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Zapp Maier - Die WM-TV-Kolumne"Papa, wann spielen die endlich Fußball?"

10.07.2014, 13:37 Uhr
imageVon Kai Butterweck
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(Foto: picture alliance / dpa)

Drei Wochen lang ärgert sich ein Sechsjähriger am TV-Gerät über einschläfernde Taktik-Spielchen, nicht gegebene Tore und Blutgrätschen. Doch dann schlägt die Löw-Elf in Belo Horizonte auf - und die Fußball-Welt ist wieder in Ordnung.

Drei Wochen lang ärgert sich ein Sechsjähriger am TV-Gerät über einschläfernde Taktik-Spielchen, nicht gegebene Tore und Blutgrätschen. Doch dann schlägt die Löw-Elf in Belo Horizonte auf, und plötzlich ist die Fußball-Welt wieder in Ordnung.

Mein sechsjähriger Sohn besitzt seit knapp einem Jahr einen G-Jugend-Spielerpass von unserem Fußballverein um die Ecke. Der Kleine ist natürlich stolz wie Bolle und lag mir schon Wochen vor der WM mit Fragen in den Ohren wie: "Papa, wann geht’s in Brasilien endlich los?" und "Papa, darf ich alle Spiele gucken?" Alles kein Problem. Papa - früher selbst Aktiver - weiß natürlich Bescheid. Papa kennt sich aus, keine Frage. Vater und Sohn einigen sich also darauf, dass am Abend - körperliche und mentale Fitness vorausgesetzt - das eine oder andere 18-Uhr-Spiel auch vom kleinsten Familienmitglied verfolgt werden darf.

Dann ist es endlich so weit. Wir schreiben den 13. Juni 2014, das zweite WM-Spiel zwischen Mexiko und Kamerun wird angepfiffen. 90 Minuten später sitzt mein Sohn leicht verwirrt und mit fragendem Gesichtsausdruck auf dem Wohnzimmerfußboden und sucht das klärende Gespräch. Dabei geht es um bunte Schuhe, Sprühsahne, halbleere Ränge und nicht gegebene Tore. Wo war das Leuchten in seinen Augen, das immer dann aufflackerte, wenn es in den Wochen zuvor im heimischen Garten um Doppelpässe, Dribblings und Beinschüsse ging?

Rustikaler Grobmotoriker-Kick

Der direkte Weg zum Tor war bei meinem Sohnemann stets das Ziel, egal, ob eine Hecke oder ein trippelndes Eichhörnchen im Weg stand. In seinen Augen war Fußball ein einfaches Spiel, indem es nur darum geht, einen Ball möglichst schnell ins gegnerische Tor zu befördern. Fifa-Fußball im TV präsentierte sich jedoch alles andere als simpel, nachvollziehbar und zielgerichtet. Dort sah sich mein Sohn plötzlich mit unspektakulärem Ball-Hin- und Hergeschiebe, rochierenden Viererketten und mit Spraydosen bewaffneten, scheinbar unkontrolliert vor sich hin pfeifenden Schiedsrichtern konfrontiert. Der WM-Schuss schien bereits an unserem ersten gemeinsamen TV-Abend böse nach hinten loszugehen.

Müde und sichtlich enttäuscht ging es nach dem ersten erlebten Live-Spiel ins Land der Träume. In den folgenden Tagen entwickelte mein Sohn eine sich immer stärker ausprägende "Hauptsache-ich-kann-länger-aufbleiben-Denkweise". Zwar versuchte ich während der nächsten beiden Spielübertragungen verzweifelt, Licht ins G-Jugend-Dunkel zu bringen, doch spätestens nach dem rustikalen Grobmotoriker-Kick Uruguay gegen Italien war auch ich mit meinem Latein am Ende. Nun flimmerten auch noch Blutgrätschen, Ellbogenchecks und Beiß-Attacken über die Mattscheibe.

Der WM-Drops war fast gelutscht

"Papa, wann spielen die endlich richtig Fußball?" Tja, gute Frage, mein Sohn. Während ich mir nun also überlegte, ob es einen Sinn haben würde, einem Sechsjährigen die "sportlichen" Hintergründe von Fouls und endlosen narkotisierenden Ball-Stafetten im Mittelfeld zu erklären, was eine Zerstörung seines selbstkreierten "Der-Ball-muss-schnell-und-auf-schönem-Wege-ins-Tor-bugsiert-werden-Gesamtkunstwerk" zur Folge hätte, bat mein Sohn schon einmal vorsorglich um den Kauf einer Gelben und einer Roten Karte: "Die brauche ich fürs nächste Training." Oh je, der WM-Drops war also fast gelutscht.

Bis zum Beginn der beiden Halbfinal-Spiele hatte ich die Hoffnung schon fast aufgegeben, doch dann versprach ich meinem Sohn das Deutschland-Spiel aufzunehmen und mit ihm am Folgetag noch einmal einen letzten gemeinsamen Blick zu riskieren. Und dann das! Fünf Tore in 18 Minuten, eins schöner als das andere. Und auch noch zwei Buden von Thomas Müller, Sohnemanns Liebling. Die Fußballwelt war plötzlich wieder in Ordnung. Da freute sich mein Sohn sogar über die nicht enden wollenden Slowmotion-Wiederholungen, die ihm Tage zuvor noch den letzten Nerv raubten. Danke, Thomas! Danke, Jogi. Die Gelbe und die Rote Karte durften wir gestern übrigens wieder abbestellen. Ende gut, alles gut.

Quelle: ntv.de

Fußball-WM 2014 in Brasilien