Kino

"Der große Crash" ist erschreckend aktuell Lehman-Brothers ist überall

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Rückwärts nimmer? Kevin Spacey als zweifelnder Banker.

(Foto: Koch Media)

Die Weltfinanzen straucheln heftig. Zeit für einen Film über die Lehman-Pleite vor drei Jahren. Denn geändert hat sich seitdem wenig. "Der große Crash - Margin Call" zeigt, wie das System funktioniert. Und wie blauäugig, wie dumm diejenigen agieren, die an den Schalthebeln sitzen.

"Lass den Kopf unten und sag nichts." Eine Entlassungswelle rollt durch die Bank, da fällt man besser nicht auf. Man kennt diese Szenen aus "Up in the Air" mit George Clooney. Nur ist die Perspektive hier eine andere. Hier geht es um die Menschen, die mit einem Lächeln und einer Abfindung aus dem Unternehmen gekegelt werden. Risikoanalyst Eric Dale (Stanley Tucci) ist einer von ihnen. Dabei arbeitet er gerade an einem Problem, das schon bald die Weltwirtschaft an den Abgrund führen wird: Seine Bank sitzt auf Unmengen fauler Papiere.

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Nah am Abgrund: Demi Moore spielt die Leiterin des Risikomanagements.

(Foto: Koch Media)

Dale fliegt raus - und sein junger Kollege Peter Sullivan (Zachary Quinto, der den Film auch co-produzierte) übernimmt. Er ist gelernter Raketenkonstrukteur, kann gut mit Zahlen umgehen. Plop-plop zieht er sich die Kopfhörer aus den Ohren, als er die Dimension des Problems am Computermonitor erkennt.

Er informiert den arroganten, zynischen Cheftrader (Paul Bettany), der seinen Chef (Kevin Spacey), der die Konzernführung (u.a. Demi Moore) - die Panik breitet sich auf dem Flur aus, übernimmt weitere Etagen eines dieser New Yorker Wolkenkratzer und endet beim großen Boss (Jeremy Irons gibt den kühlen, zynischen Bankchef), der mit dem Hubschrauber eingeflogen wird. Es beginnt ein Strudel aus Angst, moralischer Ignoranz und kalter Berechnung.

"Erklären sie es wie meinem Golden Retriever"

Es ist eine der Stärken von "Der große Crash - Margin Call", zu zeigen, wie ein Raketenkonstrukteur ein paar Berechnungen durchführt und damit dieses ganze System ins Wanken bringt. Denn Sullivan scheint der einzige zu sein, der den hochkomplexen Bankgeschäften noch folgen kann. Je höher die Position, desto einfacher muss die Erklärung für den Sachverhalt sein - "Erklären sie es wie meinem Golden Retriever", sagt der Bankchef.

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Die Banker wollen nicht die Welt retten, sie wollen ihren Job behalten.

(Foto: Koch Media)

Dies ist die eine Kritik, die der Film aufzeigt. Die andere ist: Nach uns die Sintflut. Denn die Führungsetage der Bank will das Problem weiterreichen, bevor es in den eigenen Bilanzen hängen bleibt. Und so beginnt über Nacht ein Wettlauf gegen die Zeit, der die Figuren an ihre psychischen und physischen Grenzen führt.

Die reale Welt, weitab der blinkenden Monitore, bleibt dabei allerdings weitgehend außen vor. Stattdessen begleitet man die jungen, erfolgreichen Banker mit ihren Anzügen und teuren Autos. Der Film vergibt hier die Chance, zu einem gesellschaftlichen Portrait zu werden, indem er die . Nur eine Putzfrau im Aufzug erinnert daran, welche Auswirkungen die Zahlenspiele auf die Gesellschaft haben werden. Die Reinigungskraft freilich wird ihren Job behalten, während vermeintlich selbstbewusste Banker heulend auf der Toilette sitzen und um ihre Position bangen.

Tränen um den toten Hund

Regisseur J.C. Chandor zeichnet mit seinem Film, der bei der diesjährigen Berlinale im Wettbewerb lief, überzeugend die Stunden vor dem großen Crash nach, wobei natürlich die als Vorbild dient. Das verdankt er vor allem dem Ensemble, das versucht, die Krise zu lösen. Da werden schnell Brüche deutlich, Intrigen, Konkurrenzdenken. Keiner will seinen Job verlieren, jeder will diesen arroganten, geldgeilen Lebensstil weiterleben - egal, ob die Welt um einen herum zugrunde geht.

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Jeremy Irons als Bankchef: Ein kalter, dummer Zyniker.

(Foto: Koch Media)

Kevin Spacey, der in "American Beauty" als Aussteiger glänzte, zeigt hier die andere Seite der Medaille: Er zweifelt an diesem System, an dessen Kurzsichtigkeit und falschen Prioritäten, seinen Job behält er aber. Er braucht das Geld. Und Tränen vergießt er nur um seinen geliebten Hund, der eingeschläfert wird. "Der große Crash" verzichtet dabei auf moralisch hochtrabende Bewertungen.

Der Film dokumentiert mehr, als dass er bewertet - das kann man als Schwäche sehen, muss man aber nicht. Er deckt Strukturen und Abhängigkeiten auf, stellt dar, wie dieses System funktioniert. "Wir reagieren nur", heißt es an einer Stelle. Es ist die Machtlosigkeit gegenüber den Geistern, die man gerufen hat, die hier aufscheint. Gewürzt wird das durch ein paar satirische Spitzen, die von der Realität längst eingeholt wurden. Denn das System läuft weiter. Nach der Krise ist vor der Krise.

Quelle: ntv.de

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