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Im Prinzip weiblich Wer willst du sein?

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"Man liebt nicht, weil. Man liebt, obwohl!" Von William Faulkner, sagt Greer.

(Foto: imago/Westend61)

Meg Wolitzer ist die Meisterin des Geschichtenerzählens, wenn es darum geht, Personen über Jahre, wenn nicht über Jahrzehnte zu begleiten und zu porträtieren. In "Das weibliche Prinzip" beobachten wir Greer Kadetsky beim Erwachsenwerden.

Greer Kadetsky - eine junge Frau wie so viele: Klug, aber unsicher. Strebsam, aber ziellos, verliebt in den einen, aber nur aus Mangel an (vorerst) anderen, immer auf der Suche - und erst spät kommt die Erkenntnis, dass es mehr braucht, um sich selbst zu finden - auch, wenn man immer alles richtig macht. Sogar richtiger als die Eltern.

Dieses Buch - "Das weibliche Prinzip" ist wahrscheinlich typisch Meg Wolitzer. Sie begleitet ihre Protagonisten über Jahre - über Jahrzehnte - hinweg. Der Leser lebt mit ihnen, wird mit ihnen erwachsen, wird krank und wieder gesund, hat Liebeskummer, und ist enttäuscht, wenn Wolitzers Figuren es sind. Der Leser, der Fan möchte man in Meg Wolitzers Fall schon sagen, ist vor allem enttäuscht, wenn das Buch fertig gelesen ist, weil er dann wieder auf ein neues Werk der Erfolgsautorin warten muss. Allerdings muss er meist nicht lange warten, denn Wolitzer scheint zu schreiben und zu schreiben und zu schreiben.

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Meg Wolitzer 2018 auf der Frankfurter Buchmesse.

(Foto: imago/Hartenfelser)

Schreibt sie manchmal vielleicht ein bisschen zu schnell? Bei aller Spannung, bei allem Mitfiebern, bei aller Sympathie, die wir ihren Figuren in "Das weibliche Prinzip" entgegenbringen, ist es dieses Mal doch so, dass es sich am Anfang ein bisschen hinschleppt mit dem Kennenlernen der Personen. Obwohl sie viel erzählt über Greer und Cory, das junge Glück, das wie füreinander geschaffen scheint. Greer, ein Mädchen voller Verunsicherungen, gleichermaßen schlau wie schüchtern, mit viel Talent gesegnet, aber zu unsicher, es wirklich zu gebrauchen. Mit Eltern, denen sie gleichgültig zu sein scheint. Die ihrer Tochter so unentschlossen gegenüberstehen. Das tut weh, das hat sie nicht verdient.

Zum Glück gibt es Cory, den Jungen aus der Nachbarschaft. Die beiden Jugendlichen lernen, sich die Zeit miteinander zu vertreiben. Und dann, eines wunderbaren Tages, schneit die Frauenrechtlerin Faith Frank in Greers Leben: Die elegante, erfahrene, kluge, stilvolle, ältere Frau löst etwas in ihr aus, was zunächst wie eine Schwärmerei anmutet, später aber ihren Weg bestimmen soll. Sie will werden wie Faith. Vorerst. Durch sie, Faith, und später auch mit ihr zusammen im Job, gelingt es der jungen Frau dann auch tatsächlich, endlich so zu werden, wie sie schon immer sein wollte: mutig, schlagfertig und vor allem selbstbewusst.

Leiden auf hohem Niveau

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Das weibliche Prinzip: Roman
EUR 24,00
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Dass dieses Kennenlernen ihr Leben auf den Kopf stellen, sie alles, auch ihre Beziehung zu Cory, der mit seinem eigenen Schicksal zu kämpfen hat, in Frage stellen wird, versteht sich von selbst. Großartig, dass bei Wolitzers Figuren immer Brüche vorhanden sind: die Familien sind nicht perfekt, es ist absolut nicht der amerikanische Traum, der gelebt wird, und doch ist es der amerikanische Traum, der angestrebt wird. Die Figuren sind nicht durchweg Helden, sie sind nicht immer nur sympathisch und machen bei weitem nicht alles richtig, sie haben auch schlechte Eigenschaften, sie sind nicht strahlend schön in einem amerikanischen Tommy-Hilfiger- oder Ralph-Lauren-Sinne, sie sind nicht immer nur gut, sondern auch mal nachvollziehbar eitel, neidisch oder schlecht drauf. Sie haben Schwächen und sie können gemein sein. In all ihrer Größe sind sie an einigen Stellen auch klein - sie sind wie du und ich. Und das ist die Qualität der Erzählungen der Meg Wolitzer.

In ihrem großartigen Roman "Die Interessanten" aus dem Jahr 2013 durfte der Leser durchaus das Gefühl haben, mit den Figuren befreundet zu sein, ihnen nahe zu sein. In "Das weibliche Prinzip" bleibt immer eine gewisse Distanz. Das ist nichts Schlechtes, es ist nur anders als erwartet. Und auch das ist ja nichts Schlechtes. Die Charaktere entpuppen sich in der Mitte des Buches als weitaus komplexer und zauberhafter, als anfangs gedacht, um am Ende dann aber leider wieder ein bisschen zu schnell abgehandelt zu werden. Diese Kritik ist - zugegeben - Leiden auf hohem Niveau, denn Wolitzers Buch liest sich noch immer flott, es geht schließlich um die großen Dinge des Lebens - Liebe, Loyalität, Feminismus - und es ist eindeutig ein Turnpager, denn die Autorin schreibt mit Witz und Empathie.

Im Original heißt das Buch "The Female Persuasion", und da "persuasion" sowohl "Überzeugung" als auch "Überzungskraft" bedeutet, ist dies eindeutig der bessere Titel. "Prinzip" ist tatsächlich nicht glücklich gewählt - aber wie gesagt: Leiden auf hohem Niveau.

PS: Es böte sich eine Fortsetzung an.

Quelle: n-tv.de

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