Kino

"7 Minuten nach Mitternacht" "Die Apokalypse wird schon schiefgehen"

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Es geht um Connors eigene Geschichte.

(Foto: Studiocanal)

Sie werden heulen, versprochen! "Sieben Minuten nach Mitternacht" ist so betörend schön und so schmerzhaft roh, dass Ihnen gar nichts anderes übrig bleibt. Zudem ist diese Buchverfilmung so sehr gelungen, dass der Moment, da die Trauer einen überrollt, gepaart ist mit tiefen Einblicken in das, was die Menschheit zusammenhält: das Geschichtenerzählen. Aber von Anfang an: Connor ist 13 Jahre alt und lebt in einer pittoresken englischen Kleinstadt. Er ist ein Zeichentalent, wird in der Schule heftig gemobbt und kümmert sich um seine krebskranke Mutter. Immer wieder plagt Connor der Albtraum, seine Mutter nicht retten zu können, bis eines Nachts ein riesiges Monster erscheint, das von dem Jungen verlangt, sich der Wahrheit zu stellen. Es erzählt ihm drei Geschichten, die vierte soll Connors eigene sein. "Sieben Minuten nach Mitternacht" ist das erste Buch von Patrick Ness, das fürs Kino adaptiert wurde. Neun Bücher hat der mit Preisen zahlreich bedachte amerikanisch-britische Autor bereits veröffentlicht, die meisten unter dem Label Jugendliteratur. Den internationalen Durchbruch feierte Ness mit der "New World"-Trilogie, einer Dystopie mit jugendlichen Helden, die nun ebenfalls verfilmt wird - mit dem neuen "Spider-Man" Tom Holland und "Star Wars - Episode VII"-Star Daisy Ridley. Vom Aufwand her sei es egal, ob er für Jugendliche oder Erwachsene schreibe, sagt der herrlich smarte, zutiefst menschliche Patrick Ness im Gespräch mit n-tv. Schließlich gehe es immer nur um die Geschichte.

n-tv: Ich habe im Kino eimerweise geheult.

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Apokalypsen beunruhigen ihn nicht: Patrick Ness.

(Foto: imago/Future Image)

Patrick Ness: Weinen ist heilsam.

Wollen Sie heilen?

Ich will echt sein und es wäre für Connors Erfahrung falsch gewesen, wenn es nicht wehtun würde. Ich habe immer gesagt, dass ich kein hübsches Weinen will! Ich wollte hässliches Weinen. Denn so fühlt es sich an.

Haben Sie beim Schreiben hässlich geweint?

Natürlich. Ich finde es arrogant, vom Leser ein Gefühl zu erwarten, das man selbst nicht fühlt. Wenn du über die Wunde lügst, fühlt sich auch die Hoffnung gelogen an.

Warum lügen so viele Menschen?

Weil es einfacher ist? Die Welt ist absolut unbegreiflich und wir erzählen uns Geschichten, um dem Ganzen Sinn zu geben. Natürlich sind das Geschichten zu unseren Gunsten. Weil sie es einfacher machen. Aber einfacher ist nicht immer richtig.

Ist ein Leben mit der ganzen Wahrheit überhaupt möglich?

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Der Autor möchte hässliches Weinen.

(Foto: Studiocanal)

Wahrscheinlich nicht. Aber wenn die Lügen und Geheimnisse dich zerfressen - und darum geht es ja in "Sieben Minuten nach Mitternacht" - dann müssen sie ausgesprochen werden. Sonst verbiegen sie dich.

"Geschichten sind das Gefährlichste auf der Welt", sagt das Monster. In Ihren Büchern geht es immer wieder um die Macht des Geschichtenerzählens. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Lakonisch gesprochen: Aufgrund eines evolutionären Zufalls sind wir uns unserer Sterblichkeit bewusst und das ist ein großes Problem. Ich sage immer, wir haben die Religion erfunden, um unsere Angst vor dem Tod zu erklären. Und die Komödie, um unsere Angst vor dem Leben zu erklären. Dazu werden Geschichten benutzt. Wir wissen nicht, wo wir herkommen, also erfinden wir unsere Herkunft. Und es gibt viele, viele Herkunftsgeschichten.

