Kino

"Wir töten Stella" Hundert ungelebte Leben

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Guckt zu, spricht viel aus dem Off, ist ganz da: Martina Gedeck.

dpa

"Wir töten Stella" ist das Prequel zu "Die Wand" - wieder gelingt Julian Roman Pölsler eine überzeugende Verfilmung, in der er sehr elegant den Bogen zu "Die Wand" spannt. In "Wir töten Stella" glänzt auch erneut eine phänomenale Martina Gedeck in der Hauptrolle als "Gefangene im Goldenen Käfig". Neben Martina Gedeck als Anna brillieren Matthias Brandt als Ehemann Richard und in der Rolle der Stella Mala Emde. Stella, unerfahren und jung, geht ahnungslos ihrem Untergang entgegen. Richard verführt sie, seine Ehefrau beobachtet die Affäre mit kühlem Blick. So wird Stella das Opfer einer kaputten, bürgerlichen Familienidylle, die mit allen Mitteln aufrechterhalten werden soll. Annas Niederschrift der eigenen Mitschuld ist die beklemmende Bestandsaufnahme einer einsamen Heldin, Ehefrau und Mutter. Die Novelle von Marlene Haushofer galt lange Zeit als unverfilmbar. Doch Julian Roman Pölslers glückt es, zu zeigen, wie die innere Befindlichkeit zur äußeren Bedrohung wird. Mit n-tv.de sprachen die beiden Hauptdarsteller Martina Gedeck und Matthias Brandt über die Verrohung, Angreifbarkeit und Komplexität von Familien und warum manche Leute so ticken, wie sie nunmal ticken.

n-tv.de: Es ist gar nicht so einfach, Anna zu verstehen. Warum geht sie nicht? Warum kauft sie der Geliebten ihres Mannes, die unter ihrem Dach wohnt, noch schöne Kleider, warum interessiert sie sich überhaupt für sie?

Martina Gedeck: Wenn man eine kalte Beziehung führt - und es gibt ja nicht wenige Menschen, die eine solche Beziehung führen, die einfach nur noch Routine ist - dann gesteht man sich vielleicht nicht ein, dass man den anderen so oder so verloren hat. Die Beziehung von Richard und Anna steht ja für die Beziehung der Autorin Marlen Haushofer, die am Anfang sehr verliebt war in ihren Mann und die zwei Kinder mit ihm bekam; und zu dem Zeitpunkt, zu dem die Geschichte spielt, die ja ihre eigene ist, sind die beiden wohl so 20 Jahre verheiratet.

Was ist da passiert?

MG: Die beiden haben sich verloren. Das kann vorkommen. Und da wir dieser Frau, dieser Anna, nun so genau zuschauen, wie man einem Menschen normalerweise ja nicht zuschaut, fällt einem da ganz vieles natürlich als sehr unangenehm auf. Wir befinden uns in einer besonderen Situation: Sie reflektiert über sich selbst und die Fehler, die sie gemacht hat. Indem sie stillgehalten hat und nichts gesagt hat. Der Moment ist ja der Kulminationspunkt des Film, auch des Romans, wo sie am Fenster steht und sagt: "Ich muss mit meinem Mann sprechen, ich muss ihn konfrontieren", aber letztendlich fragt sie sich, was sie davon hat. Das, was Stella jetzt erlebt, das wird sie sowieso erleben, und unterm Strich ist die Familie zerstört. Sie fragt sich, wer weiß, was passiert, die Kinder kriegen es mit, mein Sohn wird mich verlassen, und nach langer nächtlicher Überlegung kommt sie dazu dem Schluss, besser nichts zu sagen.

Aber es passiert trotzdem genau so …

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Versteckt sich hinter Zeitung und Machohaftigkeit: Matthias Brandt alias Richard.

(Foto: dpa)

MG: Ja, aber das kann sie ja vorher nicht wissen. Und das ist eine Entscheidung, die sie gefällt hat, weil sie das verhindern möchte. Und dass der Sohn das alles mitkriegt und sowieso weiß, davon ahnt sie ja nichts. Und dann kommt es zu der Katastrophe; deswegen treibt sie ja auch auf den Abgrund zu und weiß nicht, wie es weitergehen soll.

