D - faszinierende Technologie.

(Foto: picture alliance / dpa)

... stimmt …

… aber das wird ja auch preisgünstiger werden. Als der Video-Rekorder erfunden wurde, dachte auch noch niemand an einen DVD-Player, und wer hatte vor 20 Jahren denn ein Handy? Diese Innovationen waren anfangs immer sehr teuer, und wenn eine weitere Technologie auf den Markt kam wurde es auch günstiger. In fünf bis zehn Jahren werden wir 3D-Drucker haben, die qualitativ besser aber günstiger sind, weil die Technologie-Sprünge einfach in enorm kurzer Zeit passieren. Ich bin jetzt 49, und ich erinnere mich an den Röhrenfernseher, dann irgendwann gab es die Fernbedienung und auch mehr Programme als die drei, die es in den 60er, 70er Jahren so gab.

Du schwärmst ja richtig.

Ja, ich glaube, dass in der Medizintechnik ganz viel mit 3D-Druck getan werden kann. Prothesen, Gelenke, Knochen, das hört sich so nach Science-Fiction an, aber ich glaube daran.

Du hast ja Recht.

Kannst du dich noch daran erinnern, wie du deine erste SMS geschickt hast? Das war doch großartig. Oder T9, diese Autokorrektur-Hilfe. Und wer hätte denn gedacht, dass wir unterwegs unsere Mails abfragen können.

Zurück zur Mode …

… ja, da ist in den letzten zehn Jahren so viel passiert. Allein, wie wir Mode konsumieren. Früher ging man in einen Laden, heute bestellt man rund um die Uhr.

Wie hat das alles bloß funktionieren können, ohne Mails und SMS und GPS?

Das frag' ich mich auch oft (lacht). Aber es ging, es war eben anders. Das schlimmste, was man sagen kann ist doch: "Früher war alles besser." Das stimmt auch gar nicht.  

Du bist ja der "Anti-Früher-War-Alles-Besser-Typ", du bist der, der immer nach vorne geht.

Stimmt, geht auch gar nicht anders bei mir.

Du bist auch ein Pop-Kultur-Messias …

(lacht) Nein, um Himmels Willen, das hört sich ein bisschen zu religiös an.

Aber du treibst das voran, die Mode und die Musik, in Kombination am liebsten.

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Eva Padberg in Michalsky.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ja, das ist mir sehr wichtig, schon immer gewesen. Als Kind der MTV-Generation bin ich auch musikalisch ein visueller Mensch, und da passt Mode nunmal dazu. Musik hat mich geprägt. Ich stehe auf mit Musik und ich gehe ins Bett mit Musik. Ich komme aus der Zeit, als Künstler, in Musikvideos zum Beispiel, durch Mode Aussagen und Inhalte transportieren wollten. Es war ihnen wichtig, wie sie sich darstellen und wie sie gesehen werden. Und das ist in mir verhaftet. Ich interessiere mich auch noch für Clubculture.

Gehst du noch in Clubs?

Ja, aber nicht mehr so viel wie früher.

Bis in die Puppen?

Ab und zu. Allerdings dauert die Regenerationszeit etwas länger (lacht). Aber das inspiriert mich. Ich geh' eben nicht mehr unter der Woche aus, ich führe ja ein Unternehmen, und meist bin ich einer der ersten der da ist. Ich arbeite eigentlich ein bisschen wie ein Beamter.

Du bist ja großer Fans von Lady Gaga und Madonna …

… stimmt, aber grundsätzlich bin ich sowieso ein großer Fan von KünstlerInnen. Und generell ein Befürworter von der neuen Rolle, die die Frau in der Gesellschaft innehat. In meinen Augen könnte das gerne eine noch viel prominentere Rolle sein. Meine Kollektion hat ein Thema, ich hab' sie "Perspektive" genannt, und da geht es unter anderem um das Protektive und darum, dass man als Frau heutzutage wieder Power-Dressing braucht. So, wie in den Achtzigern.

Das heißt, es gibt wieder Schulterpolster?

Ja, so ein bisschen, aber dieses Mal außen. Als Designdetail, es erinnert mich an American Football.

Brauchen Frauen tatsächlich wieder Power-Dressing?

Ja, ich fürchte schon. Ich verfolge diese Diskussion über Frauen am Arbeitsplartz und in der Gesellschaft, und kann sie an manchen Stellen gar nicht verstehen. In meinem Unternehmen sind 85% weibliche Mitarbeiterinnen - die werden selbstverständlich genauso bezahlt wie ihre männlichen Kollegen, nämlich nach Qualifikation. Egal, ob schwarz, weiß, transgender, schwul, lesbisch. Für mich ist es normal, mit Frauen zusammen zu arbeiten, schon mein ganzes Leben lang. Was mich stört ist, dass es so wenig Solidarität in der Gesellschaft gibt. Nicht nur unter Frauen.

Nochmal zu Madonna - da heißt es ja oft: Kann die sich nicht mal altersgerecht anziehen? Was sagst du dazu?

Jeder kann sich anziehen wie er möchte, egal, in welchem Alter. Ich finde diese Diskussionen interessant, aber wer es nicht mag kann ja weggucken.

Gibt es eine Madonna-Nachfolgerin?

