Traveling WilburysDie allerletzte Supergroup
Supergroups nannte man in den Sechzigern Musikformationen von Superstars, die zumeist schon eine erfolgreiche Karriere hinter sich und vielfach auch noch vor sich hatten.
Supergroups nannte man in den Sechzigern mehr oder weniger beständige Musikformationen, in denen sich Superstars zusammenfanden, die zumeist schon eine erfolgreiche Karriere als Mitglied einer anderen Band oder als Solist hinter sich und vielfach auch noch vor sich hatten. Cream in den Sixties gehört dazu, wo sich Eric Clapton, früher bei John Mayall und den Yardbirds, tummelte. Genannt sei auch Blind Faith, in der sich neben dem späteren Mr. Slowhand auch Steve Windwood (Ex-Spencer Davis Group, Ex-Traffic) wieder fand.
Dann gab’s lange nix. Anfang der Achtziger vielleicht noch Asia mit John Wetton von King Crimson, Steve Howe von Yes und Carl Palmer von Emerson, Lake & Palmer. Bis George Harrison, früher bei den Beatles, Tom Petty von den Heartbreakers, Jeff Lynne, dereinst Kopf des Electric Light Orchestra, Roy Orbison und Bob Dylan die Traveling Wilburys aus der Taufe hoben.
Die Band war von Anfang von Legenden umgeben. Nicht nur wegen ihrer Mitglieder, von denen die meisten schon Legenden waren. Schon der Name. Tom Petty hätte ein Störgeräusch bei einer Bandaufnahme "trembling wilbury" getauft, daraus wurden dann die reisenden Wilburys.
Eine andere Version: Sie hätten sich als fiktive Söhne von Charles Truscott Wilbury, Sr. Gesehen. Jo, mei, wer war denn Charles Truscott Wilbury, Sr.? Auch hätten sie das Ganze eher zufällig angefangen, nichts sei geplant gewesen. George Harrison habe mit Jeff Lynne eine B-Seite für seine Single "This Is Love" von seinem Album "Cloud Nine" produzieren wollen. Der habe gerade mit Roy Orbison gerade an dessen Album "Mystery Girl" gearbeitet und habe die Rock ’n’ Roll-Ikone dann an Bord geholt. Georges Gitarre, er hatte ja nur eine und kein Geld für eine zweite, habe sich in Tom Pettys Haus befunden, der dann mit ins Studio kam und mitklimperte. Und irgendwie tauchte dann Bob Dylan auf und schrieb den halbfertigen Song für George Harrison zu Ende. Wer’s glaubt. Am Ende jedenfalls stand dann keine B-Seite für George Harrison, sondern in Gestalt von "Handle With Care" der erste Wilburys-Song.
Das war 1988. Ein popmusikalisch eher tristes Jahr, bis im Winter mit Volume 1 ein Blizzard daherkam. Die Jungs, die einander schon vorher gekannt und zusammen gejammt oder sogar gemeinsame Produktionen gemacht hatten, gaben sich Fantasienamen: Bob Dylan ist mal Lucky Wilbury, dann Boo Wilbury ,George Harrison firmiert als Nelson und Spike Wilbury, Jeff Lynne nannte sich Otis und Clayton Wilbury, Roy Orbison war Lefty Wilbury , Tom Petty machte auf Charlie T. Jnr. und Muddy Wilbury. Und sie machten eine fantastische Musik, bei welcher Jim Keltner, d e r Super-Session-Trommler schlechthin, obzwar offiziell kein Bandmitglied, als Buster Sidebury firmierte.
Volume 1 kam mit einer Musik daher, die für die damaligen Hitparaden völlig untypisch war. Ein toller Mix aus Rockabilly, Country und Blues. Die Scheibe landete auf Platz 3 der US-amerikanischen Billboard-Charts. Dazu gab’s einen Grammy.
Roy Orbison, der Uralt-Rock ‚n’ Roller, der seine Laufbahn in der zweiten Hälfte der 50er in den sagenumwobenen Studios von Sam Phillips in Memphis/Tennessee begonnen hatte, und der für seine vergleichsweise jungen Mit-Wilburys eines ihrer Vorbilder gewesen war, verstarb völlig unerwartet wenige Monate nach der Veröffentlichung des Albums. Ihm, dem Lefty Wilbury, widmeten die "left Wilburys", obwohl es erst ihre zweite Langspielplatte war, 1990 das Volume 3. Es geht einem schon nahe, wenn man auf der DVD mit der wahren Geschichte der Wilburys und all ihren Videoclips einen leeren, wackelnden "rocking chair" sieht, auf dem Lefty hätte Platz nehmen sollen.
Volume 3, musikalisch ähnlich gelagert, war nicht ganz so erfolgreich: Hatte Band 1 Doppelplatinstatus erreicht, kam Band 3 "nur" auf Platin. Die Welt ist eben voller Ignoranten.
Volume 2 wurde nie publiziert. Oder doch? Wer sich Del Shannons letzte LP "Walk Away" anhört, wird viel Wilbury-Präsenz heraushören. Nicht zufällig sicher wurde die Wilburys-Einspielung von Dels erstem Hit "Runaway" als einer der Bonustracks ausgewählt. Vielleicht war auch Tom Pettys "Full Moon Fever" das zweite Wilburys-Album. Vielleicht. Die Wilburys sind eben Legende. Sie haben eine unprätentiöse Musik gemacht, eine Musik, die aus dem Bauch heraus kommt, mit der Hand gemacht wird und nur mit dem Herzen zu verstehen ist: Rock and Roll. So eine Musik kommt nie wieder, nicht zuletzt auch, weil mit George Harrison auch der "spiritus rector" der allerletzten Supergroup nicht mehr in dieser Welt weilt. Aber man kann sie sich wieder und immer wieder anhören und –sehen. Dank dieser wundervollen Edition.
Manfred Bleskin
Traveling Wilburys: Travelling Wilburys, Vols. 1 und 3, 2CD, "The true story of the Traveling Wilburys”, DVD, Wilbury Records Warner Music, ca. 35 Euro