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Von Hausgeburt bis Kaiserschnitt "Geburt ist ein urgewaltiges Erlebnis"

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Selbst beim Kaiserschnitt gibt es noch verschiedene Möglichkeiten.

(Foto: Kerstin Pukall, in Imlau: Das Geburtsbuch, Beltz 2016)

Frauen gebären und Kinder werden geboren, diese gemeinsame Geburtsgeschichte begleitet sie ein Leben lang. Deshalb ist es nicht egal, wo und wie das geschieht, sagt Nora Imlau und bietet in ihrem "Geburtsbuch" eine Grundlage für mündige Entscheidungen an.

n-tv.de: Was gibt es heute über die Geburt noch zu sagen, dass man damit 287 Seiten füllen kann?

Nora Imlau: Es gibt ganz viele Bücher über Schwangerschaft, bei denen am Ende ein bisschen verschämt auch die Geburt erwähnt wird. Da heißt es dann: Das ist natürlich eine Herausforderung, aber Sie werden das schon schaffen. Vertrauen Sie sich und Ihrem Körper. Die Geburt ist irgendwie ein Tabuthema, das tendenziell stiefmütterlich behandelt wird. Viele trauen sich nicht, die Dinge beim Namen zu nennen. Das ist ja schon ein rohes und urgewaltiges Erlebnis, das man nicht so schön weichgezeichnet darstellen kann, wie heute viele Schwangerschaftskalender gestaltet sind. Und wenn es Geburtsbücher gibt, promoten sie oft eine bestimmte Art der Geburt, wie Hypnobirthing beispielsweise. Ich hatte das Gefühl, es fehlt ein Überblick. Was gibt es überhaupt? Wie funktioniert eine Geburt physiologisch und psychologisch? Und wie können Frauen für sich herausfinden, wie sie gebären wollen?

Also ist es in erster Linie ein Buch für Erstgebärende?

Ich habe selber drei Kinder und das Buch geschrieben, das ich unglaublich gern vor meiner ersten Geburt, aber auch vor der zweiten oder dritten Geburt gelesen hätte. Denn auch wenn man das einmal hinter sich hat, will man beim nächsten Mal vielleicht Dinge anders haben. Man weiß dann, was hat sich gut angefühlt, was hat sich nicht gut angefühlt. Man kann das ja dann auch ein bisschen einordnen, sich fragen, warum ist das passiert und was kann ich beim nächsten Mal tun, damit es anders läuft?

Sie zählen 10 Wege auf, ein Kind zur Welt zu bringen. Was gibt es denn noch außer Hausgeburt, Geburtshaus, Klinikgeburt und Kaiserschnitt?

Es ist tatsächlich so, dass die meisten Menschen gar nicht vor Augen haben, wie viele Möglichkeiten es zwischen der Alleingeburt ohne Hebamme bis zum vollmedizinischen Wunschkaiserschnitt gibt. Manchen selteneren Geburtsformen wie der Wassergeburt oder der Geburt unter Selbsthypnose begegnet man vielleicht auch gar nicht. Ich hatte den Anspruch, nichts zu tabuisieren, nichts ab- oder aufzuwerten, sondern den Frauen eine mündige Entscheidung zuzutrauen.

Warum war Ihnen das so wichtig?

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"Das Geburtsbuch" ist bei Beltz erschienen und koste 22,99 Euro

Ich finde einfach, dass die Entscheidung, wie und wo ich mein Kind zur Welt bringe, eine unglaublich persönliche ist. Da geht es um meinen Körper und meine Seele und ich finde es sehr anmaßend, wenn jemand anders einer Frau sagt, was für sie gefälligst richtig zu sein hat. Wir würden uns das in anderen Bereichen wie beispielweise der Sexualität niemals vorschreiben lassen. Aber bei einer Geburt ist das fast üblich, dass nicht nur Frauen denken, die Ärzte und Hebammen werden schon wissen, was für mich das Richtige ist. Natürlich gibt es gute Gründe, zu einem bestimmten Geburtsort oder -modus zu raten, aber bei einer normalen und unauffälligen Schwangerschaft haben Frauen viele Möglichkeiten, die alle gleichermaßen sicher für sie und ihr Kind sind. Schwangere gehen mit ihrer Wahlfreiheit sehr verantwortungsbewusst um. Dafür müssen sie aber ihre Möglichkeiten kennen. Wenn Frauen das Gefühl haben, es gibt die Haus- und die Klinikgeburt, die Hausgeburt traue ich mich nicht, dann bleibt keine wirklich Wahlfreiheit übrig. Wenn ich aber weiß, auch bei einer Klinikgeburt gibt es mehrere Möglichkeiten, dann kann ich mich wirklich selbstbestimmt und mit viel Selbstrespekt auf die Suche nach der perfekten Geburtsart und dem perfekten Geburtsort für mich machen.

