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Kings "Blutige Nachrichten" Wenn Chuck stirbt, stirbt auch die Welt

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"Blutige Nachrichten" von Stephen King ist als Hardcover im Heyne Verlag erschienen und als Hörbuch, gelesen von David Nathan, bei Random House Audio.

(Foto: Heyne Verlag)

Eine alte Journalisten-Regel lautet: Blutige Nachrichten verkaufen sich gut. Gilt das auch, wenn sie in Buchform daherkommen? Und sie dem Gehirn des Horror-Großmeisters Stephen King entsprungen sind? Auf jeden Fall!

"If it bleeds, it leads" heißt ein Leitsatz des US-amerikanischen Sensationsjournalismus. Blutige Nachrichten verkaufen sich gut. Wenn also eine Paketbombe an einer Schule in einer US-amerikanischen Kleinstadt explodiert und Dutzende Todesopfer sowie Verletzte zur Folge hat, stehen die Reporter der kleinen und großen Zeitungen ebenso Schlange wie die der Radio- und TV-Stationen. Ein kollektiver Seufzer bahnt sich seinen Weg durch das Land. Trauer und Anteilnahme hier, Furcht und Wut da. So liebt es der Outsider, ein Ding, entsprungen dem Hirn Stephen Kings.

Nach einem gleichnamigen eigenständigen Roman kehrt der Gestaltwandler zurück - und mit ihm die Figur Holly Gibneys, an der der US-Horror- und Bestsellergarant King schier einen Narren gefressen hat. Einst eine kleine Nebenfigur in "Mr. Mercedes", mausert sich die verunsicherte Frau über weitere Auftritte in "Finderlohn", "Mind Control" und eben dem 750-Seiten-Werk "Der Outsider" nun zur Hauptprotagonistin in "Blutige Nachrichten", dem titelgebenden Stück einer vier Geschichten umfassenden Sammlung.

Auf rund 240 Seiten trifft sie erneut auf einen Gestaltwandler, der sich von der Furcht und Angst der Menschen ernährt. Bislang tauchte er zwar immer an Schauplätzen von Katastrophen auf, löste sie aber nie selbst aus. Doch diesmal liefert er die Paketbombe an der Schule ab und ist damit der Ursprung des blutigen Spektakels. Doch Gibney durchschaut ihn und sein Treiben, heftet sich mithilfe eines alten und todkranken Ex-Polizisten an die Fersen des Gestaltwandlers, bis es am Ende zu einem aus Western bekannten High-Noon-Aufeinandertreffen kommt - und nur einer das tödliche Duell als Sieger verlässt.

"Blutige Nachrichten" hatte durchaus das Zeug für einen eigenständigen Roman, hier und da ein paar mehr Ausschmückungen, ein paar mehr Rück- und Einblicke, vielleicht noch einen Nebenerzählstrang - und am Ende hätte ein typischer 750-Seiten-King gestanden. Die Fans hätte es gefreut. Aber auch so, gewissermaßen in komprimierter Form, gefällt die Geschichte, auch weil sie zeigt, dass King es nach wie auch kurz kann. Auf den Punkt.

Schon einmal mit Toten telefoniert?

Seine Vielseitigkeit und dass er längst nicht mehr nur als reiner Horrorautor anzusehen ist, beweist King auch in den drei weiteren Geschichten des neuen Buches. In "Mr. Harrigans Telefon" etwa nimmt der junge Craig Kontakt zu einem Toten auf - über ein iPhone der ersten Generation. Dass dann Leute sterben, die ihm oder Freunden übel mitgespielt haben, verkommt dabei fast zur Nebensache, zu einem netten Beiwerk, denn King schildert mit viel Liebe, wie sich einem technikfeindlichen alten Mann, Mr. Harrigan durch das simple Geschenk eines iPhones der ersten Generation eine völlig neue Welt eröffnet. Als Mr. Harrigan dann stirbt, steckt Craig das iPhone in dessen Todesanzug und kann so später mit der Leiche Kontakt aufnehmen. Oder nicht? Wie lange hält denn so der Akku?

Diese Geschichte bildet den Auftakt in "Blutige Nachrichten", ein netter Aufgalopp, gewürzt mit in viel Ironie verpackte Gesellschaftskritik, die auf Großkonzerne á la Apple oder auch Amazon abzielt. Ironie und Witz finden sich auch in der Abschlussgeschichte "Ratte", in der sich King einem seiner Lieblingsthemen hingibt: das Schreiben und die damit verbundenen Probleme - wie etwa Schreibblockaden.

