Unterhaltung

"Jeder Mensch ist ein Kunstwerk" Michael Michalsky über Dioptrien und Distanz

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Designt Brillen für alle: Michael Michalsky.

(Foto: mr spex)

Zeit, Gesicht zu zeigen! Für seine neue Brillen-Kollektion nimmt Modedesigner Michael Michalsky das aktuelle Zeitgeschehen als Inspiration und ruft dazu auf, mit Gelassenheit neuen Herausforderungen ins Auge zu blicken. Was er noch im Köcher hat, was warten muss und was er über die Corona-Krise zu sagen hat, teilt er mit ntv.de.

ntv.de: Jetzt macht er auch noch Brillen … ich warte auf den Tag, an dem Sie singen!

Michael Michalsky: (lacht) Ich habe bereits mit Mr. Spex zusammengearbeitet, das ist jetzt meine zweite Kollektion, so ist es ja nicht, und gesungen habe ich auch schon, als ich bei "Germany's Next Topmodel" in der Jury saß. Das soll es dann aber auch gewesen sein mit dem Singen. Brillen waren mir aber schon immer sehr wichtig.

Warum?

Weil sie mehr sind als ein Accessoire.

Sie sind oft einfach auch medizinisch notwendig …

Ja, aber für mich als Designer sind sie vor allem ein tragbarer Bilderrahmen, der ein Kunstwerk einrahmt, und zum anderen geht es auch um die Augen, die etwas ganz Wichtiges sind. Sie transportieren den Ausdruck einer Person, ich kann an den Augen erkennen, ob eine Person ehrlich ist oder lügt, ob sie Interesse hat oder nicht, ob sie traurig ist oder fröhlich.

Die Brille als Rahmen zu betrachten, ist schön, aber ich verstecke mich gern auch mal hinter einer Brille.

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"believe", "love" oder lieber "delight"? Probieren Sie's aus.

(Foto: mr spex)

Das ist dann eher was für Psychologen (lacht). Mein Ziel ist aber, dass man sich nicht versteckt, sondern dass man sich noch besser darstellt und fühlt, dass man sich traut, sein Inneres nach Außen zu tragen.

"Be brave" heißt ja "sei tapfer, sei mutig". Mut können wir alle gerade ganz gut gebrauchen, oder?

Absolut! Alle meine Kollektionen, egal ob Haute Couture oder Streetwear oder Brillen, haben bei mir ein Thema. "Be brave" ist also tatsächlich die Weiterführung meiner letzten Show "Brothers and Sisters" und allem, was in diesem letzten halben Jahr passiert ist. Als ich anfing zu designen, war von Corona noch gar nicht die Rede. Aber jetzt geht es darum, mutig zu sein. Und mir ging es vordergründig darum, den "Brothers and Sisters"-Gedanken weiterzuentwickeln.

In welcher Hinsicht?

Es gibt so viele Errungenschaften, die von Menschen vor uns für uns geschaffen worden sind, und leider, obwohl es uns doch so gut geht grundsätzlich, gibt es Tendenzen, viele Entwicklungen wieder zurückdrehen zu wollen. Ich finde, das sollte man nicht zulassen. Bei "be brave" geht es darum, für diese Errungenschaften einzustehen.

Was ist denn passiert nach deiner letzten Show?

Man war an einigen Stellen von meiner Botschaft, die ich in der Show gesendet habe, anscheinend nicht so entzückt. Und es ging darum, dass ich mich über einige separatistische Bestrebungen in Europa einfach nicht so begeistert geäußert habe. Ich stehe nämlich weiterhin auf ein vereintes Europa.

Warst du enttäuscht?

Ach, ich bin immer ein großer Freund der Kommunikation, ich rede auch mit Leuten, die nicht meiner Meinung sind oder auch mit denen, die komische Meinungen haben. Ich will immer versuchen, herauszufinden, warum einer so tickt wie er tickt. Es gibt natürlich bestimmte Grenzen, wenn es absolut sinnlos ist, aber alles, was im demokratischen Spektrum abgebildet ist, würde ich mir, weil ich neugierig bin, anhören.

