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Irvine Welsh im Interview "Schreibblockade, was für ein Schwachsinn"

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Irvine Welsh hat mit "Die Hosen der Toten" das letzte Buch der "Trainspotting"-Reihe fertig.

(Foto: imago/Leemage)

Mit seinem neuen Roman "Die Hosen der Toten" widmet sich der schottische Autor Irvine Welsh ein weiteres Mal den Anti-Helden aus "Trainspotting" - ein Gespräch über Schreibblockaden, Substanzen bei der Arbeit und das Leben in Zeiten von #metoo, Trump und Corona.

ntv.de: Mr. Welsh, ursprünglich wollten wir uns im Rahmen Ihrer Lesung in Hamburg treffen. Diesen Plan mussten wir verwerfen.

Irvine Welsh: Ja, es ist eine Schande, aber die Welt befindet sich nun mal im Lockdown-Status. Uns bleibt erst einmal nur das Telefon.

Wie geht es Ihnen im Angesicht der Krise?

Mir geht es bestens, ich komme gerade vom Training. Ich hatte eine fantastische Box-Session im Leith Victoria AAC, das ist Schottlands ältester Box-Verein. Ich fühle mich gut.

Empfinden Sie Angst mit Blick darauf, was die Zukunft bringt?

Nein, nicht im Geringsten. Es könnte dies passieren, es könnte das passieren. Das ist alles Theorie. Es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen, dennoch müssen die Entscheidungen maßvoll und mit Verstand getroffen werden. Und dann hoffen wir mal, dass alles wieder okay wird.

Auch Ihr Treffen mit John Niven ("Kill Your Friends") bei der lit.Cologne ist ins Wasser gefallen. Niven hat auf seiner letzten Lesung in Hamburg aus einem Ihrer Bücher vorgelesen. Wie ist das Verhältnis zum ebenso populären Schreiberkollegen?

Ach, der gute John Niven (lacht laut). Wir waren neulich zusammen beim Begräbnis von Andrew Weatherall (britischer Musiker, Musikproduzent und DJ, die Red.) und haben ihm die letzte Ehre erwiesen. Niven ist ein wirklich guter Freund, ein absolut verrückter Typ, das wäre ein großer Spaß geworden, mit ihm zusammen in Deutschland. Ich hoffe sehr, dass wir das nachholen können.

Tauschen Sie mit ihm mal Ideen aus oder schicken sich frisch geschriebene Kapitel hin und her?

Mit Niven? Das soll wohl ein Scherz sein. Der hatte in seinem Leben noch keinen einzigen guten Einfall (lacht schallend). Seine Ideen drehen sich immer nur darum, zusammen in die Kneipe zu gehen.

In Ihrem neuen Roman "Die Hosen der Toten" gibt es ein Wiedersehen mit Renton, Begbie, Sick Boy und Spud, den tragischen Helden aus "Trainspotting". Was brachte Sie dazu, sich ein weiteres Mal der alten Gang zu widmen?

Wenn du erst einmal solche denkwürdigen Charaktere erfunden hast, die dein ganzes Leben und Schaffen durcheinandergewirbelt haben, dann kommt das irgendwann wieder zu dir zurück. Da kannst du gar nichts dagegen tun.

Wie viel Zeit lag zwischen der Idee und dem tatsächlichen Beginn des Schreibprozesses?

Diese Typen sind wie alte Freunde und als solche melden sich immer mal wieder in deinen Gedanken. Denen musst du dich dann widmen. In diesem Fall ging es eher von mir aus. Ich fragte mich irgendwann, was aus Renton wohl geworden ist und wie es Begbie und den anderen geht. Ich dachte nur, fuck, ich habe es ja in der Hand, wie es ihnen ergeht. Dann habe ich mich hingesetzt und es aufgeschrieben.

Manchmal wünscht man sich, das würde auch im wirklichen Leben funktionieren.

Genau mein Gedanke. Wenn du das Gefühl hast, dass einer deiner Kumpel zu viel zu Hause hockt, dann schreibst du ihm einfach ins Script, dass er endlich mal wieder in den Pub kommt, damit man sich mal zusammen volllaufen lässt. Das wäre cool.

War Ihnen von vornherein klar, was Ihren Helden diesmal widerfahren würde?

Nein, gar nicht, das ist ja auch der Reiz an der Sache. Ich wünsche mir einfach, dass sie mich überraschen.

Ist es schwer, Ihnen Schmerzen zuzufügen?

Nein, das macht ja auch Spaß. Auch wenn wir jetzt so real darüber sprechen, eines darf man nicht vergessen: Es sind keine echten Menschen. Wenn denen schlimme Dinge passieren, darum sollten wir uns sorgen, aber nicht um irgendwelche fiktiven Charaktere und seien sie uns noch so sehr ans Herz gewachsen.

Wünschen Sie Ihnen dennoch ein Happy End?

