Kino

Sklaven gefällig? Aber ja! "HERRliche Zeiten" für Oskar Roehler

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Küss die Hand - mehr aber nicht!

imago/APP-Photo

Mit HERRliche Zeiten stellt Regisseur Oskar Roehler, dessen Berufsbezeichnung "Regisseur" gerne mit dem Zusatz "Skandal" versehen wird und der so großartige Filme wie "Jud Süß - Film ohne Gewissen", "Agnes und seine Brüder", "Der alte Affe Angst" oder "Die Unberührbare" in die Kinos gebracht hat, hoch amüsant Fragen nach Schein und Sein, Freiheit, Moral und Menschenrechten. Er stellt den Zuschauer auf einen perfiden und unterhaltsamen Prüfstand - in der Hoffnung, dass der das auch erkennt. "HERRliche  Zeiten" ist ein Film, der an Ironie und Zuspitzung kaum zu übertreffen ist. Der falsch verstanden werden kann - wie so vieles - der aber nicht falsch verstanden werden muss. Der Film ist eine Parabel auf unsere Gesellschaft und wer mag, darf sich darin wiedererkennen. In der Rolle des Herrschers? Oder lieber in der Rolle des Sklaven? Wer sich eher gemäßigt fühlt, darf mit Evi Müller-Todt sympathisieren; wem Geld, Macht und Möglichkeiten leicht zu Kopf steigen, wird sich eher mit Claus Müller-Todt identifizieren. Das fängt bei seiner farbenfrohen, an Sylturlaube in den besten Zeiten erinnernden Garderobe an und endet bei seinem J.R.-Ewing-haften Lachen - diesem Lachen, das nur die lachen, die ihr ganzes Leben zum Lachen finden. "HERRliche Zeiten" ist der Film 2018, den man sich getrost zwei Mal angucken kann - denn wenn einem beim ersten Betrachten an der einen oder anderen Stelle noch das Lachen im Hals stecken bleibt, weiß man beim zweiten Mal, was auf einen zukommt. ntv.de hat mit Oskar Roehler über Kleidung, Kotzbrocken und Koitus gesprochen.

n-tv.de: Dieser Film ist auch ein visueller Leckerbissen und die Kleidung im Film ist gar nicht mal so unwichtig für das ganze Bild: Ihre Frau, Alexandra Fischer Roehler, hat Katja Riemann in herrliche Kaviar-Gauche-Gewänder gehüllt, Sie selbst sind für den Softeis-Softporno-Look von Herrn Masucci zuständig. Was ist guter Stil für Sie?

Oskar Roehler: Naja, das ist der klassische neureiche Landhausstil, nach oben gibt es keine Grenzen, was den schlechten Geschmack betrifft - nehmen Sie schon auf?

Ja …

(lacht) Okay, dann habe ich ja fast unbewusst etwas sehr Richtiges gesagt. Aber Sie wollten wissen, was für mich Stil ist. Ich finde, Gregor Gysi zum Beispiel hat Stil. Der ist so rhetorisch brillant und gebildet, humorvoll und zurückgenommen. Das sind Eigenschaften, die hat man oder hat man nicht, die kann man nur schwer lernen, und das hat Stil.

Und wer oder was ist stillos?

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Roehler (2.v.l.) mit dem ganzen Team.

(Foto: Concorde)

Dieses Wort "performen" zum Beispiel bringt mich zur Weißglut. Sich ständig zu präsentieren, diese Gier nach Anerkennung, diese Geltungsbedürfnis, das ist stillos.

Wie bekommen Sie das denn hin in Ihrem Beruf, in dem man ja immerzu bewertet wird? 

Ach, ich habe ja so viele Rückzugsmöglichkeiten. Ich bin doch nur dann vorne, wenn ihr mich seht (lächelt). Den Rest der Zeit bin ich doch ganz woanders. Stil hat auch viel mit Ethik zu tun und wie man sich an seinem Arbeitsplatz verhält. Das färbt doch alles ab. Diese Atemlosigkeit, auch in vielen Filmen, finde ich stillos. Und was ich gar nicht leiden kann ist, wenn ich mal eine Schauspielerin bei einem Casting von vorne sehen will, wenn ich sie en face und richtig schön eingeleuchtet sehen will, mal anderthalb oder zwei Minuten lang - das gibt's nicht. Oft nur von der Seite. Schnitt, andere Seite, kurze Einstellung, keine Ruhe. Das ist doch stillos! Man hat das Gefühl, die Leute haben jeden Sinn für Schönheit verloren - weil sie jeden Sinn für Ruhe verloren haben. Konzentration und Spannung sind doch aber alles in einem Kinofilm.

