Kino

"Zero Dark Thirty" von Kathryn Bigelow Auf der Jagd nach Osama bin Laden

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Die letzte halbe Stunde von "Zero Dark Thirty" gehört den Navy SEALs, die Jagd auf Osama bin Laden machen.

(Foto: dpa)

Das Ende des Films ist nicht überraschend, schließlich geht es in "Zero Dark Thirty" um die Jagd nach Osama bin Laden. Bis die Navy SEALs jedoch eingreifen, muss sich CIA-Agentin Maya gedulden. Der Film bietet dabei einen interessanten Einblick in den Kampf gegen den Terror - inklusive umstrittener Folterszenen -, offenbart aber auch Längen.

"I'm the motherfucker who found this place." Zu lange hat Maya (Jessica Chastain) auf diesen Moment gewartet, als dass sie sich jetzt noch zurückhalten würde. Selbst in Anwesenheit des CIA-Chefs. Ja, sie hat diesen Ort gefunden, dieses Haus mitten in Pakistan. Und nun will Maya auch Al-Kaida-Chef Osama bin Laden fassen, den sie dort vermutet. Sie will ihren Triumph.

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Jessica Chastain spielt CIA-Agentin Maya.

(Foto: AP)

Fast zehn Jahre sind da seit den Anschlägen vom 11. September 2001 vergangen. So lange hat es gedauert, bis die junge CIA- Agentin eine Spur gefunden hat, die bis an die Spitze von Al-Kaida reicht, bis hin zu bin Laden. An Maya sind diese Jahre nicht spurlos vorbeigegangen. Sie musste sich durch Aktenberge arbeiten, unzählige Rückschläge einstecken, wurde von Vorgesetzten zurückgepfiffen und stieß immer wieder auf Sackgassen. Nur knapp überlebte sie einen Bombenanschlag und den gezielten Angriff bewaffneter Männer. Ihre Unschuld hat sie dabei abgelegt.

Was auch an den Methoden der CIA-Agenten liegt. Als Maya 2003 von Washington nach Pakistan versetzt wird, erlebt sie das hautnah. Gleich zu Beginn von "Zero Dark Thirty", dem neuen Film von Kathryn Bigelow, wird in einer fast halbstündigen Szene ein Gefangener von mehreren Agenten gefoltert, um ihm Informationen über einen geplanten Anschlag zu entlocken. Er hängt wehrlos an zwei Seilen, wird geschlagen, mit Waterboarding gefoltert, lauter Musik ausgesetzt und schließlich wird er in eine kleine Kiste gesperrt. Das wird sehr explizit dargestellt und ist hart an der Grenze des Erträglichen.

Kontroverse um Folterszene

Szenen wie diese haben dem Film in den USA bereits im Vorfeld scharfe Kritik eingebracht. Bigelow wurde vorgeworfen, sie mache geradezu Werbung für die Foltermethoden während der Bush-Jahre. Mehrere Senatoren, darunter der ehemalige republikanische Präsidentschaftsbewerber John McCain, machten zudem klar, dass die Folter von Gefangenen eben nicht zu bin Ladens Versteck geführt habe.

Allerdings behauptet Bigelow das auch nicht. Sie stellt vielmehr dar, was passiert ist: Dass im Krieg gegen den Terror Gefangene - teils in Geheimgefängnissen in Europa - brutal gefoltert wurden, ist unbestritten. Ob die eingangs gezeigte Folter tatsächlich Informationen zu bin Ladens Versteck gebracht hat, bleibt dagegen unklar. So wie vieles in diesem Film. Denn die Jagd nach bin Laden war eben kein packender Thriller mit Spannungsbogen. Es war eine mühselige Jagd nach Namen und Verbindungen, die sich über Jahre hinzog und von Rückschlägen wie auch Ränkespielen innerhalb der CIA überschattet wurde.

Im Film wird das überzeugend dargestellt. Da sitzt Maya immer wieder unter Neonlicht hinter ihrem Schreibtisch in der US-Botschaft in Islamabad, ganz am Ende eines unaufgeräumten Büros. Dort wälzt sie Akten, verfolgt Operationen oder quält sich mit der Computertechnik herum. Glamourös ist das nicht, aber real. Der Zuschauer droht dabei allerdings hin und wieder, den Überblick zu verlieren, um welche Spur es gerade genau geht. Dazu tragen auch die Sprünge über mehrere Jahre bei. Der Film offenbart hier durchaus Längen.

