Kino

Geraldine Chaplin und Udo Kier Legenden in "Holy Beasts"

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Geraldine Chaplin - exzentrisch, großartig, anders.

Die alternde Punkdiva Vera kommt nach Santo Domingo, um die Regie bei einem Filmmusical namens "La Fiera Y La Fiesta" zu übernehmen - ein unvollendet gebliebenes Projekt ihres geliebten verstorbenen Freundes Jean-Louis Jorge. Sie wird von zwei weiteren alten Freunden empfangen, dem Produzenten Víctor und dem Kameramann Martín. Das Trio hat die goldenen Jahre ihrer Jugend als Künstlertruppe gemeinsam verbracht. Henry, Veras treuer Choreograf, schließt sich ihnen an. Vorbereitungen und Drehbeginn werden von glamourösen Partys begleitet, aber auch Konflikte und der Tod suchen die Produktion heim. "La Fiera Y La Fiesta" (Holy Beasts) widmet sich dem dominikanischen Filmemacher Jean-Louis Jorge (1947-2000) und setzt seinem sinnlichen und grenzüberschreitenden Œuvre ein filmisches Denkmal. Aber was ist wahr? Was nicht? Sind die Toten wirklich tot und sind die Lebenden tatsächlich - noch - lebendig? Durchdrungen von einer lüstern-tropischen Atmosphäre, ist die siebte Co-Regiearbeit von Laura Amelia Guzmán und Israel Cárdenas eine Art Meditation über das Altern und die Freuden des Fleisches. Über diese Aspekte und vieles mehr konnte n-tv.de mit den beiden Hauptdarstellern glücklicherweise noch ein bisschen ausführlicher sprechen.

n-tv.de: Erzählen Sie doch von Ihrer Zusammenarbeit, bitte …

Udo Kier: Ich liebe es, mit Geraldine zusammen zu arbeiten. Wir haben neben "La Fiera y la Fiesta" gerade einen weiteren Film abgedreht, einen belgischen Film, "The Barefoot Emperor". Was ich besonders an ihr mag, ist natürlich sie als Gesamterscheinung. Aber, und da bin ich ganz ehrlich, als ich Geraldine Chaplin zum ersten Mal umarmt habe, da dachte  ich nur: "Jetzt halte ich die Tochter des großen Charlie in meinen Armen (lacht)."

Geraldine Chaplin: (lacht) Ich bin das natürlich gewöhnt und nehme es niemandem mehr übel. Udo ist aber auch ein unglaublicher Gentleman, ich liebe es, mit ihm zu drehen.

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Hält sie gern in Arm: Kier und Chaplin auf der Berlinale 2019.

(Foto: imago/snapshot)

UK: Wir sind gute Freude. Ich mag vor allem, dass Geraldine kein Botox benutzt, keine Schönheits-OPs hinter sich hat, es handelt sich 100-prozentig um Geraldine Chaplin. Wir sind gleichaltrig. Ich schätze es sehr, dass sie sich dem üblichen Hollywood-Wahnsinn widersetzt. Die Schauspielerinnen haben nichts Natürliches mehr an sich. Wenn man sich heutzutage mit Hollywood-Schauspielerinnen unterhält, dann ist das Einzige, was sich bewegt, deren Mund, der auf- und zugeht.  

Hatte Chaplin einen großen Einfluss auf Sie?

UK: Auf wen denn nicht, bitteschön? (lacht) Wenn ich in einer Komödie einen Kollegen sehe, der Adolf Hitler spielt oder ihn selbst spielen muss, dann muss ich immer an Chaplin denken in "Der große Diktator" - und das ist auch der einzige Weg für mich, wie ich Adolf Hitler spielen kann. Ohne mich jetzt mit Charlie Chaplin vergleichen zu wollen. Es geht nur als Komödie. In einem ernsten Stück würde ich diese Rolle nie übernehmen. Und Sie können sich nicht vorstellen, wie viele ernst gemeinte Nazi-Rollen mir in Los Angeles angeboten werden … ich sage immer Nein.