Herr Brandt, Martina Gedeck ist fast nur in Großaufnahmen zu sehen und ganz ruhig, langsam erkunden wir die Person Anna. Sie dagegen sind fast immer hinter der Zeitung. Im Gehen. Flüchtig. Schön, dass ich Sie jetzt mal im Ganzen sehe …

Matthias Brandt: Ich habe mich nicht mit Absicht vor Ihnen versteckt.

In "Wir töten Stella" sehen wir die Demontage einer Familie, wie frustrierend.

MB: Das ist nun mal eine düstere Geschichte.

Warum wird eine Person wie der Richard, den Sie darstellen, dennoch von Frauen attraktiv gefunden, was meinen Sie? Die Ehefrau bleibt aus den typischen Gründen - Haus, Familie, Geld -, die junge Frau findet ihn begehrenswert …

MB: Ich weiß nicht, warum ausgerechnet ich das beantworten sollte. Allerdings habe ich mir beim Lesen diese Frage auch gestellt: "Was finden die an dem?" Was die Attraktion eines solchen Kotzbrockens ausmacht, ist nicht leicht zu sagen. Aber vielleicht muss man das auch gar nicht. An dem Film ist natürlich toll, dass er diese Frage aufwirft. Überhaupt hinterlässt der Film viele Fragen … 

 … sehr viele …

MB: ... und das ist eine Art des Erzählens, die mir liegt und gefällt.

Die Art, etwas so ruhig anzugehen?

MB: Keine Eindeutigkeiten zu haben. Im Film nicht klüger zu sein als im Leben. Deswegen gefällt mir so eine Frage, die nicht beantwortet wird.

Es ist ja okay, auch mal eine Frage nicht zu beantworten.

MB: Menschliche Beziehungen sind, wie wir wissen, höchst kompliziert. Und bei einer solchen Abhängigkeitsbeziehung ist es so, dass man sich fragt: Warum löst die eine Seite, die darunter zu leiden hat, die Sache nicht auf? Aber wenn es darauf eine einfache Antwort gäbe, dann gäbe es ja weniger dieser verkorksten Beziehungen.

Wir wissen, dass die Geschichte weitergeht, Frau Gedeck ….

MG: Richtig, denn "Die Wand" ist ja die Fortsetzung von "Wir töten Stella". Als ich "Die Wand" gespielt habe, da habe ich mich natürlich gefragt damals, was war vorher, was ist die Grundlage - ohne die Beziehung zu "Wir töten Stella" herzustellen. Aber nach langen Überlegungen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass diese Frau ein immenses Schuldgefühl hat. Ich dachte damals bei den Dreharbeiten, dass sie eine traumatisierte Mörderin ist.

Dann war es aber doch anders …

Martina Gedeck

Menschliche Beziehungen sind kompliziert ...

(Foto: Rainer Jensen/dpa)

MG: Ja, dann kam Julian Pölsler um die Ecke mit dem Drehbuch und mir wurde alles ganz klar (lacht). Die Figur der Anna ist ja eine tief empfindende Frau, die aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur nicht in der Lage war, anders zu handeln, und es gibt sehr viele Menschen die so reagieren würden in der Situation, da sie sich schuldig gemacht hat am Tode dieses Mädchens. Und sich deswegen auf ihre eigene Art aus der Beziehung herauszieht. In natura ist es ja so, dass die beiden sich haben scheiden lassen. Ist schon klar, dass man so nicht sein möchte, das heißt nun aber nicht, dass es solche Personen nicht gibt (lacht).

Dann lieber eine Pseudo-Idylle, Herr Brandt?

MB: Wenn Sie mich fragen, nicht. Aber es geht ja nicht darum, wie ich es gerne hätte.

Der Film raubt einem schon an manchen Stellen den Atem - vor Kälte. Man fragt sich: Warum sind die eigentlich noch zusammen? Und wie sind die überhaupt zusammengekommen? Haben die mal miteinander gelacht?

MB: Ich befürchte tatsächlich, dass es von diesen Beziehungs-Konstrukten doch relativ viele gibt (lacht). Die Personen im Film sind ja nicht real, aber sie sind nicht aus der Luft gegriffen.

