Kino

Es hätte schlimmer kommen können Mario Adorf - Filmlegende voller Würde

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Im Kino kommen wir Mario Adorf wirklich nahe.

(Foto: imago images/Future Image)

Er wird in Erinnerung bleiben. Aber über das, was war, muss man nicht reden mit einem quicklebendigen fast Neunzigjährigen, wenn er noch so viel vor hat wie Mario Adorf. Momentan ist er im Kino zu sehen und wir lernen einen Mann kennen, der vor Energie strahlt.

Seit einigen Tagen läuft die Mario-Adorf-Doku "Es hätte schlimmer kommen können" in den Kinos und stößt auf große Resonanz. Darüber ist der 89-jährige Star des Films selbst ein wenig überrascht - aber auch erfreut. Großes Gedränge herrschte, als er letzte Woche persönlich nach Berlin kam, um den Film im Kant-Kino vorzustellen. Ganz klar, der Mann ist beliebt. Man schaut ihm gern zu, wie er altert und dabei so viel Würde ausstrahlt. Aber Ruhe vor dem Rampenlicht wird ihm immer wichtiger.

n-tv.de: Herr Adorf, Sie machen gerade eine Kino-Tour durch ganz Deutschland für den Film "Es hätte schlimmer kommen können". Ist das in Ihrem Alter nicht ein bisschen viel?

Mario Adorf: Mich strengt es nicht so sehr an wie bei meiner letzten Show "Zugabe", als ich zwei Stunden auf der Bühne stand. Das Reisen macht mir langsam allerdings zu schaffen. Jetzt muss ich im November aber nur noch einmal auf ein Festival in Braunschweig und dann habe ich erst mal wieder Ruhe bis in den Januar.

Woher kommt Ihre ungeheure Willenskraft?

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Mario Adorf ist ausgestattet mit einer ungeheuren Willenskraft.

(Foto: imago images/Photopress Müller)

Der Startpunkt war sehr tief angesetzt: Ich hatte eine schlechte Schulbildung, also was macht man? Keiner wusste, was er werden wollte, oder besser: was er werden konnte. Die Voraussetzungen waren niedrig und man musste sich einfach besser ausrüsten.

Was gehörte dazu?

Worüber nach dem Krieg gar nicht gesprochen wurde, waren die Nazi-Verbrechen. Das wurde in der Schule nicht gelehrt. Man musste sich das selbst erarbeiten, indem man Bücher gelesen oder sich Filme angeschaut hat. Auch die Autoren und Dichter, die der Bücherverbrennung zum Opfer gefallen waren, kannte man nicht. Man hatte also viel nachzuholen, was schwierig war. Das waren die schwierigen Jahre, würde ich sagen und ein bisschen Glück gehörte auch dazu.

Wie meinen Sie das?

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Traumpaar: Mit Hannelore Elsner 1970 in "Die Herren mit der weißen Weste".

(Foto: imago images / United Archives)

In dem Moment, in dem ich mich für meinen Beruf entschieden hatte, ging es zügig weiter - ohne Karriereeinbrüche, Krisen oder Krankheiten. Ab da an war es ein zufriedenstellendes Leben und alles andere als schlimm. (lacht)

Berlin spielte in Ihrer Karriere eine wichtige Rolle. Hatten Sie je überlegt, ganz nach Berlin zu ziehen?

Als ich einen Fuß in Italien hatte, war Berlin dann doch sehr weit weg. Es gab und gibt bis heute nicht die einfache Verbindung nach Berlin. Damals von Rom oder wenn ich im Süden Frankreichs bin, gab es keine Direktflüge nach Berlin. Aber meine Tochter lebt hier in Charlottenburg.

Sie ist ebenfalls Schauspielerin.

