Unterhaltung

Tanzen - das bedeutet Leben Russisches Staatsballett Moskau tourt

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"Jedes Jahr gehen wir aufs Neue mit der stärksten Besetzung auf Tournee, präsentieren voller Stolz die Stars der Ballettbühne." (Gordejew)

(Foto: Foto: Dietmar Scherf)

Tanzen, um zu leben - leben, um zu tanzen: Das Staatliche Russische Ballett Moskau geht auf Tournee. Und für viele gehört der Besuch einer klassischen Ballettvorstellung in der Weihnachtszeit einfach dazu. n-tv.de hat in Moskau hinter die Kulissen geguckt.

"Moskau/Fremd und geheimnisvoll/Türme aus rotem Gold/Kalt wie das Eis/ Moskau/Doch wer dich wirklich kennt/Der weiß, ein Feuer brennt/In dir so heiß/Moskau, Moskau/Wirf die Gläser an die Wand/Russland ist ein schönes Land/Ho ho ho ho ho, hey …" Sie dürften jetzt einen Ohrwurm haben. 1979 bereits sang die Gruppe Dschinghis Khan diesen Gassenhauer und es ist noch immer viel Wahres daran. Denn natürlich - Moskau ist nur gute zwei Flugstunden von Deutschland entfernt und dennoch fremd und geheimnisvoll. Auch wenn man nach einigen Tagen meint, sich in der Stadt ein bisschen auszukennen.

Und ja, wir verbinden Kälte mit der Stadt, denken an den "Kalten Krieg" und Fellmützen. Dabei sind die Menschen warm und herzlich. Sie wissen ganz genau, was sie wollen, vor allem in der Metro, da geht es zackig zu, aber Moskau ist eben auch eine Stadt, in der ein Feuer brennt, und zwar nicht nur vom Wodka. Eine Stadt, rein optisch, die an Paris und New York erinnert. Mit einer Sprache, die so anders klingt, einer Schrift, die so schön aussieht. Die Stadt Moskau macht es einem einfach, sie zu mögen. Vor allem, wenn man hinter die Kulissen blicken darf.

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Diese Kombination aus hartem Training und großer Anmut gibt es nur beim Ballett.

(Foto: S. Oelmann)

Der Blick aus dem Hotelfenster des Metropol ist schon mal vielversprechend: zur Linken der Rote Platz, zur Rechten das Bolschoi-Theater. Ich aber fahre weg vom Zentrum, aus der Stadt hinaus, ins "Headquarter" des Staatlichen Russischen Balletts Moskau. Dort habe ich einen Termin mit Wjatscheslaw Gordejew, dem Künstlerischen Direktor des Balletts, und einigen Tänzerinnen und Tänzern des Hauses. Man kommt sich schon etwas trampelig vor neben all den zarten, durchtrainierten Menschen, die dort durch die Gänge wuseln: Sie tragen fluffige Röcke oder enge Balletthosen, rückenfreie Tops, bei jeder Bewegung spielen die Muskeln, doch man trägt gerne etwas Warmes an Füßen und Knöcheln. 

Alle dort bewegen sich so leichtfüßig durch dieses Labyrinth, dabei ist ein Theater hinter der Bühne ein hochkomplexes Gebilde. Die Räumlichkeiten reichen von kargen Proberäumen, Kammern voller Kostüme, schulähnlichen WCs bis hin zu einem gemütlich-pompösen Zimmer, in dem üblicherweise der Bürgermeister oder andere hochrangige Gäste empfangen werden. Heute ist dort unser Treffpunkt. Wjatscheslaw Gordejew kommt nicht allein, er hat Olga Kokhanchuk dabei, die strenge, aber überaus warmherzige Ballettlehrerin des Hauses und Mutter der Compagnie.

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Eine Amerikanerin in Moskau: Matisse Love. Jungen Mädchen ist sie vielleicht bekannt aus der TV-Show "Bunheads".

(Foto: Wolfgang Klauke)

Eine ideale Kombination

Auch Tänzerin Matisse Love, eine junge Frau aus den USA, die - 16 Jahre jung - 2016 nach Moskau kam, perfekt Russisch spricht und sich in Land und Leute verliebt hat, kommt zum Gespräch dazu. Genauso wie die erste Tänzerin Anna Scherbakowa und ihr Mann Wladimir Minejew - die beiden bilden das Traumpaar im wahren Leben, das sich tatsächlich "bei der Arbeit" kennen und lieben gelernt hat. Annas "anderer Mann", ihr Bühnenpartner Dmitry Kotermin, mit dem sie in den nächsten Monaten in "Schwanensee" und "Der Nussknacker" auf Tournee sein wird, schaut ebenfalls vorbei.

