Unterhaltung
Kennenlernen: schüchterne Blicke im Treppenhaus.
Kennenlernen: schüchterne Blicke im Treppenhaus.(Foto: Manuele Fior / Avant-Verlag 2011)
Samstag, 03. September 2011

Manuele Fior seziert die Liebe: Der Anfang von etwas - und das Ende

von Markus Lippold

Kuss, Heirat, Abspann. So enden viele Liebesfilme. Und danach? Danach kommt nicht selten die Trennung. Schmerz, Vorwürfe, sexuelle Sehnsucht und der Aufbruch zu etwas Neuem wechseln sich ab. Manuele Fior taucht das in bezaubernd schöne Bilder. Selbst das, was er auslässt.

Piero ist schüchtern. Ganz anders als sein Freund Nicola. Scheu beobachtet er die neue Nachbarin Lucia durch die Jalousie. Ansprechen? Im Leben nicht! Oder doch? Eine erste zufällige Begegnung im Treppenhaus, ein erstes Lächeln und dann - ein neues Kapitel, ein neuer Schauplatz, ein neuer Lebensabschnitt. Piero und Lucia sind da schon kein Paar mehr.

Die Trennung - aus der Distanz.
Die Trennung - aus der Distanz.(Foto: Manuele Fior / Avant-Verlag 2011)

Der Italiener Manuele Fior springt in seiner meisterhaften Graphic Novel "Fünftausend Kilometer in der Sekunde" durch das Leben. Er lässt Lücken, die sich der Leser selbst zusammenreimen muss. Er lässt aus, was die Schönheit der Beziehung zeigt. Gerade noch das erste Kennenlernen, da ist es schon wieder kompliziert, ist die Liebe bereits wieder am Ende. Lucia geht zum Studium nach Norwegen, lernt dort Sven kennen. Das ist auch etwas Neues, Lucia wird schwanger.

Eine Sekunde Ewigkeit

Piero hat inzwischen studiert und beteiligt sich an archäologischen Ausgrabungen in Ägypten. Cinzia heißt seine neue Freundin, sie erwartet bald ein Kind von ihm. Fünftausend Kilometer liegen laut Fior zwischen Oslo und dem ägyptischen Aswan (was nicht so ganz stimmt, wenn man es nachprüft).

Sehnsucht: Im Fieber träumt Piero von Lucia.
Sehnsucht: Im Fieber träumt Piero von Lucia.(Foto: Manuele Fior / Avant-Verlag 2011)

Fünftausend Kilometer - und eine Sekunde Zeitverzögerung, wenn man miteinander telefoniert. Denn Piero und Lucia verlieren sich nie ganz aus den Augen. Noch einmal treffen sie sich, sichtlich gealtert, versuchen eine schnelle Nummer auf der Restaurant-Toilette. Aber Lucia ist inzwischen mit Nicola zusammen, dem Frauenhelden, der immer in Italien geblieben ist.

Anfang, Ende, Neubeginn packt Fior in sein Buch, das in den unterschiedlichsten Farben schimmert wie das Leben selbst. Er zeigt das Wechselspiel von Nähe und Distanz und wie beides schmerzen kann. Er beschreibt, wie auch nach einer Beziehung die Erinnerung daran zum ständigen Begleiter wird - wenn es um die Liebe geht, nicht selten ein Leben lang. Denn wirklich loslassen möchte und kann man in den seltensten Fällen. Das ist wehmütig, melancholisch und hat doch eine gewisse Magie, die Fior mit einer bezaubernden Farbgebung kongenial einfängt.

Flirrend gelb und staubig braun

Abschied - auf der Toilette eines Restaurants.
Abschied - auf der Toilette eines Restaurants.(Foto: Manuele Fior / Avant-Verlag 2011)

Denn nicht nur die episodenhafte Story, die mit ihren Auslassungen zum Denken anregt, macht "Fünftausend Kilometer in der Sekunde" zu einem Meisterwerk, das auf dem Comicfestival von Angoulême bereits mit dem bedeutenden Preis für das beste Album ausgezeichnet wurde. Auch die Zeichnungen sind äußerst liebevoll und haben ein genaues Auge für das Umfeld der Protagonisten.

Die Aquarell-Zeichnungen sorgen für eine stimmungsvolle Atmosphäre. Sie lassen mit ihrem Skizzen-Charakter - wie die Geschichte - Auslassungen zu, weiße Flecken, Schattierungen und Fehler, die auch die Beziehung von Piero und Lucia ausmachen. Zudem taucht Fior jedes der sechs Kapitel (hinzu kommt ein kleiner Epilog) entsprechend Atmosphäre, Jahreszeit und Stimmung in ganz verschiedene Farbe.

"Fünftausend Kilometer in der Sekunde" ist im Avant-Verlag erschienen. Das broschierte Buch hat 144 Seiten.
"Fünftausend Kilometer in der Sekunde" ist im Avant-Verlag erschienen. Das broschierte Buch hat 144 Seiten.

In Italien verschwimmen Grün und Gelb zu einer flirrenden, hoffnungsvollen Hitze. Der norwegische Winter legt sich blau und schwer auf die Häuser und färbt auch immer mehr auf Lucia ab, die merkt, das die Beziehung zu Piero am Ende ist. Dieser lernt das fremde, staubig-braune Ägypten kennen und vergeht in sexuellen Fieberträumen über Lucia. Deren Schwangerschaft beschreibt rosa, rot und grün Frühling und Vorfreude.

Das Wiedertreffen von Lucia und Piero schließlich wird von nächtlichen, violetten Tönen bestimmt - es ist das Ende einer Beziehung, deren ganze Geschichte sich aus dem ergibt, was gesagt wird, aber auch aus dem, was unausgesprochenen bleibt.

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Quelle: n-tv.de