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"Wir sind alle Minderheiten" Schäuble spricht über Leben im Rollstuhl

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Seit einem Attentat querschnittsgelähmt: Wolfgang Schäuble.

(Foto: picture alliance/dpa)

Es ist der 12. Oktober 1990, der im Leben von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble alles verändert. Nach einem Attentat auf ihn ist er von der Brust an querschnittsgelähmt. Nun reflektiert der 77-Jährige außergewöhnlich offen sein Leben im Rollstuhl.

Seit bald 30 Jahren ist Wolfgang Schäuble inzwischen querschnittsgelähmt. Am 12. Oktober 1990 hatte ein Attentäter bei einer Wahlkampfveranstaltung in Oppenau mit einem Revolver auf den damaligen Bundesinnenminister geschossen. Trotz seiner massiven Behinderung hat Schäuble eine große politische Karriere gemacht. Er war CDU-Vorsitzender und im Kabinett von Bundeskanzlerin Angela Merkel Innen- sowie Finanzminister. Seit 2017 ist er Präsident des Deutschen Bundestages.

In einer Diskussionsrunde mit dem ebenfalls behinderten Schauspieler und Theaterautor Peter Radtke für das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) gibt Schäuble nun sehr intime Einblicke in sein öffentliches und privates Leben im Rollstuhl.

Die Tochter stand ihm bei

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Vor dem Attentat spielte Schäuble auch mal Tennis.

(Foto: Imago)

"Für einen Querschnittsgelähmten, der nun 29 Jahre im Rollstuhl sitzt, bin ich ziemlich gut. Die Orthopäden sind zufrieden. Ich sitze immer noch relativ aufrecht, obwohl das sehr anstrengend ist. Ich bin ja ab TH3 gelähmt, also ab Brusthöhe. Ich habe auch immer Physiotherapie gemacht. Aber eigentlich ist das Ziel der Rehabilitation, dass der Rollstuhl als ein Bestandteil des Körpers empfunden wird. Diese Selbstverständlichkeit habe ich nicht", erklärt der Politiker.

Kurz nach dem Attentat soll Wolfgang Schäuble seine damals 19-jährige Tochter Christine gefragt haben, warum man ihn nicht sterben lasse. "Meine Tochter war dabei, als auf mich geschossen wurde, sie blieb im Krankenhaus während der ganzen fünf Tage, in denen ich im Koma lag. Weil sie gesagt hat: 'Ich muss beim Papa bleiben, wenn er aufwacht, weiß er ja nicht, wieso er da liegt.' Und als ich dann die Augen aufgemacht habe - irgendwie wusste ich, was los ist - habe ich gesagt: 'Ich weiß gar nicht, ob ich ... ob ich so will.' Man muss das nicht alles so ernst nehmen."

Ein Pfleger habe ihm von den ersten Tagen auf der Intensivstation berichtet, "dass ich nachts immer furchtbar geschimpft hätte. Wenn du nachts daliegst, dir die Einschränkung bewusst wird, da kannst du schon mal wütend werden. Aber auch das wird besser."

"Ich will keinen Rabatt"

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Hier geschah es - ein Blick auf den Tatort 1990.

(Foto: picture alliance / dpa)

Trotz des traumatischen Erlebnisses habe er auch gute Erfahrungen gemacht. "Als ich ein paar Tage nach der Wiedervereinigung verletzt wurde und nach einigen Wochen wieder nach Bonn kam, ging es mir nicht so furchtbar toll. Aber die Kollegen, auch die Journalisten, haben im Wesentlichen große Rücksicht genommen. Das gehört zu den erfreulichen Erfahrungen in meinem Leben. Obwohl ich auch gesagt habe: Ich will keinen Rabatt."

Das "Politikersein" habe ihm geholfen, alles zu bewältigen, obwohl seine Frau Ingeborg sich einen Rückzug aus der Politik gewünscht hätte. Schäuble im "SZ-Magazin": "Ich habe sie damals gefragt: 'Willst du wirklich, dass ich dann ohne alles bin?'"

