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George A. Romero - der Vater der Zombies.
George A. Romero - der Vater der Zombies.(Foto: dpa)
Montag, 17. Juli 2017

"Albtraum der US-Gesellschaft": Romero, Meister des politischen Horrors

Von Roland Peters

George A. Romero hat Zombies über Jahrzehnte politisiert: als Kriegsopfer, als Strahlentote, als Globalisierungsverlierer. So kritisierte er auf extreme Weise die westliche Welt. Zum Tod eines der wichtigsten Vorreiter des Horrorfilms.

Als George A. Romero und sein kleines Team die Schauspieler für seinen ersten Film aussuchten, fiel ihre Wahl für die Hauptrolle auf einen Schwarzen. Duane Jones war es, der sich im Jahr 1968 vor vorwärtsschleppenden Zombies in ein Landhaus rettete, es verteidigte und das Kommando über die weißen Überlebenden übernahm, während der despotische Mittelklasse-Familienvater sich mit Frau und Kind im Keller verkroch.

"Night of the Living Dead" wurde zum Kultfilm einer jungen Generation und ein sagenhafter Erfolg: 30 Millionen US-Dollar Einspielergebnis bei einem Produktionsbudget von rund 100.000 Dollar. Der Horror, das Blut und die bildliche Morbidität war inmitten von Vietnamkrieg und schwarzer Bürgerrechtsbewegung zwar eine bislang ungesehene Verzerrung des Alltags, der aber als Referenz deutlich erkennbar. Die Opfer des Krieges bedrohen die amerikanische Idylle. Aber der schwarze Hauptdarsteller, der sie unter Einsatz seines Lebens irgendwie aufrechterhält, stirbt durch die Kugel einer Gruppe Weißer.

Romero sagte später, mitnichten sei Jones' Hautfarbe der Grund für die Besetzung der Rolle gewesen: Jones war schlicht der bessere Schauspieler. Diese Entscheidung, getroffen in der Zeit der US-Rassenunruhen, wird so im Nachhinein noch bedeutsamer.

Das Jahr 1968 markiert den Anfang von George A. Romeros Karriere als Vater der Zombies (im Film: "Ghouls"), und als prägende Figur des modernen Horrorfilms, weil er mehr wollte als nur Schockeffekt. "Den amerikanischen Albtraum verdichtet", dies habe er mit seinen Filmen getan, sagte der US-Filmemacher Jahrzehnte später. Eben das hebt sein Hauptwerk ab von den trashigen Zeitgenossen: Romeros Zombie hatte immer eine politische Dimension. Der Horror war sein gewähltes Mittel, kein Selbstzweck.

Drohender Atomkrieg und ein Kartenhaus

Romero arbeitete über die Zeit an anderen Filmen, auch an Serien wie "Creepshow" mit Stephen King, aber der Zombie war seine zentrale Figur. Er interpretierte sie immer wieder neu. Im Jahr 1978 traf er den Nerv der Zeit ein weiteres Mal, als er in "Dawn of the Dead" die Handlung in ein riesiges Einkaufszentrum verlegte, in das sich eine Gruppe Überlebende rettete. Die lebenden Toten wandeln darin an den Schaufenstern vorbei und fahren Rolltreppe, weil es das Wichtigste war, was sie kannten. Romero verknüpfte seine offensichtliche Konsumkritik mit klassischer "Haunted House"-Thematik der US-amerikanischen Literatur.

In "Day of the Dead" (1985) wurden einzelne Zombies dann plötzlich lernfähig. Der Film kam auf einem Höhepunkt des Kalten Krieges in die Kinos. Romero machte die Untoten bewusst noch menschlicher. Sie sahen in "Day of the Dead" genauso aus, wie die an Strahlenkrankheit Sterbenden im damals viel diskutierten apokalyptischen US-Fernsehfilm "The Day After". In der Realität drohte der Welt ein Atomkrieg zwischen den USA und Russland, und dessen Todesopfer ließ Romero über die Leinwand wandeln.

In einem unterirdischen Militärbunker wird der militärisch-industrielle Komplex verhandelt, der die Kommunikation aller bestimmt. Wer entscheidet über die Zukunft der Menschheit? Sind es Zivilisten? Wissenschaftler? Oder doch die als unberechenbar dargestellten Soldaten, die sich zwar als Beschützer sehen, aber am Ende in ihrem Ringen um Macht und Kontrolle die Katastrophe herbeiführen? Romero erklärte später: "'Day of the Dead' kam aus diesem 1980er Gefühl heraus, dass wir alles aufgeben sollten: die Regierung, das Militär, das Finanzsystem. Es begann alles so auszusehen wie ein Kartenhaus."

Kapitalistische Burg aus Glas

20 Jahre brauchte Romero für einen weiteren Film seines Hauptwerks. "Land of the Dead" (2005) ist durchzogen von Anspielungen auf 9/11, auf den Terror, auf die Arroganz der westlichen Welt gegenüber den Abgehängten der Globalisierung. In Pittsburgh, seiner Heimatstadt, steht ein gläserner leuchtender Turm, regiert von Dennis Hopper als Geschäftsmann. Das dunkle Land rundherum wird von lebenden Toten bevölkert, die irgendwann den Entschluss fassen, sich aufzulehnen und die kapitalistische Burg zu überrennen. Hopper, der weiße Anführer des alten Systems, vergeht am Ende mit seinen Dollarscheinen in einem Benzin-Flammenmeer in der Tiefgarage – angesteckt vom dunkelhäutigen Anführer der Zombies.

Beim Betrachten von Romeros wichtigsten Werken sind es auch diese Dinge, die im Gedächtnis bleiben. Sie sind Kommentare ihrer Zeit auf den Zustand der Vereinigten Staaten - und der gesamten westlichen Welt. Die hat nun einen großen Filmemacher verloren. George A. Romero starb am Sonntag nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 77 Jahren.

Quelle: n-tv.de

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