Du bist ein Designer mit eigener Meinung …

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Geht auch als Sonnenbrille. Ideal für das Klatschen auf dem Balkon.

(Foto: mr spex)

Ja, und das will ich mir auch nicht nehmen lassen. Und ich rege auch gern Leute an, sich eine eigene Meinung zu bilden. Muss nicht meine Meinung sein. In Zeiten wie heute bilden sich zu wenige Leute eine Meinung, und wenn sie eine haben, dann tun sie die nicht kund. Oft aus Angst.

Wen erreichst du mit Brillen und deinen Ansichten? Willst du Leute an die Hand nehmen?

"Be brave" ist für mich eine Einstellungssache und fängt bei ganz kleinen Dingen an. Ich erwarte jetzt keine große Revolution, aber all die Leute, die zu Fridays for Climate gehen, die sind auch jetzt gefragt. Natürlich kann man sich fragen, ob das Sinn macht, wenn da immer dieselben Schüler jeden Freitag hinrennen, aber dass überhaupt junge Leute wieder demonstrieren, das hätte ich nicht mehr erwartet.

Sind wir zu ängstlich?

Du meinst jetzt zum Beispiel in Sachen Corona? Das kann ich verstehen, dass es da Leute gibt, die Angst haben. Wenn es aber darum geht, für gesellschaftliche Interessen einzustehen, jemandem zu helfen oder einfach mal nett zu sein, oder bitte und danke im Taxi zu sagen oder jemandem, der nicht fit ist, eine Hand zu reichen, dann hat das nichts mit Angst zu tun, sondern damit, dass man schlecht erzogen ist, wenn man das nicht tut.

Zurück zu den Brillen - ich habe das Gefühl, mit meiner Nerd-Version total out zu sein.

(lacht) Nee, die geht noch, aber es wird metallisch! Das ist ein klarer Trend. Unterschiedliche Metalltöne, aber auch in Kombi mit Acetat, weil ich den Bruch so schön finde.

Und was ist momentan in der Fashion-Welt los?

Ich bin ja als Creative Director für die gute alte Marke "Jet Set" tätig. Ich habe dieses Label rebrandet und restartet und war vor Kurzem noch - zum Glück! - in Paris, Florenz und in München. Parallel arbeite ich auch noch an Atelier Michalsky, aber es kann ja keiner sagen, wie wir das präsentieren werden. Wird es Veranstaltungen im Sommer geben können, bekomme ich überhaupt alle meine Materialien, die ich brauche? Meine hochwertigen Stoffe kommen aus Norditalien oder aus Frankreich! Das ist ein ganz großes Fragezeichen.

Du warst im Winter nicht bei der Fashion Week vertreten.

Ja, aus Gründen der Nachhaltigkeit. Das war eine ganz bewusste Entscheidung. Ich habe mich ganz bewusst gegen Fast-Fashion entschieden und aus der Alltagsmode zurückgezogen. Nachhaltigkeit ist ein so wichtiges Thema, deswegen zeige ich nur einmal im Jahr meine maßgeschneiderten Sachen. Damit ist man viel extremer in der Aussage, und die Haltbarkeit ist einfach länger, weil es auf den Körper geschneiderte Maßanfertigungen sind. "Jet Set" ist eine Skimarke, das ist was anderes. Ich bin jedoch weit davon entfernt zu sagen, dass früher alles besser war. Ich finde, die Mode und die Modeindustrie haben sich schon gewandelt, zum Besseren. Wie es gekauft wird, wie es angeboten wird, wer die Anbieter sind - es ist etwas langsamer geworden, und da bin ich eh dafür! Die Mode und die Modeindustrie haben sich in den letzten 10 Jahren krass gewandelt. Wir werden sehen, was passiert.

Mit Michael Michalsky sprach Sabine Oelmann.

Quelle: ntv.de