Darf ich Sie fragen, wo Sie Ihre Kinder geboren haben?

Ich habe alle meine drei Kinder zu Hause bekommen und bin nie zur Geburt im Krankenhaus gewesen. Das war für mich die richtige und gute Entscheidung. Aber gerade weil für mich die Entscheidung zur Hausgeburt goldrichtig war,  kämpfe ich dafür, dass jede Frau ihre eigene Geburtsentscheidung treffen darf – auch wenn sie etwa Wunschkaiserschnitt haben will. Wenn für mich das Recht beanspruche, von der Norm der spontanen Klinikgeburt abzuweichen, muss ich auch das Recht anderer Frauen auf andere Abweichungen von dieser Norm verteidigen.

Sie greifen den Slogan aus der aktuellen Hebammendebatte auf: Es ist nicht egal, wo wir geboren werden. Es ist nicht egal, wo wir gebären. Warum?

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Nora Imlau ist selbst dreifache Mutter.

Ich glaube einfach, dass wir uns in der westlichen Geburtshilfe zu lange darauf konzentriert haben, zu sagen: Der einzige Zweck der Geburt ist, dass das Kind gesund aus dem Bauch rauskommt. Natürlich ist das ein wichtiges Ziel, aber bei einer Geburt geht es immer um zwei Menschen, um die Mutter und das Kind. Und die Mutter ist nicht einfach nur eine Mischung aus Brutkasten und Gebärautomat. Sondern die Frau ist ein Mensch, der durch die Erfahrung der Geburt in die Mutterrolle kommt. Wie sie diesen Weg erfährt, prägt, wie sie sich danach fühlt, wie sie in der neuen Rolle ankommt, wie sie auch mit dem Kind umgehen kann. Deswegen finde ich das ganz wichtig, den Fokus wieder stärker auf die Frauen zu legen. Natürlich sollen Kinder gesund zur Welt kommen. Aber die Frauen sollen dieses Erlebnis auch möglichst positiv, kraftvoll und selbstbestimmt erleben. Das muss das Ziel sein.

Eine Geburt bleibt dennoch ein bisschen unwägbar, manchmal läuft es anders, besser oder auch schlechter als erhofft. Ist das der Grund, warum Sie auch eine gewisse Nachbereitung der Geburt thematisieren?

Wenn die Geburtserfahrung stimmig war und keine tiefen Verletzungen hinterlassen hat, ist das vielleicht nicht so nötig. Aber es gibt wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema Geburtstraumata, die zu dem Schluss kommen, dass jede zweite Frau noch lange mit der Geburtserfahrung zu kämpfen hat und oft unzufrieden und enttäuscht ist. Das ist schon eine hohe Zahl. Ich habe auch immer wieder mit Frauen gesprochen, die mir gesagt haben, mich hat noch nie einer nach der Geburt gefragt, alle interessieren sich immer nur für das Baby. Da ist ein großes Tabu und es gibt keinen geschützten Raum, um über die Geburtserfahrungen zu sprechen. Oft wird versucht, die Frauen aufzumuntern: Jetzt haben sie doch das süße Baby, da hat sich doch alles gelohnt. Da entsteht das Gefühl: Ich muss jetzt dankbar sein und für alles andere bleibt kein Raum. Aber das hat ja gar nichts damit zu tun, ob man froh ist über sein Baby oder nicht. Wenn man eine körperliche Extremerfahrung gemacht oder Schmerz und Alleinsein erlebt hat, dann muss sich selbst zugestehen, dass einen das noch beschäftigt und  das verarbeiten können.

Es gibt im Buch echte Fotos von echten Geburten. Warum war Ihnen das so wichtig?

Es ging mir darum, das Thema nicht so verschämt und weichgezeichnet zu betrachten, sondern ehrlich und mutmachend. In den USA gibt es schon länger einen Trend zu professioneller und authentischer Geburtsfotografie. Und dann bin ich auf die Arbeit von Kerstin Pukall gestoßen, die die Erste ist, die sich in Deutschland auf dieses spezielle Feld verlegt hat. Ich habe diese Fotos gesehen und gedacht: Das ist Geburt, diese Verletzlichkeit, diese Kraft, da ist alles drin. Das ist für mich ein großer Glücksfall, dass meine Worte und ihre Bilder nun gemeinsam erscheinen.

Mit Nora Imlau sprach Solveig Bach

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Quelle: n-tv.de

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