Wer sind Ihre Kino-Vorbilder?

Es ist schon immer so bei mir: Ich steh' auf die echten Knaller, auch bei Filmen, ich mag nicht so das Dezente. Ich mag Stanley Kubricks "Clockwork Orange", oder David Lynchs "Blue Velvet", ich verehre die Coen-Brüder.

Was fasziniert Sie an diesen Idolen?

Ich mag es, wenn es "bigger than life" ist! Ja, denn die permanente Abbildung der Gegenwart ist doch auch langweilig. Oder? Manchmal mache ich Filmabende, da sehe ich mir meine "Best of Classics" an und stelle fest, dass diese Geschichten immer noch genauso spannend sind. Auch, weil die seit 20 Jahren nicht mehr erzählt wurden.

Wie transportieren Sie das in Ihre heutigen Filme?

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Der Mann, der alles kann: Samuel Finzi (r).

Ich versuche einen Spannungsbogen aufzubauen, logisch, das versucht ja jeder. Aber ich lasse die Kamera oft noch ein bisschen länger auf dem Gesicht als nötig und gucke dann, was da passiert. Ich mag es nicht, die Dinge so ruckzuck abzuhandeln. Die meisten Filme haben keine Konzentration mehr. Man kann viel von alten Filmen lernen. Ich bin gar nicht so ein Gegenwartsfreak, der sich alle Serien anguckt. Ich finde, als Künstler hat man auch die Aufgabe, Referenzen aus einer anderen Zeit zu suchen und sie in die Jetzt-Zeit zu übersetzen. Es gibt so großartige Vorlagen.

Im Film gibt es ein paar geradezu kammerspielartige Momente, in denen man besonders brutal merkt, in welch zweisamer Einsamkeit die Müller-Todts da gefangen sind. Sie gehen zwar arbeiten, treffen hin und wieder andere Menschen, aber es sind nicht ihre Freunde, nicht wirklich. Ein merkwürdiges Leben führen die beiden …

Ich glaube, dass viele Menschen so leben. Es gab doch mal diesen Cocooning-Begriff. Ich glaube an eine Zweiteilung der Menschen: Die eine Hälfte, zum Beispiel wir, die wir in diesen Medienberufen arbeiten, wir gehen fast aggressiv-aktiv da raus. Aber es gibt sicher auch viele, die sehr viel zurückgezogener leben.

Woher kommt das?

Das hat was mit dem Alter zu tun, schätze ich, ein gesellschaftlicher Rückzug hat immer was mit dem Alter zu tun, vor allem, wenn es nicht mehr so läuft (lacht). Ja, dann hat man diesen gewissen Wohlstand erreicht, der eine Form von Wohlstandverwahrlosung auslöst. Ich glaube tatsächlich, dass das bei vielen so ist.

Die Müller-Todts sind aber nicht beide so …

Naja, er ist der Show-Off, er geht nach draußen, er hat einen Porsche und diese bunten Klamotten. Sie ist das Gegenteil. Sie ist klüger als er, sie ist umsichtiger, es nützt ihr aber nichts. Sie ist geradezu blind und will manche Dinge ja gar nicht erkennen.

Sie guckt richtig weg. Sie will seine Blicke nicht sehen, wie er andere Frauen anschaut, zum Beispiel seine sexy Sklaven-Haushälterin Lana ...

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Masucci, Riemann und Roehler - man mag sich.

(Foto: dpa)

Ja, natürlich, die Evi will ihn behalten, sie will ihn einfach lieben. Das ist doch die alte Geschichte von den Männern, die Affären haben.

Welche alte Geschichte genau?

Na, die Geliebte beklagt sich, weil er seine Frau nicht verlässt. Männer bleiben immer bei der Ehefrau (lacht). Man darf nicht unterschätzen, dass Sicherheit einer der wichtigsten Aspekte unseres Lebens ist. Besonders in dieser unsicheren Welt da draußen. Da verzichtet manch einer lieber auf Sex und sagt, okay, Komfort und Sicherheit ist mir wichtiger. Aber mal ehrlich: Wie spricht man denn heute überhaupt noch eine Frau an? Was zieht denn bei den Damen?

