Digital, emotional, "Das Signal"Poznanski-Thriller steht zwischen Paranoia und Blockchain
Von Thomas Badtke
Ein altes Haus, eine Frau, die nach einem Unfall auf Hilfe angewiesen ist, eine Pflegerin mit einem düsteren Geheimnis, ein Ehemann, der etwas im Schilde führt: Wer Hitchcock mag, wird Poznanskis neuen Psychothriller um Wahrheit und Wahnsinn lieben.
"Make statistics sexy again": So wirbt das Marktforschungsinstitut von Adam Decker. Es ist erfolgreich, hat nationale Kunden, will international expandieren. Auf die Beine konnte es Adam aber nur dank einer Finanzspritze seiner Frau Viola stellen. Das Paar liebt sich, schwebt auf Wolke sieben und denkt an Kinder. Das ist die Wirklichkeit, die Wahrheit. Bis jetzt.
Denn nun liegt Viola im Krankenhaus. Ein Bein wurde ihr amputiert, ein Unfall war der Grund. Nur kann sich Viola an nichts erinnern. Die Mittdreißigerin ist ratlos und geschockt. Aber zum Glück hat sie Adam, der ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen scheint. Er holt sie in ihr beider Zuhause, ein Anwesen weit außerhalb der Stadt, renovierungsbedürftig.
Adam zufolge ist der alte Weinkeller schuld an Violas Unglück. Absolut baufällig stand er ganz oben auf der To-do-Liste. Aber die Decke sei eingestürzt, Viola habe noch versucht, sich in Sicherheit zu bringen, sie habe es fast geschafft, als ein herabstürzender Fels ihr Bein getroffen habe. Adam selbst war nicht vor Ort, der Nachbarsjunge Benno habe sie gefunden, sein Vater dann die Rettungskräfte alarmiert.
Ein Tracker für jede Gelegenheit
Viola versucht, sich mit ihrem Unglück zu arrangieren. Eine von Adam engagierte Pflegerin soll ihr dabei helfen, wieder "auf die Beine zu kommen". Viola wird unten im Haus einquartiert, das Obergeschoss mit dem gemeinsamen Schlafzimmer und Adams Büro bleibt ihr verwehrt. Zudem beginnt Adam damit, mehr und mehr Zeit im Hauptsitz der Firma in der Stadt zu verbringen. Er kommt immer später nach Hause, geht immer früher aus dem Haus, küsst Viola nur noch auf die Stirn oder den Haarschopf.
Irgendetwas stinkt doch hier. Davon ist Viola mittlerweile überzeugt, auch weil die Pflegerin sie nicht aus den Augen zu lassen scheint. Die wortkarg ist und äußerlich wie auch innerlich an Heidis Fräulein Rottenmeier erinnert. Sie scheint mit Adam unter einer Decke zu stecken - wobei, muss Viola noch herausfinden. Und auch am besten den Grund, weshalb sie selbst den baufälligen Weinkeller aufgesucht hat.
Viola hat eine Idee, die ihr zum einen die Langeweile im grauen Alltag versüßen kann, denn sie verbringt die meiste Zeit im Bett. Zum anderen hofft sie aber auch, Licht in das Adam-Pflegerin-Weinkeller-Dunkel zu bringen: mit GPS-Trackern. Zehn Stück. Miniformat. Im Internet bestellt. Sie versteckt einen an Adams Schuhen, einen jubelt sie der Pflegerin unter, einer landet in Adams Auto. Als Viola Besuch von zwei ihrer Freundinnen bekommt, bringt sie auch einen Tracker bei Marit unter, die in jüngster Zeit sehr ruhig gewesen ist, vor dem Unfall aber unbedingt mit Viola sprechen wollte. Auge in Auge.
Bittersüße Rache, eiskalt serviert
Jetzt ist alles angerichtet für ein Katz-und-Maus-Spiel mit Twists, Klaustrophobie, Paranoia. Für einen Psychothriller der Extraklasse, stammend von der österreichischen Bestsellerautorin Ursula Poznanski: "Das Signal". Erschienen bei Droemer Knaur und Argon ist der Plot, sind die Figuren so fesselnd, dass man das Buch auf einen Rutsch durchliest. Man erfährt nach und nach, wie es um die Liebe zwischen Adam und Viola bestellt ist, welche Rolle Poznanski der Pflegerin zukommen lässt, und sie lüftet natürlich auch das Geheimnis, das sich hinter dem ominösen Weinkeller-Unglück verbirgt.
Dabei sind auch die Nebenrollen in dem Hitchcock-ähnlichen Psychospiel brillant in Szene gesetzt, allen voran die des Nachbarsjungen Benno. Er leidet am Down-Syndrom, ist direkt heraus, mag einen oder nicht. Viola mag er, auch weil die gelernte Innenarchitektin ihm immer Bilder malt. Einige ihrer Werke hängen im Wohnzimmer der Deckerschen Bleibe. Die wiederum, ja das ganze Szenario, weckt Erinnerungen an Stephen Kings Kultklassiker "The Shining" und "Misery". Stichwort: bettlägerig, Hammer.
Aber Poznanski bringt den Grundgedanken von Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein und Befreiung in die heutige, von Technologie dominierte Zeit. Sie würzt ihre Geschichte mit Technologie: GPS-Tracker, Bitcoin, Blockchain. Dazu noch einen Genesungssoundtrack der harten Art, von Blind Guardian über Ransom bis Slipknot. Und jede Menge schwärzester Humor, gepaart mit Rachegelüsten, die erkannt und gestillt werden müssen – ganz nach dem Motto: "Make revenge sexy again!"