Ja, sie spielt viel Theater und hat in dem TV-Mehrteiler "Brecht" kürzlich die Mutter von Bertolt Brecht gespielt. Ich habe auch einen Enkel, der jetzt mit 15 für ein Jahr nach Kanada gegangen ist. Das sind alles Dinge, die ich gerne sehe.

Offiziell wohnen Sie in Paris.

Mein Hauptwohnsitz befindet sich in München. Davor habe ich etwa 40 Jahre hauptsächlich in Italien gewohnt. Von dort bin ich aus verschiedenen Gründen weggegangen. Zum einen lag die italienische Filmindustrie am Boden, zum anderen kam Silvio Berlusconi an die Macht, der die Kultur dann so heruntergefahren hatte, dass ich mir sagte, jetzt langt es mir, und bin nach München gezogen, wegen der Nähe zum Süden und weil ich dort einst meine Karriere angefangen hatte.

Viele Ihrer Wegbegleiter und Kollegen haben sich zurückgezogen oder es gibt sie nicht mehr. Wie geht es Ihnen damit?

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Mit Preisen bereits gut ausgestattet, freut er sich immer noch, wenn ein neuer dazukommt, hier der Herbert-Strate-Preis.

(Foto: imago images/Future Image)

Tja, das ist nun mal so. Die meisten sind tatsächlich weg. Es fing an mit Hansjörg Felmy und Horst Frank. Das ist ein Verlust und man fühlt sich recht allein. Nicht, dass ich mich jetzt einsam fühle, damit habe ich überhaupt keine Probleme, aber man merkt, dass viele schon weg sind. Ich habe viele tolle, berühmte Leute kennengelernt, die heute vergessen sind.

An wen denken Sie da?

Wer kennt heute noch Martin Held, mit dem ich einst gearbeitet habe, oder wer spricht noch von O.E. Hasse? Ein bisschen Ruhm hat man aber noch, so dass einige Filme noch gesehen werden. Aber irgendwann geraten auch die mehr und mehr in Vergessenheit. Aber wie gesagt, mir selbst macht das überhaupt nichts. Ich erlebe das ja dann nicht mehr.

Mit welchem Film würden Sie gern in Erinnerung bleiben?

Da habe ich keinen speziellen Lieblingsfilm. Ich könnte jetzt nicht sagen, "Die Blechtrommel" ist mein Lieblingsfilm, aber sicherlich ist es mein wichtigster Film. Ich sage immer, wenn von meinen über 200 Filmen, die ich gemacht habe, etwa zehn in den nächsten Jahrzehnten noch gezeigt werden, werden darunter vielleicht auch noch "Nachts, wenn der Teufel kam" und "Kir Royal" fallen. Ich schaue mir aber meine alten Filme nicht an. Die sind gemacht, ein Teil von mir und dann ist gut. Ich sehe das locker.

Gerade haben Sie mit Thilo Prückner die Gaunerkomödie "Alte Bande" fürs Fernsehen gedreht.

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Sie waren jung und brauchten das Geld: Adorf mit Gila von Weitershausen.

(Foto: imago/United Archives)

Ja, in den letzten Wochen ist viel passiert. Erstaunlich aber, wie viele Leute der Film "Es hätte schlimmer kommen können" auf den Plan ruft. Und es freut mich, wie viele weitere Filmangebote dadurch bei mir angekommen sind. Drei oder vier große Filme sind darunter und einen davon werde ich vielleicht auch machen. "Alte Bande", eine Ganovenkomödie über drei alte Knastbrüder, kommt im Januar 2020 ins Fernsehen. Für mich waren das 24 Drehtage in fünf Wochen. Ob ich das nochmals mache, muss ich mir inzwischen sehr überlegen. Aber sich sehe das alles locker: Wenn noch eine kleine Rolle kommt, ist das okay, und wenn nicht, ist das auch nicht schlimm.

Mit Mario Adorf sprach Markus Tschiedert 

"Es hätte schlimmer kommen können" läuft seit 7. November im Kino

Quelle: n-tv.de