Kino

"Fucking Berlin" verfilmt Im Puff ist Zeit zum Reden

Eine junge Italienerin kommt zum Studieren nach Berlin. Um sich das auch leisten zu können, arbeitet sie als Prostituierte. Es ist die Geschichte von Sonia Rossi. Mit n-tv.de spricht sie über die Verfilmung ihres Romans "Fucking Berlin".

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"Fucking Berlin" erscheint am 6. Oktober 2016 auf DVD, Blu-Ray und als Video on Demand.

In Deutschland muss sich niemand prostituieren, um sich ein Studium leisten zu können, heißt es. Sonia Rossi sieht das anders. Als junge Frau kam die Italienerin nach Berlin, um Mathematik zu studieren, und ging schließlich anschaffen, um für ihren Lebensunterhalt aufkommen zu können. Vor acht Jahren hat Rossi mit "Fucking Berlin" ein Buch über diese Zeit geschrieben. Heute ist sie 34 Jahre alt und ganz begeistert von der Verfilmung des Stoffes. Mit n-tv.de spricht sie über ihre Ähnlichkeit zu Hauptdarstellerin Svenja Jung, das schlechte Image von Sexarbeit und den Tag, an dem sie ihren Kindern von ihrer Vergangenheit berichten wird.

n-tv.de: Als Ihr Buch "Fucking Berlin" herauskam, haben Sie über Ihren Job in einem Massagesalon gesagt: "So eine nette Arbeitsstelle werde ich nie wieder haben." Wie sehen Sie das heute?

Sonia Rossi: Bezüglich der Kameradschaft zwischen den Frauen stimmt das sicherlich. Und auch bezüglich der Vertrautheit, die wir entwickelt hatten. Ich habe in den vergangenen acht Jahren natürlich Arbeitsstellen gehabt, bei denen ich mich wohlgefühlt habe. Auch das Verhältnis zu den Kollegen war positiv. Jedoch ist in einem Büro der Abstand größer, weil man in der Regel keine intimen Details teilt. Auch gibt es nicht so viel Leerlauf wie im Puff. Daher ist die Zeit, die man zum Reden hat, ohnehin begrenzt. Aber das heißt nicht, dass ich meinen aktuellen Beruf nicht schätze. Im Rotlichtmilieu arbeiten bedeutet nicht nur nett plaudern und lachen. Jeden Tag mit mehreren fremden Männern schlafen zu müssen, ist alles andere als einfach und mit der Zeit seelisch belastend. Daher bin ich froh, dass ich heute etwas anderes mache - auch wenn die Kollegen distanzierter sind.

Nur wenigen Sexarbeiterinnen gelingt der Ausstieg aus dem Milieu. Woran liegt das?

An der Tatsache, dass die meisten Frauen in anderen Berufen nicht annähernd so gut verdienen würden. Und nach vielen Jahren im Milieu ist die Hemmschwelle groß, sich in einem Büro oder in einem Geschäft vorzustellen. Die Szene ist für viele wie eine Familie. Sie können sich, trotz der Schattenseiten, kein anderes Leben mehr vorstellen.

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Sie betonen, sich aus freien Stücken zur Sexarbeit entschieden zu haben. Stört es Sie, dass die meisten Leute mit der Arbeit oft eine Opferrolle assoziieren?

Ja. Deswegen habe ich das Buch geschrieben. Ich wollte zeigen, dass es auch andere Realitäten außer Zwangsprostituierten gibt. Aber das Bild vom armen, missbrauchten Mädchen ist in den Köpfen der Menschen zu verankert. Mir wurde zum Teil nicht geglaubt oder es kam der absurde Vorwurf, Werbung für Prostitution machen zu wollen. Dabei habe ich die Schattenseiten des Milieus nie verheimlicht.

Was halten Sie von gesetzlichen Regelungen wie der Meldepflicht für Prostituierte?