Michael Michalsky unterstützt die Ebola-Hilfe. Foto: Jens Kalaene/

Michael Michalsky: Designer und Unternehmer mit Sinn für Gerechtigkeit

(Foto: dpa)

Schwer. Besser ist es ja, anders zu sein, und nicht eine zweite Madonna. Übrigens gäbe es viele andere heute gar nicht so in der Form, wenn eine Frau wie Madonna nicht den Weg geebnet hätte. Sie ist absolut selbstbestimmt und ihre eigene Marke. Und absolut erfolgreich über mehrere Jahrzehnte.

Die Musik in der jetzigen Show kommt von Cameron Carpenter, wer ist das?

Meine Kollektion ist dieses Mal sehr von Architektur beeinflusst. Ich spaziere sonntags gerne durch Berlin, und der Gendarmenmarkt fasziniert mich immer wieder, der ist ja quasi gespiegelt. Deswegen sind wird dieses Mal auch dort, in der Französischen Friedrichstadtkirche. Die hat diesen typischen preußischen Barock. Die Kirche ist sensationell, die Farben, die Akustik, und dann vor allem eben die Orgel. Da habe ich mir überlegt, dass die gespielt werden muss. Aber von wem? Freunde empfahlen mir Cameron Carpenter. Der passt gar nicht in dieses klassische Schema, aber er wird als bester Orgelspieler der Welt gehandelt. Er hat sofort zugesagt. Ich hab' ihm dann meine Entwürfe gezeigt, und er hat gesagt: "Alles klar, wir spielen Johann Sebastian Bach". Klassik hatte ich noch nicht in meinen Shows.

Bist du ein Controllfreak?

Bis zu einem gewissen Level schon, denn meine Sachen werden ja immer  auf mich zurückgeführt, also sollte da schon alles stimmen. Aber ich bin auch ein großer Teamplayer, ich brauche Menschen, um Ideen hin und her zu spielen, das inspiriert mich. Ich könnte nie ein Home-Office haben. Ich muss Arbeit und Privat trennen können.

Der Berliner Streetstyle - bist du damit zufrieden?

Auf jeden Fall. Das ist viel besser geworden. Ganz ehrlich, in Korea, China, Amerika, überall, wo ich aus geschäftlichen Gründen oft bin, sehen die Leute auch nicht anders aus als hier in Mitte. Für den, ich nenn' es mal "Berlin-Spirit" kommen ja nicht von ungefähr jedes Wochenende Tausende junger Leute aus aller Welt angeflogen, um sich hier inspirieren zu lassen. (zögert) Ich fand den Style von Berlin aber ehrlich gesagt noch nie schlecht.

Sollte Kleidung für 20-, 30-, 60-Jährige sich voneinander unterscheiden?

So in Schubladen zu denken geht gar nicht, das ist völlig antiquiert. 50 ist das neue 30 - das ist nicht nur so ein Spruch, das finde ich wirklich. Alter ist eine Geisteseinstellung. Als Eveline Hall für mich zum ersten Mal gelaufen ist, da war sie 64. Alter ist eine Einstellung, es gibt Zwanzigjährige, die alt sind. Leider stirbt die Generation unserer Eltern - und Großeltern - nun langsam aus. Das sind die, die auf der einen Seite den Zweiten Weltkrieg noch erlebt habe, die aber auch die Hippie-Zeiten und das Entstehen der Rock'n Roll-Kultur am eigenen Leib gespürt haben. Meine Omas habe sich angezogen wie man das von Omas so erwartet hat, aber meine Eltern ticken ganz anders, die tragen auch mal Cowboystiefel. Das hat mit Individualität zu tun.

Betrachtest du die Welt momentan eigentlich mit Sorge und Skepsis?

Schon, ich versuche aber, das nicht ständig zu mir durchdringen zu lassen. Ich muss aber sagen, dass sich viele Leute mal bitte Gedanken machen sollten darüber, wie gut sie es haben. Beispiel Brexit: Wir haben seit 70 Jahren Frieden in Europa, jedenfalls zu großen Teilen, das gab's fast noch nie, und dieser Frieden muss erhalten werden.

Wie?

Die EU muss besser vermarktet werden - wie eine Marke - damit die Leute verstehen, was dahinter steht. Da sollte sich mal eine richtig gute Agentur drum kümmern. Die EU müsste wie ein cooles Produkt vermarktet werden. 

Ist dir wichtig, was andere von dir denken?

Nein! (zögert) Mir ist schon wichtig, was meine Freunde, was mein Geschäftspartner Volker, was meine Familie sagt. Da weiß ich, die sind ehrlich und offen. Das kann ich gut ertragen.

Lässt du dir von deinen Eltern noch was sagen?

Ja, mein Vater kritisiert mich schon, aber das ist okay. Und meine Mutter, tja, wie das bei Müttern so ist. Die findet viele Sache erstmal gut, das ist wohl der Mutterinstinkt. Aber wenn ich zum Beispiel Mist in einem Interview erzähle, dann merkt sie das durchaus an.

Und wenn du verrissen wirst?

Das ist schon schwieriger, denn das bin ja dann nicht nur ich, sondern mein ganzer Betrieb. Das tut mir dann leid, weil ich weiß, wie hart die arbeiten und mich unterstützen. Aber mal ehrlich: Mode ist so subjektiv, wie sollte man das objektiv bewerten?

Mit Michael Michalsky sprach Sabine Oelmann

Quelle: n-tv.de

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