Geht es Ihnen bei Rollenangeboten mehr um das Drehbuch oder die Rolle?

GC: Ich wusste, dass ich in diesem Fall jetzt mit Laura Amelia Guzmán und Israel Cárdenas zusammenarbeiten werde und die beiden liebe ich einfach. Es ist sehr wichtig für mich, mit welchen Regisseuren ich arbeite, eigentlich ist dies das A Und O für meine Rollenauswahl.

Wen bevorzugen Sie noch?

GC: Robert Altman, mit dem habe ich es geliebt, zusammenzuarbeiten. Alan Rudolph, und natürlich Carlos Saura. Mit dem war ich schließlich mal zusammen (lacht). Und Martin Scorsese - der war nicht einfach. Es war immer toll mit ihm, aber sehr anspruchsvoll. Er hatte einen kleinen Spiegel an der Kamera, damit er sehen kann, was hinter ihm passiert (lacht).  

Sie haben ja auch mit Ihrem Vater gedreht …

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In "Die Gräfin von Hongkong" (1967), dem letzten Film ihres Vaters, spielt Geraldine neben Marlon Brando und Sophia Loren.

(Foto: imago stock&people)

GC: Oh ja, und wir haben es geliebt! Es war eine wunderbare Zeit.

UK: Für mich geht das eine nicht ohne das andere, zuerst ist aber das Drehbuch wichtig. Ich habe Glück: ich habe, zum Beispiel, Lars von Trier getroffen. In der Zwischenzeit haben wir 12 Filme miteinander gedreht und ich bin der Patenonkel seines Kindes. Ich habe mit Fassbinder gedreht, mit Gus van Sant, ich muss nie nachfragen. Es passiert mir einfach, dass ich gefragt werde.

GC: Und noch etwas - man hat ja nicht immer Lust, die Großmutter zu spielen (lacht). Ich meine, ich war schon so oft Großmutter! Da reizt es mich umso mehr, wie in "La Fiera Y La Fiesta" eine Filmemacherin zu sein, die ihre alten Freunde zusammentrommelt. Ich liebe Filme, die Emotionen auslösen.

Sie haben beide gut zu tun …

UK: Ja, und ich bin in dem Alter, in dem ich Preise verliehen bekomme, einfach nur dafür, dass ich da bin (lacht). Oder noch da bin! Oder eben schon lange da war.

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Sie haben eine kleine, aber feine Rolle in der Miniserie "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" …

UK: Ich spiele den Fuchspelzmann, richtig.  Ich bin ein Fotograf, und in einer Szene zum Beispiel sage ich zu einem kleinen Jungen, der vor einem Schaufenster steht, in dem eine elektrische Eisenbahn herumfährt (spricht langsam, hypnotisch): "Na du, magst du elektrische Eisenbahnen? " Und der kleine Junge sagt: "Ja, mag ich!" Und ich: "Soll ich dir eine kaufen?" "Warum solltest du das denn machen?", fragt der kleine Junge. "Weil ich Kinder so gern hab", sag' ich dann (lacht). Oh Gott, ich liebe das.  Aber zurück zu Holy Beasts …

Der eine Aspekt im Film ist der der Vampire - aber der andere, in meinen Augen noch viel vordergründiger, sind die Themen "Freunde" und "Altwerden".

GC: "Altwerden ist nichts für Feiglinge" heißt es doch so salopp. Und ich verrate Ihnen etwas: Es stimmt. Altwerden ist nicht einfach! Und für Frauen ist da immer dieses eine Gegenüber, dem sie sich stellen müssen: Der Spiegel! Ganz ehrlich, alt zu werden ist wie eine verrückte Reise, manchmal wie in "Alice im Wunderland"!

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Der unverwechselbare Blick des Udo Kier ...

Wie meinen Sie das genau?

