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"F*ck-It-Liste" - ein Rachetrip "Trump-Clan wird US-Volk aussaugen"

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In John Nivens neuem Roman ist Ivanka Trump gerade zur US-Präsidentin gewählt worden.

(Foto: imago/UPI Photo)

Nach Romanen über Tourette, Jesus und den bösesten Musikmanager aller Zeiten legt John Niven jetzt sein neues Werk vor. "Die F*ck-It-Liste" ist ein Roadtrip ins dunkle Herz Amerikas. ntv.de erzählt er von seinem Arbeitszimmer und seinem Riecher für eintreffende Prognosen.

n-tv.de: Wie geht es Ihnen, Mr. Niven, wie gut kommen Sie in diesen besonderen Zeiten zurecht?

Ach, ich komme ganz gut klar in diesem durchgedrehten Brexit-Land.

Brexit und Corona, ein extremes Doppelpack. Sie mussten Ihre Touren absagen, wie haben Sie die freigewordene Zeit genutzt?

Eigentlich genauso wie sonst auch. Ich sitze in meinem Arbeitszimmer und denke mir den ganzen Tag Geschichten aus. Meine Partnerin arbeitet ebenfalls von zu Hause, für uns war das also nicht so schwerwiegend wie für viele andere Menschen. Außerdem findet man natürlich viel Zeit zum Lesen.

Ziehen Sie manchmal eines Ihrer eigenen Bücher aus dem Regal und lesen es noch einmal?

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Ein "Riesenfan" von Roadmovies: der schottische Autor John Niven.

(Foto: Erik Weiss)

Nein, nein, nein, um Himmels willen. Auf keinen Fall. Das würde ich niemals tun. Man müsste vollkommen irre sein, um das zu machen. Ich tue das nur, wenn es um eine Lesung geht. Davon abgesehen wäre es fatal. Ich würde nur auf Fehler achten. Hier hätte ich mich besser ausdrücken können, da hätte es ein Semikolon sein müssen.

In der Entstehungsphase eines neuen Buches bleibt es allerdings nicht aus, dass Sie sich immer nochmal mit dem eigenen Material beschäftigen.

Der schlimmste Zeitpunkt ist es, wenn der erste Entwurf fertig ist, und im zweiten Durchlauf feingeschliffen werden muss. Das ist derart mühsam. Ich liebe das Schreiben wirklich, das Spiel mit der Fantasie. Wenn ich da aber immer nochmal ransoll, ist das so, als müsste ich mir Fotos anschauen, auf denen ich masturbiere. Absolut grauenvoll.

Die Chancen stehen nicht schlecht, dass man Ihr neues Buch "Die F*ck-It-Liste" in fünf, sechs Jahren hervorholt, um nachzuprüfen, wie viele Ihrer Prognosen wahrgeworden sind. Die Geschichte spielt in den USA anno 2026.

Glauben Sie mir, das ist alles andere alles beruhigend. Als kürzlich Richterin Bader Ginsburg starb, dachte ich nur, um Gottes Willen, da geht es schon los.

Darüber hinaus malen Sie ein finsteres Bild der Vereinigten Staaten. Es geht um Waffenbesitz, Pressefreiheit, das Recht auf Abtreibung, die Immigrationsbehörden.

Wobei das ja kein Hexenwerk ist, diese Dinge vorauszusagen. Viele der Entwicklungen sind offensichtlich, ich habe das lediglich konsequent weitergesponnen.

Vor einigen Jahren hatten Sie schon einmal den richtigen Riecher, was Ihre Prognosen angeht.

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Bei Trump lag Niven mit seiner Prognose richtig.

(Foto: imago images/MediaPunch)

In der Tat, ich habe eine Menge Geld gewonnen, als ich darauf gewettet habe, dass Trump Präsident wird. Später sogar noch mehr, als es um sein Impeachment ging. Bei der Präsidentschaftswahl hatte ich eher noch geraten, aber bei der möglichen Amtsenthebung war es einfach klar: Wenn der Mann erstmal gewählt ist, dann kriegst du den nur schwer wieder weg. Dem Typen steckt das Kriminelle in den Knochen.

