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Trump, Clinton, Obama Michael Moore rechnet ab

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Er weiß zu polarisieren: Michael Moore.

Midwestern Films LLC / Weltkino Filmverleih GmbH

"Fahrenheit 11/9" hat Michael Moore seinen neuen Film getauft, in Anspielung auf den Tag des Jahres 2016, an dem Donald Trump als neuer US-Präsident feststand. Doch der Streifen ist nicht nur eine Abrechnung mit Trump. Moore knöpft sich das gesamte politische System der USA vor.

Die einen vergöttern ihn, die anderen verachten ihn. Seit Regisseur Michael Moore 2002 mit "Bowling for Columbine" den Durchbruch schaffte, weiß er mit seinen semi-dokumentarischen Filmen zu polarisieren. Schließlich macht Moore aus seiner eigenen Meinung in seinen Streifen keinen Hehl. Und insbesondere in konservativen Kreisen stößt er damit auf Ablehnung.

Als Moore ankündigte, nun mit "Fahrenheit 11/9" einen Blick auf die USA im Schatten der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten zu werfen, dürfte die Stoßrichtung des Streifens für viele schon ausgemachte Sache gewesen sein. Auch das Filmplakat, auf dem zu sehen ist, wie eine Trump-Karikatur der Freiheitsstatue einen rechten Haken verpasst, lässt erahnen: Moore zieht dem "POTUS" in seinem neuen Werk mal so richtig eine über.

Inzest und Rassismus

Doch der Eindruck täuscht. Ja, Trump bekommt natürlich ordentlich sein Fett weg. Egal, ob er mit Sabber in den Mundwinkeln gezeigt, in die Nähe des Inzests mit seiner Tochter Ivanka gerückt oder als "überzeugter Rassist" gebrandmarkt wird. Doch Moore ist nicht so dumm oder blauäugig, sich in "Fahrenheit 11/9" zu einseitigem Trump-Bashing hinreißen zu lassen. Moore basht stattdessen gleich mal das ganze politische System.

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"Pow!": Filmplakat zu "Fahrenheit 11/9".

(Foto: Weltkino Filmverleih GmbH)

Dabei lässt er auch an den Demokraten, Hillary Clinton und sogar Barack Obama kein gutes Haar. Denn, da ist sich der Regisseur sicher: Sie haben den Präsidenten Trump erst möglich gemacht. Oder um es mit einem Filmzitat zu sagen: "Präsident Obamas schlimmste Tat war, Donald Trump den Weg zu ebnen."

Moore hält den Demokraten Betrug bei den Wahlen ihres Präsidentschaftskandidaten zu Lasten des - von ihm zweifellos favorisierten - Linksauslegers Bernie Sanders und zu Gunsten Hillary Clintons vor. Er bringt die Gelder, die von der Investmentbank Goldman Sachs an Clinton und Obama flossen, aufs Tapet. Ja, er geht sogar so weit, Barack Obama zum Verräter an seiner ureigenen Klientel, der verarmten schwarzen Bevölkerung, zu stempeln.

Mit dem Trump-Clan auf Tuchfühlung

Ein kluger Schachzug des Regisseurs ist es auch, gleich ziemlich zu Beginn des Films erst einmal mit seinen eigenen Beziehungen zum Trump-Clan aufzuräumen. Sei es sein gemeinsamer Talkshow-Auftritt mit Trump vor 20 Jahren, bei dem beide eher miteinander scherzten als sich in die Wolle zu kriegen. Seien es vertraut wirkende Aufnahmen mit Ivanka Trumps Mann Jared Kushner, der 2007 die Premierenfeier für Moores Film "Sicko" schmiss. Oder sei es gar seine Verbindung zum mittlerweile gefeuerten Ex-Chefideologen des Präsidenten, Steve Bannon, dessen Firma eben jenen Streifen über das US-Gesundheitssystem auf DVD veröffentlichte.

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Die "Wasserkrise" in Flint ist Dreh- und Angelpunkt des Films.

(Foto: Midwestern Films LLC / Weltkino Filmverleih GmbH)

Über weite Strecken handelt Moores Film jedoch - zumindest vordergründig - gar nicht von Trump, dessen Entourage oder direkten politischen Gegnern. Der Regisseur arbeitet sich bei seinem Blick auf den Zustand der US-amerikanischen Gesellschaft an einzelnen Schlaglichtern ab: zum Beispiel den Lehrerstreiks, die Anfang des vergangenen Jahres in mehreren Bundesstaaten aufflammten, oder dem Schulmassaker von Parkland in Florida im Februar 2018, das zur Initialzündung für die "March for Our Lives"-Bewegung für strengere Waffengesetze in den USA wurde.