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Kathryn Bigelow (l.) und Mark Boal (2.v.l.) bei den staubigen Dreharbeiten in Jordanien.

(Foto: Universal Pictures Germany)

Zu der realistischen Darstellung gehört auch, dass die Behörden irgendwann das Interesse an bin Laden zu verlieren scheinen. Ihnen ist die Verhinderung weiterer Anschläge in den USA wichtiger. Doch Maya lässt nicht locker. Je länger ihre Suche nach dem Topterroristen geht, desto verbissener wird sie. Sie legt ihre Unschuld ab und überschreitet selbst Grenzen. Erst recht, nachdem sie erste Hinweise auf jenes Haus in Abbottabad hat, in dem sie bin Laden vermutet. Immer wieder nervt sie ihren Vorgesetzten, endlich zuzuschlagen.

Als es so weit ist, macht der Streifen eine Wandlung durch: Er wird nach gut zwei Stunden vom psychologischen Drama zum Actionfilm. Statt sich wie bisher auf die Darstellung von Maya zu konzentrieren, kommen nun jene Navy SEALs ins Spiel, die am 2. Mai 2011 die Operation "Neptune's Spear" durchführen und bin Laden töten - der Filmtitel "Zero Dark Thirty" bezieht sich auf den Start der Aktion eine halbe Stunde nach Mitternacht. Was folgt, ist spannendes Actionkino: Eine halbe Stunde lang klebt die Kamera an den Fersen der Spezialeinheit und schafft innerhalb des Hauses eine beklemmende Situation. Dazu trägt auch das grünliche, an Nachtsichtgeräte erinnernde Bild bei.

Gewissenhafte Recherchen

Sowohl diese Operation als auch die zuvor geschilderte lange Suche nach bin Laden haben Regisseurin Bigelow und Drehbuchautor Mark Boal, die beide für ihre Arbeit an "Tödliches Kommando - The Hurt Locker" Oscar-prämiert wurden, gewissenhaft recherchiert. Dabei mussten sie die Arbeiten an dem lange geplanten Film über die Jagd nach bin Laden neu beginnen, als dieser vor eineinhalb Jahren für die Öffentlichkeit überraschend getötet wurde. Zur Recherche gehörten auch Gespräche mit beteiligten Agenten und Navy SEALs, auf deren Aussagen das gesamte Drehbuch basiert. Auch die Figuren haben reale Vorbilder oder stellen zumindest deren Essenz dar.

Das gilt auch für die resolute CIA-Agentin Maya, für deren Darstellung Jessica Chastain bereits mit dem Golden Globe prämiert und - genau wie Film und Drehbuch, aber nicht die Regisseurin - mit einer Oscar-Nominierung bedacht wurde. Tatsächlich ist Chastains Spiel stark. Nur bleibt die Hauptfigur dem Zuschauer seltsam fremd. Zu stilisiert wirkt die Rolle: Die heldenhafte CIA-Agentin als einsame Kämpferin gegen das Böse erinnert an Western, in denen sich ein mutiger Sheriff allein einer Verbrecherbande stellt. Diese Herangehensweise lässt wenig emotionale Tiefe, wenig Schattenseiten bei der Heldin zu. Gerade bei einem so kontroversen Thema wird dies jedoch zum Manko.

Allerdings gelingt "Zero Dark Thirty", den die Macher als Hybrid zwischen Dokumentation und Fiktion verstanden haben wollen, ein aufschlussreicher Blick hinter die Kulissen der CIA. Der Geheimdienst kommt dabei nicht sehr gut weg, und das nicht nur, weil die Folter von Gefangenen permanent moralische Grenzen überschreitet. Offenbart werden auch eitle Machtkämpfe und das Gerangel um Zuständigkeiten, das die eigentlichen Ziele aus dem Blick geraten lässt. Maya steht da oft genug allein auf weiter Flur. Kein Wunder, dass sie ihren Erfolg auskosten will: "I'm the motherfucker who found this place."

Quelle: n-tv.de

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