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Neuer Blick auf alte Annahmen Sind Menschen gar nicht böse?

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Der Mensch ist des Menschen Wolf, oder doch nicht?

(Foto: imago images/Martin Wagner)

Der Mensch ist des Menschen Wolf, ein blutrünstiges Scheusal, egoistisch, grausam und ohne Mitgefühl, jedenfalls wenn man ihn lässt. Kein Wunder, schließlich ist er das Ergebnis von Jahrtausenden Evolution, bei der sich nun einmal die Stärksten und Skrupellosesten durchsetzten, richtig?

Dass wir auf den Straßen nicht in Anarchie und Mord versinken, ist nur einer dünnen Schicht aus Religion, Moral und Kultur zu verdanken, die unsere Gesellschaft überzieht, sowie strengen Gesetzen und deren mehr oder weniger strengen Durchsetzung, oder?

So haben wir es gelernt und verinnerlicht. Die Religion sieht Menschen seit Jahrtausenden als verderbte Sünder*innen. Der Philosoph Thomas Hobbes, der einflussreiche Schriftsteller Machiavelli, fast die gesamte Riege der Wirtschaftswissenschaftler stimmt ein: Der Mensch denkt nur an sich selbst, außer man führt ihn stets an der kurzen Leine und zwingt ihn durch Zuckerbrot und Peitsche zu seinem Besten.

Und seit dem Zweiten Weltkrieg scheint ein sozialpsychologisches Experiment nach dem anderen zu zeigen, dass Menschen, die Macht über andere erhalten, diese ohne Skrupel ausnutzen, Wehrlose bis aufs Blut quälen, herabwürdigen, tyrannisieren. Und je mehr Zeugen einem Verbrechen zusehen, umso weniger Menschen eilen zu Hilfe. Feige Egoisten. Alles klar.

Nicht für Rutger Bregman. Der niederländische Historiker und Journalist hat sich mit diesen Themen intensiv beschäftigt. Und er ist dabei auf eine ganze Reihe sehr erstaunlicher Erkenntnisse gestoßen. Kapitel für Kapitel führt er in seinem Buch "Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit" den staunenden Rezipienten vor, dass vieles völlig anders ist, als wir bisher dachten.

Völlig falsches Selbstbild

Er beschreibt, wie sich der Mensch über Jahrtausende hinweg ein völlig falsches Selbstbild aufgebaut hat, er seziert detailreich die Annahmen, Glaubenssätze und wissenschaftlichen Studien, die es stützen, und zeigt anhand neuester Forschungsergebnisse aus verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen, warum es berechtigt und sogar angebracht ist, zuerst das Gute im Menschen zu sehen.

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Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit
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Anders als im Roman "Herr der Fliegen" etwa gründen schiffbrüchige Jugendliche auf einer einsamen Insel eben nicht zwangsläufig eine Schreckensherrschaft. Im Gegenteil: Die Jungs, die nicht von einem gemütskranken Schriftsteller im Alkoholrausch erfunden wurden, sondern 1966 wirklich auf einer unbewohnten Insel im Pazifik strandeten, schufen dort ein leidlich zivilisiertes Dasein und legten den Grundstein für lebenslange Freundschaften.

Die Teilnehmer am weithin bekannten Milgram-Experiment traktierten andere Probanden ebenfalls nicht aus Jux und Tollerei mit vermeintlichen Stromstößen. Sondern, weil sie zuvor massiv unter Druck gesetzt worden waren und zum Erfolg der wissenschaftlichen Studie beitragen wollten.

Haarsträubende Lügen

Bregman zeigt an diesen und anderen Beispielen, dass auch an renommierten Universitäten Fälschung und Lüge auf teils haarsträubende Weise benutzt werden, wenn es darum geht, Karrieren zu befördern, Schlagzeilen zu produzieren oder Millionen Bücher zu verkaufen.

Und dann ist da noch die Geschichte der blühenden Zivilisation auf den Osterinseln, die nach bisheriger Meinung durch Gier und Unvernunft ihre Lebensgrundlagen und sich selbst zerstört haben soll. Neue Erkenntnisse zeigen, dass die Osterinsulaner ein munteres und cleveres Völkchen gewesen sein müssen und dass ihre Kultur erst ins Verderben trudelte, als unheilvolle Einflüsse von außen mit unfassbar unglücklichen Umständen zusammentrafen.

Was sich hier eher anekdotisch anhören mag, wird in Bregmans Buch anschaulich und lebendig und - auch durch die zahlreichen Fußnoten im Anhang - glaubhaft und nachvollziehbar. Kapitel um Kapitel entrollt der Autor seine neue Menschheitsgeschichte und setzt den Leser damit nicht nur ein ums andere Mal in Erstaunen. Sondern er ermutigt ihn, das Gute im Menschen zumindest als Möglichkeit wieder deutlich stärker als bisher in Betracht zu ziehen.

Und so könnte sich die unterhaltsame Lektüre zweifach lohnen. Weil es ja einen Unterschied macht, was wir glauben. Weil unsere Annahmen Einfluss darauf haben, wie unsere Gegenwart ist und wie unsere Zukunft aussehen wird.

Quelle: ntv.de