Humor und Großzügigkeit gehen immer und der blödeste Spruch vom richtigen Typen zur richtigen Zeit funktioniert manchmal besser als etwas sehr Kluges, wenn nun aber die Chemie nicht stimmt.

Also doofe Sprüche gehen immer noch?

HERRliche Zeiten

Gut situiert und etwas gelangweilt leben die Gartenarchitektin Evi Müller-Todt (Katja Riemann) und ihr Mann Claus (Oliver Masucci), ein Schönheitschirurg, in ihrer gepflegten Villa. Auf der Suche nach einer neuen Haushaltshilfe schaltet Claus in bester Rotweinlaune eine Anzeige: "Sklave/in gesucht". Nicht wenig erstaunt über die Ansammlung kuriosester Gestalten in Lack und Leder vor ihrer Haustür muss Claus feststellen, dass seine Anzeige allzu wörtlich genommen worden ist. Auf Wunsch der schockierten Evi schickt er alle wieder nach Hause. Doch dann stehen plötzlich Bartos (Samuel Finzi) und seine Frau Lana (Lize Feryn) vor der Tür. Gepflegt, gebildet und dienstfertig, sind die beiden bereit, sich freiwillig in ein Herr-Knecht-Verhältnis zu begeben. Die beiden Paare vereinbaren eine Probephase. Nach anfänglichen Schwierigkeiten finden die Müller-Todts zunehmend Gefallen am Verwöhnprogramm ihres neuen Hauspersonals und wähnen sich im Paradies. Doch das Blatt wendet sich! Als sich im Garten immer mehr billige Arbeitskräfte für den von Bartos angeregten Poolbau tummeln, gerät die Situation zunehmend außer Kontrolle. In weiteren Rollen: Andrea Sawatzki, Margarita Broich, Yasin El Harrouk, Jan Henrik Stahlberg und viele andere. Das Drehbuch zu der bissigen Satire stammt von Jan Berger ("Der Medicus"), für die Kamera zeichnet Carl-Friedrich Koschnick ("Quellen des Lebens") verantwortlich. Produziert wurde HERRliche Zeiten von Jutta Müller, Molina Film in Koproduktion mit der Tele München Gruppe, unter Beteiligung von WDR (Barbara Buhl, Götz Schmedes) und Arte (Andreas Schreitmüller). HERRliche Zeiten wurde gefördert durch die Film- und Medienstiftung NRW, DFFF, BKM und Medienboard Berlin Brandenburg.

Der beste Spruch ist vergebens, wenn nicht die richtigen Leute aufeinandertreffen, das ist einfach so, es gibt nicht "die eine Masche".

Männer wollen immer gleich zur Tat schreiten, heißt es.

Das ist ja oft auch nicht verkehrt. Aber ist es nicht traurig, dass sich die von uns bereits zitierten Paare heute eher mit einem Überangebot an Aktivitäten zudröhnen, als mal einen Nachmittag auf der Couch zu verbringen - also nicht vor dem Fernseher, meine ich, sondern die sollen sich miteinander beschäftigen.

Dieses Moment haben wir im Film natürlich vollkommen überspitzt und rausgekitzelt. Das ist dieser Infantilitätsfaktor, den Paare oft haben, wenn sie schon lange zusammen sind.

Sie meinen Küsschen mit spitzem Mündchen und ominöse Spitznamen …

(lacht) Ja, wie in unserem Fall Eumelchen und Schwänzchen. Das sagt doch viel über die Sexualität der beiden aus.

Die haben doch gar keine Sexualität …

Nein, die kitzeln sich nur. Aber das ist kein Problemfaktor im Film, das ist einfach Fakt.

Wie die Tatsache, dass Leute wie die Müller-Todts ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass das Leben für sie "nur das Beste" bereitzuhalten habe …

Ja, genau, und das auch noch umsonst. Die meinen, es sei ihr natürliches Recht, Rabatt auf die teure Suite zu bekommen, nur weil sie "wichtig" sind. Oder diese Leute, die tatsächlich alles gesponsert bekommen. Schrecklich.

Der Schluss des Filmes sagt auch viel über unsere heutige Gesellschaft …

… ja, und ohne zu viel zu verraten: Die Moral siegt nicht immer (lacht)!

Oliver Masucci spielt seine Rolle beängstigend gut. Wo war der bitteschön all die Jahre vorher? Plötzlich - mit "Er ist wieder da" - taucht er auf und er scheint unabkömmlich zu sein.