Er sage oft zu ihr: "Zur Hälfte sitzt du auch im Rollstuhl", weil seine Frau "dieses neue Leben mit mir geteilt" habe. "Ob ich mich umgekehrt auch so verhalten hätte, ich weiß es nicht. Ich hoffe es. Die Kinder haben gar nicht so große Probleme mit der neuen Situation gehabt. Am meisten Probleme hatte unser Hund. Wir hatten damals einen Hund, der hat sich nie an den Rollstuhl gewöhnt, der kam einfach nicht mehr zu mir. Das war ganz furchtbar", erinnert sich Schäuble.

Rückschlag in der Eurokrise

Der damalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber soll einmal gesagt haben, ein Krüppel könne nicht Kanzler sein. "Nein, er hat gesagt, ein behinderter Mensch könne nicht Kanzler werden. Das ist mir vorgehalten worden. Aber ich fand das legitim. Wer so ein hohes Amt hat, muss ertragen, dass diskutiert wird, ob er gesundheitlich, kräftemäßig dazu in der Lage ist. Es gab immer wieder die Debatte, ob ich nicht Verteidigungsminister werden will, da habe ich gesagt, die Vorstellung, dass ich im Rollstuhl die Ehrenkompanie abrolle, womöglich in Afghanistan. Finde ich einfach zu blöd."

Blöd findet er auch manche Situationen mit Fotografen. "Wenn Sie sich gerade eine Rampe hochquälen, und dann wird von vorne zwischen die Beine fotografiert, sieht das saublöd aus. Macht man bei einer Frau, die im Rock aus dem Auto steigt, ja auch nicht." Dann stelle sich sein Personenschützer zwischen ihn und die Fotografen.

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Nach dem Attentat musste sich Schäuble an das Leben im Rollstuhl gewöhnen.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Mitten in der Eurokrise im Mai 2010 hatte Schäuble einen gesundheitlichen Rückschlag. Er musste während des Gipfels in Brüssel in ein Krankenhaus. "Da habe ich mit der Kanzlerin telefoniert und ihr gesagt: 'Wenn ich nicht bis Sonntag einsatzfähig bin, brauchen Sie einen anderen Finanzminister.' Wir können nicht Eurokrise machen, und der Finanzminister liegt im Krankenhaus." Er habe gespürt, wie groß der Druck auf ihn war. "Irgendwann im September bin ich dann doch so lange ins Krankenhaus, bis es wieder okay war, aber bis dahin habe ich mich hingeschleppt, viel in Kauf genommen. Würde ich heute nicht mehr machen."

"Eigentlich sind alle behindert"

Fremde Hilfe nehme er, bei allem Willen zur Eigenständigkeit, schon an. "Auf Reisen muss ich jemanden haben, der mich ins Flugzeug bringt. Das ist an jedem Flughafen gut organisiert, der Rollstuhl wird auch versorgt. Ich wurde am Anfang gefragt: 'Warum haben Sie nicht so einen Elektrorollstuhl?' (...) Ich brauche ihn nicht. Ich kann meinen Rollstuhl selbst bewegen."

Der Rollstuhl gehört zu seinem Leben, obwohl sich Schäuble nicht als "oberster Interessenvertreter behinderter Menschen" sieht. "Ansonsten verberge ich meine Behinderung nicht. In meinen Entscheidungen, in der Art, wie ich denke, empfinde, reagiere, ist die Tatsache, dass ich behindert bin, ein Teil meiner Persönlichkeit. Wenn ich mit dem Handbike durch meine Heimat fahre und sehe einen anderen mit Handbike, dann winke ich, dann sind wir Kollegen, ist doch klar."

Der Bundestagspräsident glaubt: "Wir sind alle immer Minderheiten, in jeder Beziehung. Jeder Mensch ist einzigartig. Darauf beruht der Grundsatz, dass die Würde des Menschen unantastbar ist." Er sage oft, wenn er mit anderen Behinderten zusammen ist: "Eigentlich sind alle Menschen behindert, der Vorzug von Behinderten ist, dass wir es wissen."

Quelle: ntv.de, vpr/spot