Was glauben Sie, warum ist diese Familien-Struktur heute noch immer ein Modell? Wo Frauen doch nicht mehr von ihren Männern abhängig sind, es egaler geworden ist, was die Nachbarn sagen …

MB: Ich glaube, dass diese Menschen das vor allem für sich selbst machen. Man kann ja über eine relativ lange Zeit Substanz - auch emotionale Substanz - durch Struktur ersetzen. Das ist der Mechanismus, denke ich. Je stabiler und betonierter so ein Rahmen ist, den man sich errichtet, desto länger dauert es, bis offenkundig wird, dass dieser Rahmen inhaltslos ist. Je entkernter der Mensch, und je entkernter die emotionalen Beziehungen zwischen Menschen sind, desto stabiler muss das Gerüst sein, das um sie herum steht. Und dann tut man so, als sei dieses Gerüst auch der Inhalt.

Anna hat ihren Mann verloren, auch ihr Sohn hat sich von ihr gelöst, sie hat sich aber auch selbst verloren. Frau Gedeck, es tut weh, ihr dabei zuzusehen.

MG: Ja, das stimmt, es tut weh. Das Schreiben ist ihr Rettungsanker. Das ist für die Autorin Haushofer so und das gilt ebenso für Anna. Das Schreiben ist ihre Therapie, das rettet sie. Das sieht man auch in "Die Wand" ganz deutlich. Dort versucht sie zu reflektieren und sich aus dem Trauma herauszuziehen.    

Da Sie die Anna ja schon einmal gespielt haben, ist es Ihnen dadurch leichtergefallen, sich dieses Mal auf sie einzulassen?

MG: Schon, aber jetzt die Anna zu spielen, fand ich schwieriger, komplexer, weil sie ja immer mehr in den Abgrund reingeht. Sie fängt recht unversehrt an, als leicht gelangweilte Anwaltsgattin, sie hat ihren Bereich, ihre Illustrationen, ihren Sohn, den sie zum Abitur führen will, mit der kleinen Tochter hat sie nicht so viel zu tun, sie hat, oberflächlich betrachtet, ein funktionierendes, für viele normales Familienleben. Und dann begibt sie sich in diesen Tunnel. Bei der Wand war es andersherum: Da kam sie versteinert an und dann wurde sie immer lebendiger, weil sie sich der Natur geöffnet hat. Das heißt, man atmet. In "Wir töten Stella" sind wir in der Klaustrophobie des Hauses gefangen. In der Klaustrophobie dieser Ehe ist sie festgefahren, ihr Sohn trägt permanent Kopfhörer, das heißt, dort ist sie auch vor einer Art Wand, ihre 10-jährige Tochter ist ihr fremd, sie kann nicht viel mit ihr anfangen - kurz gesagt: ein entsetzlicher Mikrokosmos. Das ist natürlich auch beim Spielen nicht ganz ohne. Und beklemmender für mich als die Figur in "Die Wand". Anna ist für ihre Familie ein Objekt, sie wissen nichts von ihr und auch wir sehen ihr staunend zu. Man merkt, dass sie leidet.

Martina Gedeck 2016 bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises in Berlin. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert

Martina Gedeck wollte eine Täterin, kein Opfer spielen.

(Foto: dpa)

Wo fühlen Sie sich mehr hingezogen?

MG: Bei "Die Wand" haben wir in den Bergen gedreht, da hat sich für mich persönlich auch eine ganz neue Welt aufgetan durch die Natur. Aber ich war sehr isoliert. Bei "Stella" nun war es schön, mit den Kollegen zu drehen. Den Stoff mit ihnen und dem Regisseur zu entwickeln. Wir hatten ein wunderbares Vertrauensverhältnis. Und ich konnte an der Figur feilen, ich wollte, dass sie eine Täterin, kein Opfer ist, ich wollte, dass man sieht, dass sie das alles bewusst durchzieht. Sie ist ja durchaus aktiv dabei und der Film heißt ja auch "Wir töten Stella" und nicht "Ich töte Stella". Ihre Brutalität ist genauso stark wie die von ihrem Sohn und die von ihrem Mann, das nimmt sich nichts. Das alles zu zeigen, vor allem mit Matthias Brandt, mit dem ich ja sehr gern zusammen spiele, das fand ich das große Glück.

Herr Brandt, wie haben Sie sich in den Richard hineinversetzt?

MB: Der ist mir total fremd, ich habe mit dem überhaupt nichts gemein. Aber ich muss keine persönliche Nähe zu meiner Rolle aufbauen, um sie zu spielen. Das muss mir nur irgendwie einleuchten. Und in diesem Fall gab es gewisse Parameter, die ich interessant fand, denn es handelt sich offenkundig um einen Soziopathen. Diese totale Empathiefreiheit Richards war eine interessante Herausforderung.