In der Kürze liegt die Würze

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Stephen King ist der meistgelesene Autor der Gegenwart. Seine Bestseller wurden vielfach erfolgreich für Kino und TV verfilmt.

(Foto: Shane Leonard)

Ein Literaturdozent eines Colleges, der zwar schon erfolgreiche Kurzgeschichten verfasst hat, träumt nach wie vor davon, einen Roman zu schreiben, ein richtiges Buch halt. Das ging bereits mehrfach schief und hätte ihn und seine Familie einmal fast zu Obdachlosen gemacht, als er aus Wut, dass er nicht weiterkommt, sein Manuskript angezündet hatte. Nun aber glaubt er, den perfekten Plot gefunden zu haben, Titel inklusive: "Bitter River", ein Western. Also zieht er sich in die Jagdhütte seines verstorbenen Vaters zurück - und beginnt zu schreiben. Nur den Anfang, sagt er seiner Frau, den Rest könne er dann zu Hause erledigen.

Aber natürlich kommt es anders: Nach einem guten Start geht ihm und seiner Story schnell die Puste aus. Zudem wird der Dozent krank und zu allem Überdruss steht ihm und der Hütte noch ein "Monstersturm" bevor, so betitelt ihn zumindest der Wetterkanal. Mittlerweile völlig verzweifelt, weil offenbar sterbenskrank und in einem kleinen Haus gefangen, das von Wind, Regen, Hagel und abgebrochenen Ästen malträtiert wird, hört ein leises Kratzen an der Tür. Geht das überhaupt?

Eine Ratte liegt auf der Schwelle. Blut am Fell. Offenbar im Todeskampf. Den Dozenten überkommt Mitleid, er schiebt das Tier auf eine Kehrschaufel und legt sie vor den Ofen. Dann nickt er selbst ein. Am Morgen ist die Ratte verschwunden, taucht dann aber wieder auf und - spricht mit ihm, verspricht ihm etwas: Gegen das Leben eines alten Freunden, der zudem an Krebs leidet, liefert sie dem Autoren sein fertiges Buch. Der Dozent willigt ein, unklar darüber, ob er alles nur träumt oder ihm die Medikamente die Sinne vernebeln und ihm seine Wahrnehmung einen Streich spielt.

Das Buch ist schneller fertig als gedacht, der Dozent gesundet und als sein Kumpel dann überraschend mit seiner Frau bei einem Autounfall und nicht an Krebs stirbt, merkt der Dozent, wer oder besser was die Ratte wirklich gewesen ist. Ein altes Thema in neuem Gewand, spannend erzählt. Für King wohl nur eine Fingerübung, aber eine, die in jedem Leser die Lust weckt, selbst zum Laptop oder zur Schreibmaschine zu greifen und einfach loszuschreiben. Der Weg ist das Ziel.

Tanz die Apokalypse!

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Und bei "Chucks Leben" beginnt der Weg am Ende - und macht am meisten Angst, denn King greift hier zum Thema Apokalypse. Aber kein Virus, kein verrückter US-Präsident Donald Trump (an dem King kein gutes Haar lässt) oder gar Zombies sind der Auslöser des Weltuntergangs, sondern der Tod des Buchhalters Chuck. Er liegt im Sterben und mit ihm die ganze Welt, ohne dass jemand die Zusammenhänge erkennt. Das Internet fällt aus. Kalifornien bricht auseinander, verliert sich im Ozean. In Deutschland bricht ein Vulkan aus. Der Strom fällt aus. Erdbeben aller Orten, Waldbrände, Taifune, Hurrikans.

Und dann ist alles ganz schnell vorbei: Ein Blick an den nächtlichen Himmel - und das Licht geht aus. Danach lässt King rückwärts Chucks Leben Revue passieren, bis zu einem spontanen Tanz auf der Straße zur Musik eines Straßenkünstlers. Chuck, der Buchalter, liebte das Tanzen. Eine schöne Vorstellung, an deren Ende der Weltuntergang steht. Das ist kingscher Horror pur! Der mittlerweile 73-Jährige stellt mit seinen vier Geschichten in "Blutige Nachrichten" erneut sein Gespür für Storys, für Stoffe, für Figuren unter Beweis, Genre-gewandt und mit einer erschreckenden Selbstverständlichkeit. Das Blut an sich, braucht er dazu gar nicht.

Quelle: ntv.de