Haben Sie bei der vorstehenden Wahl auch wieder auf ihn gesetzt?

Nein, die Wettquoten sind einfach zu mies. Da kriegst du gerade mal deinen Einsatz wieder raus. Davon abgesehen werden die Buchmacher lange Zeit gar nicht auszahlen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er das Ergebnis akzeptiert, sollte er die Wahl verlieren. Das wird die Gerichte über Monate beschäftigen, das wird völlig irre. Ein Freund von mir meinte, ich wäre in meinem Buch viel zu alarmistisch. Wenn Biden gewinnt, dann ist das erst einmal ausgestanden. Ich sagte zu ihm, Mann, was hast du denn geraucht? Kannst du dir das wirklich vorstellen: Trump tritt einfach ab? No Way, freiwillig wird der das Weiße Haus niemals verlassen.

Man müsste ihn wahrscheinlich raustragen.

Das würde ich zu gern sehen, aber es bleibt wohl beim Wunsch. Wenn ein Totalitarist an der Macht ist, dann ist es fast unmöglich, ihn wieder loszuwerden. Demokratie basiert auf Normen und Werten, gelerntem Miteinander nach bestimmten Regeln. Diese Leute kennen das nicht, die kennen nur Lug und Betrug. Würde es mit rechten Dingen zugehen, dann müssten Trump und seine Bande, seine Familie, Pompeo und die ganzen Typen vor Gericht und für den Rest ihres Lebens in den Knast.

In Ihrem Buch hat er eine zweite Amtszeit absolviert, seine Tochter Ivanka ist mittlerweile US-Präsidentin.

Ja, wobei ich da eventuell falsch liege. Vielleicht wird es doch eher Donald jr., der ist zwar auch total unterbelichtet, aber er kommt womöglich besser in der Zielgruppe an als eine Frau. Sein Clan wird das amerikanische Volk komplett aussaugen. Die Leute werden sich von Staub ernähren. Möglicherweise werden die größten Deppen so auf den Gedanken kommen: Moment mal, vielleicht war die Sache mit Trump doch keine so gute Idee. Das ist zumindest meine Hoffnung. Aber bis dahin dauert es bestimmt noch 10, 15 Jahre. Das wird dann so was wie bei den Nürnberger Prozessen, lauter Greise, die sich für ihre Taten verantworten müssen.

Der Held Ihres neuen Buches, Frank Brill, erfährt, dass er nur noch Monate zu leben hat. Er entscheidet sich aber nicht etwa für Cocktails und Reisen. Statt einer "Bucket List" hat er eine "Fuck-It-Liste", einen Racheplan in der Tasche.

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Die F*ck-it-Liste: Roman
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Frank Brill hat in seinem Leben viele Tragödien erlebt, einige davon in direkter Verbindung mit der Trump-Administration. Ohne jetzt zu viel verraten zu wollen, erfahren die Leser schließlich auch noch, dass er einen - wenn auch nur winzigen, aber immerhin - Anteil an der Wahl Trumps hat. Bevor er aus dem Leben scheiden muss, will er noch einige Dinge geraderücken.

Mit diesem Buch ändert sich Ihr Ton, bei allem schwarzen Humor, der auch diesmal seinen Platz hat. Da ist eine neue Ernsthaftigkeit oder täusche ich mich?

Als ich mit dem Buch anfing, dachte ich, es würde viel komödiantischer werden. Dann überkam mich mehr und mehr der Gedanke, dass ich die Leser zusammen mit Frank auf einen Road Trip schicke, bei dem brutale Dinge passieren. So extrem sich das entwickelt, wollte ich dennoch, dass meine Leser nachvollziehen können, was Frank Brill antreibt, wie seine Welt, wie die USA als solches aussehen. Das hätte in einem leichteren Ton nicht funktioniert, deswegen ist es düsterer als die meisten meiner Bücher geraten. Herbstlicher, so würde ich es vielleicht nennen.