Aber Narrative sind auch gefährlich. Sie sind ein hervorragendes Mittel der Manipulation.

Deshalb muss man die Geschichte immer infrage stellen: Wer erzählt sie? Zu welchem Zweck erzählt er sie? Der Zweck kann großartig sein, aber wie das Monster sagt: "Der Motivation von Menschen, die töten, sollte immer mit Skepsis begegnet werden."

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Der Hunger nach Wissen ...

(Foto: Studiocanal)

Was ist Ihre Inspiration für Ihre Geschichten?

Wenn ich das wüsste! J.A. Bayona (der Regisseur, Anm.d.Red.) hat etwas sehr Interessantes gesagt: "Fakten sind nur Information. Es sind Geschichten, die uns Wissen vermitteln." Das gefällt mir gut. Also vielleicht ist es mein Hunger nach Wissen. Ich will verstehen, warum wir lieben, warum wir fühlen, warum wir trauern. Und darauf gibt es keine andere Antwort, als eine Geschichte zu erzählen.

Können Sie selbst mit Trauer besser umgehen, nachdem Sie so eindringlich von ihr erzählt haben?

Es ist mehr eine Erforschung denn ein Ergebnis. Schreiben ist für mich nicht therapeutisch. So wie Lesen nur in dem Sinne therapeutisch ist wie alles andere auch. Meine Aufgabe sehe ich darin, Fragen zu stelle. Wie fühlt es sich an? Was ist die Wahrheit? Ich habe keine Antworten. Ich bin kein Prophet. Ich mag keine Propheten. Die besten Kinderbücher, die besten Fantasy- und Science-Fiction-Bücher machen alle das Gleiche: Sie laden den Leser ein: Wer wärst du in dieser Geschichte? Welche Entscheidungen würdest du treffen? Und diese Fragen stelle ich mir selbst auch. Die Frage ist das eigentlich Interessante. Die Antwort ändert sich je nach Alter und Erfahrung.

Wir leben in einer Zeit, in der die alten Narrative, auf die wir uns geeinigt haben, zu bröckeln beginnen. Das macht vielen Menschen Angst.

Es gibt diesen englischen Spruch "Twas ever thus", so war es schon immer. Wir hatten viele gute Jahre, und die Reaktion darauf ist nicht wirklich überraschend. Populismus hatte durch die Jahrhunderte immer wieder Oberwasser. Gerade fühlt es sich anders an, weil es in unsere Lebenszeit fällt, weil Trump all diese Lügen erzählt, und die Leute sagen "Macht nichts!". Aber es gibt einen ungeheuer aktiven Widerstand. Das ist beruhigend.

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Großartige Besetzung: Sigourney Weaver, Liam Neeson und Lewis MacDougall.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Sie sind also eher entspannt?

Ich bin sehr religiös aufgewachsen, unter ziemlich apokalyptischen Bedingungen, deshalb beunruhigen mich Apokalypsen nicht besonders. Ich sorge mich, dass der Ofen kaputtgehen könnte, oder dass ich im Urlaub eine Erkältung kriege. Aber das Ende der Welt, da denke ich "Ach, wird schon schiefgehen." Trump ist Blödsinn, der Brexit ist Blödsinn, die aktuelle britische Regierung ist Blödsinn, aber es gibt immer Hoffnung. Das Pendel schwingt immer wieder zurück. Es ist einfach nur die nächste Geschichte.

Mit Patrick Ness sprach Sophie Albers Ben Chamo

"Sieben Minuten nach Mitternacht" startet am 4. Mai in den deutschen Kinos.

Quelle: ntv.de

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