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"Die Kinder hören Pink Floyd" So waren die 70er-Jahre - genau so

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Das Buch ist ein präzises Sittengemälde der 70er-Jahre.

(Foto: picture alliance / United Archives)

Prilblumen, Schlaghosen und natürlich Pink Floyd: Boomer wissen genau, das sind die 70er-Jahre. Inzwischen ist das wirklich lange her - so lange, dass ein Ausflug in diese Zeit schon wieder Unterhaltungswert hat.

"Der Junge" hat mehrere Probleme: Er stottert, wenn er überhaupt redet. Er wird regelmäßig von einem Mitschüler verprügelt, unter seinem Bett und im Keller wohnen Monster und ein "Mongo" wurde neben ihn gesetzt. "Der Junge" ist die Hauptfigur in Alexander Gorkows Buch "Die Kinder hören Pink Floyd". Gorkow nimmt den Leser mit in seine Grundschule in Meerbusch und in die Welt der 1970er-Jahre. Es ist ein manchmal lustiges, manchmal bitterböses, manchmal aber einfach berührendes Bild, das Gorkow da an seiner eigenen Vita angelehnt zeichnet. Und vor allem ein treffendes.

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Boomer werden sich und ihre Jugend sofort wiedererkennen. Für alle anderen kommt es einer Expedition gleich. Wollen Sie wissen, wie sich die 70er angefühlt haben? So! Der Vater kommt mittags aus dem Büro nach Hause, zum Essen und Mittagsschlaf - und um die Rosen zu spritzen. Er kauft beim Lebensmittelhändler seinen Lieblingswein, zu dem es jeden Abend Pata Negra gibt.

Die Kriegsgeneration ist wieder wer. Alt-Nazis werden geduldet, wenn sie es nicht zu arg treiben. Ein Nebel der Spießigkeit hat sich über das Land gelegt. Gorkow beschreibt diese Zeit aus der Perspektive "des Jungen". "Der Junge" hat keinen Namen in dem Buch, genau wie die ältere, schwer herzkranke Schwester ("Kind Nr. 1"). Die hat auf jeden Fall Pink Floyds epochales Werk "The Dark Side of the Moon" nach Hause mitgebracht und die vier englischen Musiker werden für die Geschwister zu Propheten einer neuen Zeit und zu Helfern gegen die provinzielle Langeweile.

Ungefilterter Blick eines Kindes

"Der Junge" ist dabei kein Klugscheißer. Die Sicht des Grundschülers auf die Dinge ist bewusst naiv. Das ist an vielen Stellen einfach entlarvend komisch, beispielsweise wenn "der Junge" die "heute"-Nachrichten der 70er sieht. "Neben Gerhard Klarner steht links ein Telefon, das läutet nie. Ich frage mich, ob man Klarner anrufen kann. Wir würden Klarner noch während der Sendung anrufen, er unterbräche seine Nachricht, ginge an den Hörer, und wir hörten und sähen zugleich, wie er "Klarner!" ruft … Ich fixiere das Telefon. 'Haben wir seine Nummer?' 'Ssssch! Der Papa schaut die Nachrichten."

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Pink Floyd auf der Bühne.

(Foto: imago stock&people)

Es ist der ungefilterte Blick eines Kindes auf die Familie und Gesellschaft - und der ist immer am genauesten. Aufgeschrieben in der retrospektiven Erinnerung des Autors, Jahrgang 1966. Auf jeder Seite spürt man, dass "Die Kinder hören Pink Floyd" ein Herzensprojekt von Gorkow war. Drei Jahre hat der Ressortleiter des Feuilletons der "Süddeutschen Zeitung" an dem Buch gearbeitet. Und um es zu einem im wahrsten Sinne des Wortes guten Ende zu bringen, hat sich Gorkow für die Feinarbeit ein neunmonatiges Sabbatical gegönnt. Aber was heißt an dieser Stelle Feinarbeit! 600 Seiten hatte er anfangs zusammengeschrieben - und dann auf 200 Seiten runtergekürzt. Man könnte also von einem schmalen Band sprechen, den man in den Händen hält.

Nicht nur für Pink-Floyd-Fans

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Aber das ist das Buch wahrlich nicht. Sondern ein Beispiel für die Kunst des Weglassens. Viele Dialoge und Szenen sind nur Andeutungen. Den Rest muss man sich dazudenken oder besser dazufühlen. Nichts wird erklärt oder eingeordnet. Es versteht sich von selbst. Der Autor ist sich seiner Sache sicher und ein Meister des feinen Stils. Deshalb beginnt schon auf den ersten Seiten im Kopf des Lesers ein Film zu laufen, bei dem man sich fragt, ob es ein Happy End geben wird. Wie gehen die Auseinandersetzungen in der Schule aus, was wird aus der Schwester, wohnt Heino tatsächlich als Monster im Keller? Das sei an dieser Stelle nicht verraten.

Für Pink-Floyd-Liebhaber ist das Buch fast schon ein "Muss". Aber es ist nicht Voraussetzung für die Lektüre, Pink-Floyd-Fan zu sein. Gorkow selbst sagt, er habe sehr viel Fachsimpelei rausgestrichen. Das war gut so! Denn nur so konnte ein sehr präzises Sittengemälde der 70er-Jahre entstehen. Hape Kerkelings "Der Junge muss an die frische Luft" kommt einem da auch in den Sinn. Aber da ging es viel mehr um Kerkelings eigene Vita. Bei Gorkow ist die Epoche der Star - und das eigene Schicksal steht als pars pro toto. Herrlich zu lesen und mit einem langen Nachhall, bis im Kopfkino der Abspann läuft.

Quelle: ntv.de

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