Die Idee als solche stammt von einem Ihrer Freunde.

Mein Kumpel Alan war das. Er hält sich für total normal, aber in Wirklichkeit ist er wahnsinnig. Als wir vor Jahren mal zusammen im Pub saßen, erfuhren wir von der Krebsdiagnose eines guten Freundes. Alan meinte sofort: Wisst ihr, was ich machen würde? Ich würde mir die Leute vorknöpfen, die mich im Leben verarscht haben. Mir eine Knarre schnappen, bei ihnen klingeln und wenn sie die Tür öffnen, dabei gerade noch schnallen, wer ich bin und warum ich da bin: Bäng! Das war der Ursprung dessen, was heute als "Die F*ck-It-Liste" vorliegt. Ein Rachetrip vor dem Hintergrund der aus den Angeln geratenen USA.

Hätte Großbritannien auch als Schauplatz funktioniert?

Lustigerweise hatte ich den Gedanken, gerade mit Blick auf den Brexit und was der aus dem Land gemacht hat. Aber es sprachen rein praktische Gründe dagegen. Für einen Roadtrip wie diesen ist Großbritannien einfach viel zu winzig.

Tatsächlich gibt das Erzählmotiv des Roadtrips dem Ganzen einen fast romantischen Unterton. Wären die Dinge nicht so grausam, dann könnte es einfach auch eine schöne Reise sein.

Witzig, dass Sie das ansprechen. Ich bin ein Riesenfan des klassischen amerikanischen Roadmovies, das Motiv des Unterwegsseins in verschiedenen Landschaften, immer in anderen Hotels. Dafür bieten die Staaten einfach einen grandiosen Schauplatz.

Einen Burger und eine Cola in irgendeinem "American Diner" am Freeway, dann wieder ins Auto, die nächsten 100 Meilen abreißen.

Toll, oder? Wenn da bloß nicht diese Leute auf der Liste stehen würden, die man noch um die Ecke bringen will.

Haben Sie persönlich auch eine Fuck-It-Liste in der Schublade?

Ich habe weder eine Bucket- noch eine Fuck-it-Liste. Ich habe in meiner Karriere, ob nun in der Musikindustrie oder später als Schriftsteller, so viele schöne Dinge erlebt, Reisen gemacht, mir Wünsche erfüllt. Ich muss jetzt nicht unbedingt nochmal skydiven oder mit Delfinen schwimmen. Und was die Fuck-it-Liste angeht: Ich bin von meinem Naturell her kein rachsüchtiger Typ. Ich vergesse solche Sachen wieder. Im Gegensatz zu einem meiner besten Freunde. Der weiß noch genau, wie ihm 1989 mal der Reis angebrannt ist, und er ist immer noch sauer deswegen. Auf eine gewisse Art bewundere ich das.

Wenn alles gutgeht, werden Sie in Kürze auf Lesereise in Deutschland sein, zusammen mit zwei guten Freunden, dem "Trainspotting"-Autor Irvine Welsh, dazu Autor und Musiker Thorsten Nagelschmidt. Ist das so eine Rock'n'Roll-Tour, wie man sie sich bei diesen Namen vorstellt?

In einer normalen Welt würde ich das ganz klar mit Ja beantworten. Heutzutage sitzen wir womöglich danach allein in unseren Hotelzimmern. Aber ganz gleich, wie es wird, ich freue mich darauf und hoffe sehr, dass uns nicht noch eine Absage dazwischenfunkt.

Mit John Niven sprach Ingo Scheel

Lesetour-Termine:
18. Oktober Hamburg, Nochtspeicher
19. Oktober München, Muffathalle
20. Oktober Berlin, Pfefferberg Theater

Quelle: ntv.de