GC: ES gibt keine Anleitung. Keine Karte, die einem sagt: "Sie befinden sich jetzt hier". Man ist oft etwas verloren. Man geht verloren. Das einzige was man in der Hand hat ist sein Ausweis. Und da steht schwarz auf weiß, wie alt man ist (lacht). Und dann eben der Blick in den unbestechlichen Spiegel. Das ist an manchen Tagen geradezu verstörend, man wird ganz irre! Männer haben vielleicht eine längere Karriere, aber ich denke, für Männer ist es auch hart, alt zu werden …

UK: Bis jetzt habe ich noch keine Probleme. Ich bin gesund, ich kann zwischen den USA und Berlin hin und her fliegen, das ist ja anstrengend für jeden. Aber es geht. Wenn ich Fotos von früher von mir sehe, denke ich aber schon: "Man, hab' ich gut ausgesehen" (lacht), und das ist eindeutig Vergangenheit. Aber das heißt ja nicht, dass ich mich jetzt einschließe und zu Hause bleibe und die Gardinen zuziehe. Ich habe gerade mit Mario Adorf gesprochen, der ist 88, und ich habe zu ihm gesagt: "Wow, wenn ich in deinem Alter noch diese Energie habe, dann bin ich aber froh!"

Gehen Männer mit dem Alter nicht einfach nur anders um?

GC: Wenn sie reich sind, hilft es schon mal sehr (lacht).

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Geraldine Chaplin braucht kein Double ...

Dafür kommen Sie noch mit den Händen an die Füße, wenn Sie sich beugen und sitzen nicht mit einer riesigen Wampe im Pool …

GC: Das war ein Double … Nein, ich scherze, das war natürlich ich. Ich bin noch sehr beweglich. Ich mache viel Yoga. Und das Klima in der Dominikanischen Republik, wo wir gedreht haben, ist sehr günstig.

Ist es leichter für ältere männliche Schauspieler als für ältere weibliche Schauspielerinnen, Rollen zu bekommen?

UK: Das hängt natürlich vollkommen davon ab, wer das ist! Charlotte Rampling hat kein Problem, ebenso Glenn Close. Glaube ich! Für Pamela Anderson ist es sicher schwerer (lacht). Es kommt ein bisschen darauf an, worauf man seine Karriere aufgebaut hat - auf Können oder auf Aussehen.

GC: Ich weiß es nicht. Katharine Hepburn hat echt lange vor der Kamera gestanden! Auf der anderen Seite muss ich Ihnen sagen, dass es nicht einmal wahr ist, dass ältere Leute weiser oder klüger wären als jüngere Leute. Es stimmt einfach nicht! Man ist erfahrener, das ist aber schon alles!

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Schöne Tapete ...

(Foto: imago/ZUMA Press)

Was halten Sie von Schönheits-OPs?

GC: Wie Sie sehen - nichts! (lacht) Ich habe große Angst vor Krankenhäusern. Und außerdem glaube ich, dass ich inzwischen wegen meiner Falten besetzt werde! Und wenn ich einmal anfangen würde, wo sollte ich dann aufhören mit den Verbesserungen?

Im Film sagen Sie, Herr Kier: "Ich mag keine Überraschungen". Wie sieht es im wahren Leben aus, mögen Sie da Überraschungen?

UK: Kommt drauf an - wenn mich jetzt jemand aus dem Hotel führt und mir ein großes Elektro-Auto vor die Nase stellt und sagt: "Hier, für dich!" dann mag ich die Überraschung (lacht). Und eines wollte ich vorhin noch ergänzen: Es gibt keine kleinen Rollen. Jede Rolle ist wichtig, und ich gebe immer alles, selbst, wenn ich nur einmal durch einen Raum gehen soll. Ich sage dann zum Beispiel:  "Schöne Tapete", und daran erinnert sich dann jeder.

Mit Geraldine Chaplin und Udo Kier sprach Sabine Oelmann

"La Fiera Y La Fiesta (Holy Beasts)" hat noch keinen festen Starttermin

Quelle: n-tv.de

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