Nicht unbedingt. Das ist wahrscheinlich das Anarchistische in mir, aber ich liebe einfach das nackte Chaos in diesen ganzen Geschichten. Mit Blick auf die schwierigen Zeiten gerade ist es vielleicht nicht so populär, das zu sagen, aber man bekommt doch noch einmal ein unmittelbareres Verhältnis zum Leben. Es ist einem alles plötzlich viel bewusster, was man sonst hat, wenn das Chaos hereinbricht. Ich war in Kriegsgebieten im Sudan und in Afghanistan. Als ich wieder nach Hause kam, hatte ich das Gefühl, das alles hätte meine Sinne, mein Bewusstsein geschärft. Ich habe das Gefühl, das passiert den Leuten in dieser Krise ebenfalls. Was die Politik angeht, führt das jetzt dazu, dass man viel mehr infrage stellt, die Politik, die Versorgungsketten, die Finanzlage, das Gesundsheitssystem. Wir müssen das alles kritisch betrachten, ich hoffe, dass die aktuellen Ereignisse auch dazu führen.

Zuletzt haben Dinge wie #metoo, die Prozesse gegen Harvey Weinstein und Jeffrey Epstein die Kulturwelt, und nicht nur die, erschüttert. Wie hat Sie das beeinflusst?

Die Dinge sind in Bewegung geraten, der Bruch im patriarchalischen System ist offensichtlich, aber nicht nur dort. Auch in der Technologie und in der Politik kommt es zu großen Verschiebungen, daran schreiben sich Teile der Historie jetzt neu. Es ist gut, dass diese Dinge aufplatzen und diskutiert werden. Wichtig ist, dass wir uns einen sehr, sehr kritischen, wachsamen Geist bewahren und uns gegenseitig helfen, aufeinander aufpassen. Gleichzeitig muss man klar sehen, wie ungebremst Leute wie Donald Trump oder Jimmy Saville durchgekommen sind, wie viele Leute da nie das Maul aufgemacht, stattdessen eine schützende Hand drübergehalten haben, eine Riesen-Sauerei.

Welcher Ihrer Helden würde am besten mit der aktuellen Krise klarkommen?

Wahrscheinlich Begbie oder Sick Boy. Beide haben dieses machiavellische Naturell, das sie gut durch diese Zeiten bringen würde. Sie würden ganz sicher überleben.

Brauchen Sie eine bestimmte Stimmung, einen Ort, eine Tageszeit, damit es mit dem Schreiben klappt?

Da gibt es zwei Phasen. In der ersten muss einfach alles raus, was mir einfällt. Da sind Ort und Zeit egal, das geht überall. Hauptsache, ich bekomme es aus dem System. In der zweiten Phase wird es dann ein wenig diffiziler. Dann geht es um darum, Ordnung in dieses Chaos zu bringen. Dafür brauche ich dann tatsächlicher einiges mehr an Ruhe und Konzentration.

Wie schaut es mit Drogen oder Alkohol beim Schreiben aus?

Absolut empfehlenswert, sollte man immer in Reichweite haben, wenn man schreibt.

Haben Sie jemals Erfahrungen mit einer Schreibblockade gemacht, dem sogenannten Writer's Block?

Niemals. Den Writer's Block gibt es eigentlich gar nicht. Das ist die reine Faulheit. Klar, wenn du lieber an den Strand gehst, dann bleibt die Seite halt weiß. Aber das ist nun mal unser Job, also muss man es angehen. Schreibblockade, was für ein Schwachsinn. Ideen gibt es immer, du musst dich nur hinsetzen und sie auch aufschreiben.

Haben Sie jemals etwas geschrieben, das Sie letztlich doch zu hart fanden?

Ständig. Aber ich lasse es dann trotzdem drin. Das ist doch der Spaß an der Sache.

Sind Sie mal betrunken aufgewacht und jemand hatte Ihnen etwas an die Stirn geklebt?

Nein, ich bin aber einige Mal mit blutendem Schädel auf dem Fußboden aufgewacht.

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Im Buch gibt es die herrliche Geschichte vom Techno-DJ, dem jemand unmittelbar vorm Auftritt einen Dildo im Schlaf an die Stirn geklebt hat.

Ob du es glaubst oder nicht, aber das ist eine wahre Geschichte. Ich kann hier keine Namen nennen, aber die Story war einfach so gut, die musste mit ins Buch.

Welchen Rat würde Ihr heutiges Ich Ihrem 20-jährigen Ego geben?

Vielleicht den, dass man die Sache mit den Drogen nicht übertreiben sollte. Der Spaß reicht nur bis zu einem bestimmten Moment. Danach wird es ein lästiges Elend, das sollte man sich nicht antun. Da kommt dann auch nichts Neues mehr. Ab diesem Zeitpunkt gilt es, sich anderen Dingen zuzuwenden und zu schauen, wie man die ganzen Erfahrungen verarbeitet. Ein Bild malen, eine Platte machen. Oder eben ein Buch schreiben.

Mit Irvine Welsh sprach Ingo Scheel

Quelle: ntv.de