Eine ganz spezielle Chemie herrscht zwischen den Anwesenden - es ist förmlich zu spüren, dass hier ein besonderer Geist durch den Raum tanzt. Im Gegensatz zum klassischen Bolschoi-Ballett - mit Wurzeln, die bis in die Zarenzeit zurückreichen - weht hier ein frischer, junger Wind, und dennoch heißt es: Tradition meets Moderne - bis zum einem gewissen Grad! Denn Gordejew und Kokhanchuk sind die Lehrmeister, die Bewahrer, die das Konzept des klassischen Balletts überaus ernst nehmen.

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Männer von der, Verzeihung, an der Stange.

Doch die jungen Tänzer, zum Teil noch in der Ausbildung, sorgen dafür, dass die Gegenwart zu spüren ist. Allzu viel Spielraum bleibt ihnen zwar nicht, große Veränderungen werden nicht so gern gesehen, dennoch verbindet alle - Lehrer und Tänzer - ihre absolute Liebe zum Ballett und der Respekt voreinander - eine ideale Kombination.

Seit 30 Jahren reist das Staatliche Russische Ballett Moskau nun durch Europa, macht dabei oft und gern Station in Deutschland und begeistert ein ums andere Jahr durch Perfektion und diese Form der Unverfälschtheit, die für die meisten Ballett-Liebhaber so wichtig ist.  

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Gordejew: "Vom ersten Tag meiner Arbeit am Bolschoi-Theater bis heute habe ich immer an die magische Kraft, Schönheit und Harmonie des klassischen Tanzes geglaubt."

(Foto: Wolfgang Klauke)

"Alle Russen lieben Ballett"

Gordejew, der in den 70er-Jahren mit Baryschnikow oder dem jungen Nurejew verglichen wurde, ist mit seinen 70 Jahren fit wie ein Turnschuh, Verzeihung, Spitzenschuh. Wenn man ihm jetzt, beim Training hinter den Kulissen, zuschaut, weiß man auch, warum. Präzise, konzentriert, anmutig, stark: Gordejew ist mehr als ein Tänzer. Seine Biografie beinhaltet Tätigkeiten als Künstlerischer Leiter des Bolschoi-Balletts, eine Professur an der Russischen Akademie der Theaterkünste und der Russischen Akademie für Slawische Kulturen. Er war Vorsitzender und Jury-Mitglied verschiedener internationaler Ballettwettbewerbe und ist offizieller Botschafter der Rudolf-Nurejew-Stiftung. 2007 wurde er Abgeordneter in der Duma der Region Moskau und übernahm den stellvertretenden Vorsitz des Ausschusses für Bildung und Kultur. Vor einem Mann wie Gordejew steht man automatisch gerade, nimmt Haltung an. Seine Kinder trinken selbstverständlich keine Cola - zu viel Zucker - und die Zeit am Handy ist auch limitiert. Selbstverständlich hält der Künstlerische Direktor, ganz Sportler, sich beim Wodka zurück - bietet den Gästen jedoch fortwährend an, zu trinken. Wie halten die das nur durch, die Russen? Vielleicht liegt es ja am Ballett, an der dazugehörigen Disziplin, denn das Ballett ist extrem wichtig, gehört zur Erziehung und Kultur dazu: "Alle Russen gehen gern ins Ballett", sagt Gordejew und lacht. "Sie werden es sehen, wenn Sie nachher im Publikum sitzen." Und tatsächlich: Der Saal ist voll, Jung und Alt hält sich die Waage, Frauen filmen, Männer werfen Blumen auf die Bühne. 

Hart aber herzlich

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Ballett ist eine Kunst der jungen Menschen. Auf eine Generation von Künstlern folgt die nächste: Matisse, Olga und Anna sind der beste Beweis.

(Foto: Wolfgang Klauke)