Insbesondere jedoch rückt Moore die "Wasserkrise" in den Fokus, die seine Heimatstadt Flint in Michigan seit 2014 in Atem hält. Nach einer Umstellung der Trinkwasserversorgung in der bitterarmen Stadt erkrankten viele Bewohner - das jetzt aus dem Flint River bezogene Wasser war durch Blei und gesundheitsschädliche Keime verunreinigt. Moore wirft dem damaligen republikanischen Gouverneur Rick Snyder und den Behörden vor, die Schädigung der Bevölkerung aus Profitgier bewusst in Kauf genommen und monatelang vertuscht zu haben. "Keine Terroristenorganisation hatte bisher einen Plan, wie man eine ganze amerikanische Stadt vergiftet. Dafür brauchte es die Republikaner von Michigan", lautet Moores polemische Conclusio.

Das große Ganze

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Moore fragt sich: "How the fuck did this happen?"

(Foto: Midwestern Films LLC / Weltkino Filmverleih GmbH)

Dass sich die "Wasserkrise" just in der Stadt ereignete, deren berühmtester Sohn er ist, mag ein Zufall sein. Dass Moore Flint zum Dreh- und Angelpunkt eines seiner Filme macht, ist es nicht. Schon Moores erster Streifen "Roger & Me" aus dem Jahr 1989 beschäftigte sich mit dem Niedergang der Stadt, nachdem die Automobilindustrie ihre einstmals dort ansässigen Werke weitgehend dicht gemacht hatte. Den Film "Fahrenheit 9/11", der die Terroranschläge des 11. September 2001 thematisierte und auf dessen Titel nun auch "Fahrenheit 11/9" anspielt, widmete Moore den Menschen aus Flint, die bei den Attentaten, im Irak oder in Afghanistan ums Leben kamen.

So weit, die Geschehnisse in seiner Geburtsstadt als Blaupause für das große Ganze herzunehmen, ging Moore allerdings bisher noch nicht. In "Fahrenheit 11/9" jedoch wird Flint zum Menetekel der Trump-Ära - der Herrschaft einer weißen Elite und Rassismus, dem Supremat ökonomischer Interessen über Menschenrechte und der Reichen über die Armen. "Das System war kaputt, deshalb nahm Trump sich vor, es noch mehr zu zerstören", lautet einer der Schlüsselsätze des Films.

Hitler redet, Trump spricht

Und ja, da ist er wieder, der große Polarisierer Michael Moore, der Donald Trump unumwunden mit Adolf Hitler und die aktuelle Lage in den USA mit der in Deutschland am Vorabend des Dritten Reichs vergleicht. Während Trump spricht, ist eine Rede Hitlers zu sehen. "Es ist keine Demokratie", schreibt Moore seinem Land ins Stammbuch und zeigt ihm die Alternative auf, diese erst noch zu vollenden oder in Despotismus abzugleiten.

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Seine Hoffnungen setzt Moore auf die nachwachsenden Generationen - wie die Studenten der Parkland-Highschool.

(Foto: Midwestern Films LLC / Weltkino Filmverleih GmbH)

Vertrauen in die regierenden Politiker, egal, ob Demokraten oder Republikaner, hat Moore dabei nicht mehr. Seine Hoffnung setzt er auf die nachwachsenden Generationen. "Und manchmal braucht es einen Donald Trump, damit wir aufwachen, begreifen und uns eingestehen, dass wir das verkommene System abschaffen müssen, das Trump hervorgebracht hat", schlussfolgert der Regisseur fast flehentlich.

Ob er damit Gehör findet, wird sich womöglich zeigen, wenn es um die Wiederwahl des US-Präsidenten geht. Die Rückmeldungen von den Kinokassen sprechen allerdings bereits jetzt eine andere Sprache. "Fahrenheit 11/9" ist bis dato einer der am wenigsten erfolgreichen Filme Moores in den USA. Hierzulande sollte sich davon jedoch niemand abschrecken lassen. Bei aller Moore-typischen Polemik - der Film ist absolut sehenswert.

"Fahrenheit 11/9" läuft ab sofort in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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