Empathiefreiheit trifft es.

MB: Und solche Menschen gibt es, befürchte ich, öfter als wir denken. Daraus ergibt sich im negativen Sinne ja auch eine große Freiheit für diesen Menschen. Er muss keine Rücksicht nehmen. Das war mein Fixpunkt, den mir das Drehbuch vorgegeben hat. Dann habe ich versucht, mich als Schauspieler dazu ins Verhältnis zu setzen. Wenn ich das im Ergebnis sehe, dann sehe ich einen ziemlich schrecklichen Kerl. Und das war, glaube ich, meine Aufgabenstellung.

Matthias Brandt

"Solche Typen" gibt es noch immer, glaubt Matthias Brandt ...

(Foto: dpa)

Gab es solche Typen schon immer oder ist das ein Ausdruck unserer Zeit, so ohne jegliches Mitgefühl durchs Leben zu gehen?

MB: Ich denke, solche Typen gab es schon immer. Ich war beim Lesen des Buches aber schon der Ansicht, dass das sehr verortet ist in der Zeit, in der das Buch geschrieben wurde, nämlich in den 1950er-Jahren. Ich war dann erstaunt,  wie gut sich das in die jetzige Zeit transportieren ließ. Dadurch ist eine ganz interessante Spannung entstanden. Auch dadurch, wie Anna spricht, das ist ja eine Kunstsprache. Und dem Richard, also der Figur des Mannes, dem merkt man schon an, dass er aus einer noch patriarchalisch geprägteren Zeit stammt. Aber solche Typen gibt es sicher noch immer, das sind auch Verhaltensmuster, die seit Jahrhunderten erlernt sind. Die verschwinden ja nicht auf Beschluss.

Frau Gedeck, die Langsamkeit des Films potenziert das ganze Ausmaß nochmal. Und die sehr nahen Kameraaufnahmen, das ist mutig.

MG: Was meinen Sie mit mutig?

Dass man sich als Schauspieler sehr in die Karten gucken lässt, in die Seele, durch die Augen …

MG: Ja, aber das ist doch mein Job als Schauspielerin. Das ist mein täglich Brot. 

Da entsteht große Nähe. Auch weil nicht so viel Drumherum ist, keine Landschaft, oft nur das Haus …

MG: Julian Pölsler benutzt tatsächlich die Landschaft des Gesichts, das stimmt schon. Er will, dass man sieht, was mit der Frau los ist, es gibt keine Ausweichmanöver, da heißt es "Butter bei die Fische".

Gerade aber weil es so intensiv ist - wie leicht kann man so eine Rolle wieder abbauen?

MG: In der Zeit des Drehs bin ich sehr konzentriert. Ich geh' dann wenig aus. Das ist eine große Konzentrationsarbeit. Am Abend ist man dann erledigt, ich will da meine Ruhe. Der Dreh hat so vier, fünf Wochen gedauert, die habe ich fast klösterlich zugebracht (lacht).

Für so eine Rolle muss es einem gut gehen, oder?

MG: Ja. Und eine gute Vorbereitung ist wichtig. Dann überrollt das Schicksal dieser Anna mich als Martina Gedeck persönlich auch nicht. Ich kann das inhaltlich trennen, sagen wir mal so, und wenn wir das im Kasten haben, dann ist es auch okay für mich. 

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Wenn Papa mit seinem Liebchen davonbraust ...

(Foto: dpa)

Was war das Härteste am Dreh, was noch in Ihnen nachklingt?

MG: Ich würde sagen, das ist die Trägheit des Herzen, das ist das Thema des Films, denke ich. Das ist ja die schlimmste der sieben Todsünden. Und das ist es auch im Falle Harvey Weinstein, zum Beispiel. Wie wir bisher mit diesen Themen umgegangen sind. Da werden Frauen, hier im Film ein Mädchen, belästigt, sogar vergewaltigt, und es regt sich kaum einer wirklich auf.

Scheint im bittersten Sinne "normal" zu sein …

MG: Ja, auch deswegen ist dieser Film nun hochaktuell, denn endlich passiert etwas, überall. Die eine lässt es sich bieten, die andere sieht es, kriegt es mit, und keine sagt etwas. Das ist gang und gäbe. Die meisten ducken sich weg.

Herr Brandt, es hat sich also nicht so viel verändert in den letzten 50 bis 60 Jahren, denn so alt ist das Buch ja.