Und Olga Kokhanchuk? Ohne sie würde es vieles hier nicht geben, das ist klar: "Olga Kokhanchuk, meine Ballettlehrerin, ist auch mein Mentor. Ohne sie wäre ich heute nicht da, wo ich bin", ist nicht nur die Meinung einer einzelnen Tänzerin. Sie ist so etwas wie die Mutter der Compagnie - und mit ihren 77 Jahren lässt sie keinen Zweifel daran aufkommen, wer hier das Sagen hat! Ihre Kindheit war geprägt durch Kriegs- und Nachkriegswirren. Aber Olga wusste, was sie wollte - und so nahm sie große Anstrengungen in Kauf, um das zu werden, wovon sie als junges Mädchen bereits träumte: Mit gerade mal 12 Jahren fuhr sie ohne Begleitung zur Aufnahmeprüfung. "Ich musste 150 Kilometer zu Fuß zum Bahnhof laufen, um den Zug zu erreichen. Ich wäre beinahe auf der Polizeiwache gelandet, denn man fragte sich, warum ein so kleines Mädchen ohne seine Eltern reist. Ich erklärte, dass ich zur Ballettakademie nach Perm wolle, und nachdem ich alle überzeugt hatte, half man mir sogar, weiterzureisen. Bei der Aufnahmeprüfung waren die Juroren trotz meiner geringen Körpergröße der Meinung, ich besäße eine gute Energie auf der Bühne, und ich wurde in die Akademie aufgenommen." Sie erzählt das alles mit einem Lächeln, obwohl es für die 12-jährige Olga hart gewesen sein muss, so allein. Von da an arbeitete Olga eigentlich immer, und Energie gepaart mit Fleiß hat sie auch noch. Tugenden, die auch die jungen Tänzerinnen von heute haben sollten. Anna und Matisse nicken jedenfalls oft, während Olga Geschichten von früher erzählt.

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"Insbesondere die vielen jungen Besucher belegen, dass das klassische Ballett immer wieder aufs Neue Menschen aller Altersklassen zu begeistern vermag." (Gordejew)

(Foto: Dietmar Scherf)

Aber was ist das Spezielle, das diese Compagnie auszeichnet? "Das Russische Ballett hatte schon immer Seele - die hat es noch heute. Und natürlich, es ist wichtig, eine gute Technik zu erlernen, aber man muss auch den Charakter einer Rolle verinnerlichen, denn Seele und Körper arbeiten zusammen und bilden eine Einheit", so Kokhanchuk. Sie wirkt topfit. Das liege an ihrem aktiven, aber recht normalen Lebensstil: "Ich lebe für das Theater. Ich habe getanzt, ich unterrichte - und das macht mich glücklich."

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Der Meister lobt seine Tänzerinnen nach einer Aufführung von "Giselle".

(Foto: S. Oelmann)

Ein Leben lang im Training

Solistin Anna Scherbakowa ist eine "Verdiente Künstlerin der Russischen Föderation" und übrigens die Einzige, die dem strengen Blick von Olga Genüge zu leisten scheint - alle andere Tänzerinnen werden während des täglichen Trainings stetig korrigiert, sie nicht. Anna wusste schon immer, dass sie Ballett tanzen wollte; und wer ja zum Ballett sagt, sagt auch ja zu hartem Training, zu vielen Entbehrungen, zu einem Gefühl, vielleicht niemals angekommen zu sein: "Als Ballett-Tänzerin ist man niemals fertig, man befindet sich sein Leben lang im Training", sagt die Primaballerina und lacht. Sie strahlt Selbstbewusstsein und Bescheidenheit aus und auch eine Zielstrebigkeit, verbunden mit der nötigen Prise Humor, die es ihr ermöglicht, mit den anderen "Mädchen" nicht in Konkurrenz zu treten, sondern eine Freundschaft und Partnerschaft zu bilden. Apropos: Ihr Mann Wladimir Minejew begleitet sie auf der Tournee, auch wenn er auf der Bühne nicht ihr Prinz sein wird. Das ist Dmitry Kotermin - der verdammt gut aussieht und im wahren Leben viel mehr an den jungen Vincent Cassel erinnert als an einen Siegfried.

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Von der US-Amerikanerin Matisse Love, die von ihren Eltern immer unterstützt wurde bei ihrem Wunsch, Ballerina zu werden, bis Olga Kokhanchuk, die als kleines Mädchen ganz allein losgelaufen ist und noch immer nicht stillsteht - Ballett ist nicht einfach nur ein Job. Ballett - das bedeutet Leben!

Und wer daran teilhaben möchte, hat bald die Gelegenheit dazu: Zur Wintersaison 2018/2019 tritt das Ensemble in Deutschland auf. Mit Tschaikowskys "Schwanensee" und "Der Nussknacker" sind sie auf über 20 verschiedenen Bühnen in Deutschland und der Schweiz zu sehen. Auf dem Tourplan stehen unter anderem Basel, Berlin, Bonn, Chemnitz, Dresden, Düsseldorf, Essen, Frankfurt, Hamburg, München, Rostock, Stuttgart und Zürich. Tickets gibt es zum Beispiel auf www.srb-moskau.de.

Quelle: n-tv.de