(lacht) Stimmt, der ist unabkömmlich. Er war eben viel am Theater vorher. Er ist großartig. Viele Pointen sind auf seine Schauspielerarbeit zurückzuführen.

Zum Beispiel sein Lachen? Dieses "Warum machen wir das? Na, weil wir es können"-Lachen? Vor allem im Zusammenspiel mit seinem neuen Freund Mohammed?

Ja, dieses Lachen zieht sich durch den Film. Die sind ja völlig bekifft von der ganzen Absurdität ihres Daseins. Aber der Masucci macht aus allem eine super Szene.

Auch sein Dialekt, das ganz breite Rheinische, potenziert seine Wirkung.

Ja, und da haben wir viel Wert drauf gelegt, dass das nicht vollkommen weggebügelt wurde. Alles wird weggeplättet heutzutage, aber damit tötet man einen Teil einer Persönlichkeit. Da wird die Sprache genauso flach wie die politische Meinungsvielfalt, sie ist nicht mehr zu sehen. Damit nimmt man den Menschen die Möglichkeit zur Identifikation. Man hat uns sogar gebeten, dass wir das mit dem Dialekt lassen.

Wer ist "man"?

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Weil er es kann: Oliver Masucci.

(Foto: Concorde)

Naja, Bedenkenträger (lacht). Aber wir fanden, dass diese Sprache so gut zu dieser neureichen Figur des Claus Müller-Todt passte, also haben wir es so gelassen.

Wie sind Sie denn als Regisseur? Geduldig? Aufbrausend?

Meine Hauptregieanweisung war dieses Mal, glaube ich: "Lachen, lachen, lachen. Immer weiter lachen, bitte, mehr lachen."

Machen wir mal einen kurzen Abstecher: Für den Sender Tele5 moderieren Sie als Skandalfilmexperte eine neue Reihe mit Skandalfilmen wie "Natural Born Killers" (1994). Was ist heute eigentlich noch skandalös?

Gute Frage. Alle Skandalfilme waren morbide, dekadent, zynisch und morbid, auf eine geile Art. Man hat sich dazu bekannt, es war ein Lebensstil. Bei Marco Ferreri in "Das große Fressen", da fraß man sich, da furzte man sich, da vögelte man sich zu Tode. Und dann lag man tot im Garten, verweste und die Hunde fraßen einen auf (lacht). Das war das Porträt einer bourgeoisen Gesellschaft, angefertigt von einem Mitglied der Bourgeoisie. Sie konnten diese Filme machen, weil sie dieses Leben selbst so gut kannten. Nur Typen wie Ferreri oder Bertolucci oder Visconti konnten diese Filme ohne Moral drehen, sie wussten, dass das Leben keinen Sinn hat, nur sie hatten diesen Zynismus.

Das lässt dann ja tief blicken, wenn Sie nun den Titel "Skandalregisseur" tragen …

Ich wüsste wirklich gerne mal, was wäre, wenn man "American Psycho" heute verfilmen würde …

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Mir reichten da schon meine eigenen Bilder im Kopf beim Lesen.

Also, man könnte das noch mehr auf die Spitze treiben, da sind ja eine Menge Vorlagen drin …

... die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen.

Die Verfilmung von Mary Harron gefällt mir gar nicht, das war langweilig und öde. Ich würde den gerne nochmal drehen. Mit Tom Cruise (lacht).

Welches Eisen haben Sie denn gerade im Feuer?

Fürs Schreiben ist mir gerade die Puste ausgegangen, muss ich gestehen, das ist wirklich anstrengend. Aber ich werde meinen Roman ("Selbstverfickung") verfilmen. Und ich mache einen Fassbinder-Film, mit Lars Eidinger.

Haben Sie auch schon mal darüber nachgedacht, dass so ein "Sklave" im eigenen Haushalt ganz praktisch wäre?

Natürlich. Steht in meinem Roman (lacht). Mit Fantasie-Uniform und Rolls Royce und allem. Ich würde das aber eher als Show betrachten. Die Zeichen stehen momentan ja aber eher auf Understatement und Political Correctness. Deswegen würde ich meinen Sklaven auf jeden Fall gut bezahlen (lacht).

Mit Oskar Roehler sprach Sabine Oelmann

"HERRLiche Zeiten" startet am 3. Mai in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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