Ich halte davon nicht so viel. Es hört sich alles nett an, aber anmelden würden sich ohnehin nur die Frauen, die den Beruf freiwillig ausüben und die eh schon angemeldet sind. Die steuerliche Meldepflicht existiert ja seit 2007. Diejenigen, die sich illegal in Deutschland aufhalten und zur Prostitution gezwungen werden, erreicht man damit nicht. Hier müsste man auf anderen Ebenen arbeiten, diese Form von Kriminalität an der Wurzel bekämpfen und harte Strafen für Zuhälter durchsetzen.

Und wieso gelingt das nicht?

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Möchte nicht erkannt werden: Sonia Rossi.

Die Polizei hat keine Mittel, um dieses Phänomen wirksam zu bekämpfen. Es bleibt bei gelegentlichen Razzien. Bei denen werden vielleicht ein paar Frauen verhaftet, nach ein paar Stunden werden sie aber wieder freigelassen. Helfen tut man ihnen damit nicht, im Gegenteil. Man stigmatisiert sie. Zwangsprostitution wird nur aufhören, wenn die Ursachen verschwinden. Solange in Osteuropa, in Afrika und in Asien große Teile der Gesellschaft in bitterer Armut und ohne Perspektive leben, wird es immer Frauen geben, die mit der Aussicht auf ein besseres Leben in die Fänge von Verbrechern geraten.

Und was ist mit der Kondompflicht für die Freier? Halten Sie das für eine kluge Maßnahme?

Eine Kondompflicht existiert in jedem seriösen Bordell. Leider gibt es immer schwarze Schafe, die für zusätzliche Einnahmen ihre Gesundheit aufs Spiel setzten. Aber kontrollieren kann man das nicht. Man müsste in jedem Zimmer eine Kamera installieren. Das würde kein Kunde akzeptieren.

Nun wurde Ihre ganz persönliche Geschichte verfilmt. Wie ist das, die eigenen Erinnerungen mit fremden Bildern zu sehen?

Überwältigend. Ich bin sehr stolz auf das ganze Filmteam und auf die Darsteller. Sie haben Tolles geleistet.

Inwieweit waren Sie an den Casting-Entscheidungen beteiligt? Und erkennen Sie sich in Svenja Jungs Sonia wieder?

Ja, ich erkenne mich in ihr wieder. Sie hat die Euphorie und die Naivität meiner ersten Jahre in Berlin perfekt wiedergegeben. Aber an der Casting-Entscheidung war ich nicht beteiligt. Ich arbeite nicht im Filmgeschäft und habe in dieser Hinsicht der Produktionsfirma vertraut.

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Das ist vielleicht nicht die beste Zeit, aber unsere.

Auch im Film ist Ihre Geschichte erzählt, als könnte jede junge Frau mal so eben vom Studenten- über das Partyleben zur Prostitution gelangen ...

Nein, nicht jede partybegeisterte Studentin könnte im Bordell landen. Einfach weil nicht jede Frau bereit ist, sich für Geld auszuziehen oder mit fremden Männern Sex zu haben. Jede hat andere Hemmschwellen bezüglich der eigenen Sexualität.

Könnten Sie sich vorstellen, jemals wieder als Prostituierte zu arbeiten?

Definitiv nein. Dieses Kapitel meines Lebens ist endgültig abgeschlossen.

Sie sind mittlerweile Mutter zweier Kinder. Denken Sie manchmal darüber nach, ob und wenn mit welchen Worten Sie den Kindern irgendwann einmal Ihre Geschichte erzählen werden?

Ich werde ihnen sicherlich davon erzählen. Ich möchte sie ohnehin so erziehen, dass wir frei über Sexualität reden können. Käuflicher Sex kann eine Facette der Sexualität sein, auch wenn viele so tun, als ob diese Realität nicht existieren würde. Aber ich würde nur mit ihnen darüber reden, wenn sie die Umstände verstehen können. Jetzt sicherlich nicht.

Mit Sonia Rossi sprach Anna Meinecke.

"Fucking Berlin" erscheint am 6. Oktober 2016 auf DVD, Blu-Ray und als Video on Demand.

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Quelle: ntv.de