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Roadtrip durch Mississippi "Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt"

Armut, Rassismus, Drogen, ein berüchtigtes Gefängnis, ein Geist und ein dauerkotzendes Kind: Jesmyn Ward erzählt intensiv vom Leben einer schwarzen Familie in den Südstaaten der USA.

Nicht nur zartbesaiteten Lesern kann bei der Lektüre von Jesmyn Wards Roman "Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt" ein wenig schwummrig werden: Gleich auf den ersten Seiten hilft der 13-jährige Jojo seinem Großvater beim Schlachten und Häuten einer Ziege - und kann Blut, Schleim und Gestank nicht standhalten. Er übergibt sich. Das tut später auch die kleine Kayla, immer und immer wieder.

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Das Buch brachte Jesmyn Ward bereits den zweiten National Book Award ein.

(Foto: Chris Granger)

Die Geschichte selbst macht betroffen. Ward zeichnet das Porträt einer schwarzen Familie in den US-Südstaaten. Sie erzählt von drei Generationen, die in einer von Armut, Drogen, Gewalt und Rassismus geprägten Gesellschaft versuchen zu leben, zu überleben und ein wenig Zuneigung zu finden. Dafür bekam sie ihren zweiten National Book Award - als erste Frau überhaupt.

Rührende Geschwisterliebe

Und auch das ist der Roman: die rührende Geschichte einer Geschwisterliebe. Jojo kümmert sich hingebungsvoll um Kayla, seine drei Jahre alte Schwester. Er ist der Einzige, von dem sie sich trösten lässt. Auch dann, wenn Mutter Leonie da ist. Meistens ist sie das aber nicht.

Die Kinder leben bei den Großeltern. Während die Oma im Sterben liegt, kämpft der Opa mit den Erinnerungen an seine Zeit im Hochsicherheitsgefängnis Parchman Farm. Leonie ist derweil mit ihrem ziellosen Leben und ihren Drogenabstürzen beschäftigt. Und wenn sie mal wieder so richtig high ist, sitzt plötzlich ihr Bruder neben ihr. Der ist schon lange tot, erschossen von einem Weißen, dem Verlierer einer Wette. Die Richter entschieden: ein Jagdunfall.

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Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt
EUR 22,00
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Der Vater von Jojo und Kayla ist ein Cousin des Täters und in der berüchtigten Parchman Farm inhaftiert. Als er entlassen wird, packt Leonie ihre Kinder ins Auto, um ihn abzuholen. Es beginnt ein Roadtrip bei tropischer Hitze quer durch Mississippi. Kayla kotzt fast die ganze Zeit. Jojo hat Hunger und Durst. Und Leonies ganze Aufmerksamkeit gilt ihrem Mann und dem Schmuggel und Konsum von Chrystal Meth - selbst dann, als ihr Sohn bei einer Polizeikontrolle in Handschellen gelegt und mit einer Waffe bedroht wird.

Der Leser erfährt die Geschehnisse abwechselnd aus der Perspektive von Jojo, Leonie und Richie. Der war Jahrzehnte zuvor als Jugendlicher zusammen mit Jojos Großvater in Parchman Farm Schikane und Folter ausgesetzt. Auf der Flucht kam er ums Leben. Nun irrt sein Geist umher und will unbedingt erfahren, wie er gestorben ist.

Ganz schön viele Geister

Ward erzählt von einer Welt, in der Mystik die bittere Realität durchdringt und Gegenwärtiges neben Archaischem existiert. So ist die Großmutter nicht nur in der Kräuterheilkunde bewandert, sondern hat die Gabe des "Sehens" an die nachfolgenden Generationen vererbt und beschwört am Ende eine Voodoo-Gottheit herauf.

"Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt" ist ein Buch voller Schmerz, das nur mit Blick auf die beiden Kinder etwas Hoffnung keimen lässt. Ein bisschen weniger Geisterwelt hätte dem Roman wahrscheinlich gut getan. Denn alleine die Passagen, in denen Ward die Wirklichkeit schwarzen Lebens in den USA beschreibt, sind wortgewaltig und intensiv.

Quelle: n-tv.de

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