MB: Das vermag ich nicht zu beurteilen und doch würde ich das bestreiten. Die Richards sind sicher weniger geworden. Da müssen schon spezielle Voraussetzungen gegeben sein, damit die so prächtig gedeihen können, wie in dieser Geschichte. Es gibt sie sicher nicht mehr so oft wie in den 50er-Jahren. Aber es gibt sie.

Es wird sich an einigen Dingen nichts ändern, es wird immer übergriffige Männer geben, es wird immer Frauen geben, die nichts sagen. Aber es zu wissen und zu schweigen ist das Schlimmste, oder, Frau Gedeck?

MG: Das liegt daran, dass jeder nur seinen Mikrokosmos betrachtet. In Annas Falls ist es die Angst davor, dass ihre Ehe ihr um die Ohren fliegt, dass sie geschieden wird, dass sie aus dem Haus raus muss. Und so geht es nicht nur Filmfiguren, sondern auch realen Menschen. Der Film führt uns vor, wie es zu diesen Situationen kommt, Abhängigkeiten und so weiter, da rutscht man nicht rein, da geht man oft sehenden Auges hinein.

Wird sich in Deutschlands Filmszene etwas ändern?

MG: So eine Figur wie Harvey Weinstein ist mir hierzulande nicht bekannt. Aber ich hoffe, es wird in Zukunft mehr darauf geachtet werden, dass es Gleichberechtigung gibt, was den Verdienst angeht. Oder dass Frauen als Regisseure nicht mehr so viele Probleme haben, ihre Filme machen zu können. Das ist ein dünn besiedeltes Feld. Aber selbst wenn jetzt junge Menschen Firmen gründen, dann sind da immer noch überwiegend Jungs (lacht), so wie ich das wahrnehme. Es ist ja nicht verwerflich, aber man muss schauen, wer was warum bekommt. Wer kriegt Geld und wie viel? Ins Bewusstsein ist es zumindest gerückt.

Gibt es Frauen, die da Vorreiter sind?

MG: Carolin Kebekus zum Beispiel, die sticht da mitten ins Wespennest, finde ich. Die ist mutig, witzig, auf den Punkt. Und ganz ohne Angst.

Ist eine solche Rolle eigentlich interessanter als die des "netten Kerls"?

MB: Diese Frage stelle ich mir nie. Aber es ist sicher eine Herausforderung, das auszuloten, sich in Bereiche zu begeben, mit denen man sonst nicht so viel zu hat - diese Form der Bösartigkeit praktiziere ich in meinem Leben ja normalerweise nicht (lacht). Für mich ist auch immer wichtig, mit wem ich arbeite. Das hier war eine schöne Arbeit.

Woran lag das vor allem?

MB: An den Kollegen, dem Regisseur. Der Kontext stimmte.

Frau Gedeck, was ist Ihr Tipp für junge Frauen?

MG: Für mich ist die Unterscheidung in Mann und Frau gar nicht so vorhanden, ich sehe auch Männer, die unsicher sind, Frauen die mehr verdienen oder klarer und bestimmter sind. Gründerinnen und auf der anderen Seite Männer, die ewig nicht wissen, was sie wollen. Ich möchte nur, dass man Machtstrukturen nicht missbraucht, egal, ob das Männlein oder Weiblein ist. Manchmal muss es Hierarchien geben, aber da soll es keine Übergriffigkeiten geben und das fängt ja schon damit an, dass man jemanden psychisch fertig macht, dass man jemandem Angst einjagt. Das muss gar nicht sexuell sein.

Herr Brandt, wie angreifbar ist eine Familie eigentlich? Wenn so eine Stella auftaucht?

MB: Von außen betrachtet sind wir ja immer wahnsinnig klug. Aber wir wissen doch, in welchen Verflechtungen wir uns befinden, emotional, seelisch, materiell. Ich glaube allerdings nicht, dass es die Aufgabe dieses Films ist, das zu beantworten. Egal, welche Figur es betrifft. Aber die Fragen sollte man sich eben stellen, das ist natürlich immer interessant und deshalb erzählen wir ja auch Geschichten, im Film, in der Literatur. Denn wir leben unser Leben. Und das heißt immer, dass wir hundert andere Leben nicht leben.

Mit Martina Gedeck und Matthias Brandt sprach Sabine Oelmann.

Der Film "Wir töten Stella" startet am 18. Januar in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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