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Michel Faber erkundet Universen Liebe, Selbstverwirklichung und Aliens

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Schrieb während des langen Abschieds von seiner Frau: Michel Faber.

(Foto: Michaela Danelova)

Eigentlich wollte Michel Faber über einen Mann schreiben, der Aliens missioniert. Dann erkrankt Fabers Frau schwer und "Das Buch der seltsamen neuen Dinge" wird zu einer berührenden Reflexion über Liebe auf Entfernung.

"Einer muss ja sowieso dableiben und sich um die Katze und die Gemeinde kümmern." Das hatte Bea doch gesagt, als sich Peter auf den Weg zu seiner Mission machte. Als der junge Pastor sich bei USIC beworben hatte, hatte er erst noch gehofft, der Mega-Konzern würde seine Frau mit ihm mitkommen lassen. Später waren sie sich beide sicher gewesen, dass ihre Liebe diese Trennung trotz der enormen Entfernung überstehen würde.

Woher kommt dann diese Kluft, die sich zwischen ihnen auftut, seit er die Erde verlassen hat? Warum nur fällt es ihm so schwer, seiner Frau von seiner neuen Welt zu schreiben? Wieso findet er keine tröstenden Worte, wenn sie von ihrem immer schwierigeren Alltag auf der Erde berichtet? Und warum sieht ihn seine Kollegin nach seinem längeren Aufenthalt bei den Oasiern an, als würde er langsam verrückt werden? Ist es verboten, sich für seine neuen Schäfchen zu begeistern, auch wenn diese Aliens sind? Hatten sie ihn nicht genau deswegen Lichtjahre entfernt ins All geschossen? Außerdem ist er ganz anders als die anderen USIC-Mitarbeiter. Die scheint der undurchsichtige Konzern nur ausgesucht zu haben, weil sie aufgrund ihrer gebrochenen Biografien keinerlei Verbindung zur Erde mehr haben. Er hatte immer noch Bea.

Wenn das Leben die Fiktion ändert

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Das Buch der seltsamen neuen Dinge
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Nachdem Michel Faber Anfang der Nullerjahre mit "Die Weltenwanderin" ("Under the skin") und dem Historien-Wälzer "Das karmesinrote Blütenblatt" zwei preisgekrönte Bestseller vorgelegt hatte, zog sich der in den Niederlanden geborene Schriftsteller zurück, um einen Science-Fiction-Roman zu schreiben. Sein Held sollte ein Geistlicher sein, der von einem geheimnisvollen Unternehmen auf einen fremden Planeten geschickt wird, um dort Aliens zu missionieren. Die Reise habe symbolisch für einen Künstler sein sollen, der in seinem Schaffen aufgeht, während sich seine Frau mit dem schwierigen Alltag rumschlagen muss, erklärte Faber später in zahlreichen Interviews. Der heute 58-Jährige schrieb auf bekanntem Terrain. Sobald er sich sich für seine Bücher zurückgezogen hätte, habe traditionell seine Frau Eva Youren, selber Fotografin und Künstlerin, den Alltag aufrecht erhalten, berichtete Faber.

Doch während der zehn Jahre, an denen Faber an dem "Buch der seltsamen neuen Dinge" arbeitet, erkrankt Youren an Krebs und stirbt wenige Monate vor der Veröffentlichung des Romans. Schon während ihrer Krankheit ändert sich nicht nur die Rollenverteilung im Hause Faber/Youren, auch das Buch erhält als weitere Facetten Reflektionen über die Themen Liebe, Trauer und Verlust. Und die Vergänglichkeit von Körpern. Die Körper der von Faber erdachten Oasier können nicht heilen. Werden sie beschädigt, faulen sie einfach – wie Obst. Dieses Bild kommt nicht von ungefähr: Youren erkrankte an einer der seltenen Krebsarten, denen die moderne Medizin nichts entgegenzusetzen hat.

Mehr als Science-Fiction

Dass das Buch in dieser schwierigen Zeit überhaupt fertig wurde, ist laut Faber nur Youren zu verdanken, die ihn auch in den schwierigen Zeiten immer wieder zum Schreiben drängte. Sie wollte unbedingt wissen, wie es ausgeht. Die Sorge seiner Frau, dass der Roman wegen der Außerirdischen nicht die Menschen erreichen würde, die ihn am meisten lieben könnten, wurde vom Verlag offenbar geteilt. Den Exemplaren für Presse und Handel lag ein goldenes Erklärblatt darüber bei, was es mit diesem Buch auf sich hat.

Um es kurz zu machen: Es lohnt sich auch für Nicht-Sci-Fi-Fans dieses Buch zu lesen. Denn "Das Buch der seltsamen neuen Dinge" bietet mit Peter und Bea fesselnde Charaktere, mit denen man nicht nur mitfühlt, sondern über die man sich auch aufregen kann. Etwa wenn Peter seiner Frau aus der Ferne eine Predigt hält, statt zu versuchen, sie zu verstehen. Oder wenn sie ihm Dinge vorwirft, die er nicht wissen kann, weil sie sie ihm verheimlicht hatte.

Für Sci-Fi-Fans, oder solche die es werden wollen, gibt es fantasievolle, detailverliebte Beschreibungen des fremden Planeten, wo der Regen "hunderttausend Silberschnüren gleich in eleganten Bögen von der einen zur anderen Seite schwenkt", oder die Aliens Gesichter haben, die "einem massigen, weißrosa Walnusskern oder einer Plazenta mit zwei Föten" gleichen. Michel Faber entwickelte gar eine eigene Sprache für seine außerirdischen Geschöpfe, die Schwierigkeiten mit Konsonanten haben und führt auf Lesungen gerne vor, wie sich das in seiner Fantasie anhört.

Die traumhafte neue Welt wird dabei gespiegelt von einer dystopischen Erde, auf der Bea zurückbleibt. Ein Ort, wo Natur- und politische Katastrophen langsam zur Auflösung der Zivilgesellschaft führen. Das hat nicht nur den Effekt, dass Bea durch deutlich schwerere Zeiten als ihr Mann geht. Die in eine finstere Zukunft weitergedachten aktuellen Entwicklungen machen klar, warum man sich nach fremden Planeten, nach einem einfacheren und ursprünglicheren Leben, sehnen könnte.

In der neuen Welt, in der sich Michel Faber persönlich seit dem Tod seiner Frau befindet, sollen keine Romane mehr geschrieben werden. Ein Gedichtband und Kurzgeschichten gab es seit der Veröffentlichung von "Das Buch der seltsamen neuen Dinge" noch, das war es. Vielleicht werden ihn seine treuen Leser und seine neue Liebe, die Schriftstellerin Louisa Young, von etwas anderem überzeugen.

Quelle: n-tv.de

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