Kino

Tambrea und Niewöhner - schön "Narziss und Goldmund" in uns allen

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Goldmund und Narziss. treffen sich nach langen Jahren wieder.

(Foto: dpa)

Die Geschichte von "Narziss und Goldmund" von Hermann Hesse kennt jeder. Wer sie nicht kennt, kann sie sich jetzt im Kino (falls geöffnet) angucken, denn Regisseur Stefan Rusowitzky hat sie bildgewaltig und wunderschön erzählt und zu einem großartigen Film gemacht. Einem Film mit tollen Darstellern, allen voran Jannis Niewöhner in der Rolle des schönen, neugierigen und an den weltlichen Dingen überaus interessierten Goldmund, und mit Sabin Tambrea, der den "Narziss" auf die ihm eigene kluge, ruhige Art spielt. Beide Hauptdarsteller sprachen mit n-tv.de über den "Narziss" und den "Goldmund" in uns allen.

ntv.de: Narziss und Goldmund - beide Seiten haben wir in uns, oder?

Sabin Tambrea: Verstand und Herz ringen oft um den richtigen Weg, denke ich. Manchmal ist das tagesformabhängig, wo ich mich dann mehr zugehörig fühle.

Jannis Niewöhner: Man muss der eine sein, um den anderen zulassen zu können. Das wechselt sich ab, denn ich glaube, man will beides sein. Man fühlt sich mal mehr wie der eine und mal mehr wie der andere.

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Wieder ohne Tonsur - Sabin Tambrea.

(Foto: imago images/Future Image)

ST: Jannis ist für mich jedenfalls der perfekte Goldmund und ich bin sehr froh, dass meine Haare wieder an Ort und Stelle sind (lacht). So eine Tonsur ist dann doch nichts für mich, auch wenn ich absolut glücklich in meiner Rolle war.

Es ist ja nicht einfach, ein Buch zu verfilmen, bei dem jeder Mensch, der es gelesen hat, seine eigenen Bilder im Kopf hat, seit Jahrzehnten. Wie viel Hermann Hesse war in euch, bevor ihr angefangen habt zu drehen?

ST: Ich habe es erst zur Casting-Vorbereitung gelesen, kann aber sehr gut nachvollziehen, dass das Buch junge Leute, wenn sie es zum ersten Mal lesen, sehr tief berührt.

JN: Weil da Gedanken und Gefühlswelten geschildert werden, in denen sich jeder junge, aber auch ältere Mensch wiederfinden kann. Da werden einfach die großen Fragen gestellt und das führt zur großen Auseinandersetzung mit sich selbst. Man erlangt einen anderen Blick auf die Welt.

Ist es nicht erstaunlich, wie ähnlich wir Menschen von heute uns sind mit denen im Mittelalter und auch mit denen aus der Zeit, in der Hesse sein Buch geschrieben hat?

ST: Die charakterliche DNA des Menschen bleibt sich gleich schlecht. Oder gleich gut! Ob Mittelalter oder eine andere Zeit - wir sind auf der Suche nach dem Gleichgewicht. "Narziss und Goldmund" ist eine zeitlose Geschichte gültig für jedes Alter und für jedes Zeitalter.

JN: Ich finde es auch faszinierend, wie die äußeren Umstände sich so sehr verändern können und wie die Fragen, die man ans Leben hat, doch die gleichen bleiben.

Lieber lieben oder geliebt werden?

JN: Aus Goldmunds Sicht kann ich sagen, dass der total liebt. Der stürzt sich ja mit allem, was er hat, in jede neue Begegnung, in jede neue Liebe. Das verfällt natürlich, sobald er etwas Neues entdeckt. Ich denke grundsätzlich, dass lieben wichtiger ist als geliebt zu werden, weil es aus dir selbst kommt, und das ist, glaube ich, das Schönste.

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Jannis Niewöhner und Sabin Tambrea lieben lieber.

(Foto: dpa)

ST: Das ist wie schenken oder beschenkt werden - dem einen macht es mehr Freude, zu geben, dem anderen macht es mehr Freude, beschenkt zu werden. Solange niemand in seinen Gefühlen verletzt oder nicht wahrgenommen wird als eigenständige Person, ist es eigentlich egal. Am Ende muss dabei herauskommen, dass zwei Personen glücklich sind.

Dem Weltlichen zu entsagen, kann auch ganz attraktiv sein, finde ich, denn es kann mich nicht aus dem Takt bringen, es kann mich nicht verletzen.

ST: Einerseits ist es ein nachvollziehbarer Gedanke, andererseits gerät Narziss am Ende des Films an den Punkt, seine Entscheidung zur Entsagung in Zweifel zu ziehen. Ich denke, dass Verletzungen durchaus von positivem Nutzen sein können, sofern man daran wachsen will und nicht daran verbittert. Die Vorbereitung im Kloster - vom ersten Morgengebet bis zum Abendessen - war auf alle Fälle ein ganz toller Weg, dieser Art von Leben nahezukommen und den Alltag dort kennenzulernen.

Hat man nach einem Klosteraufenthalt mehr Verständnis für die Männer, die diese Lebensform gewählt haben?

JN: Ja, allein ein paar Tage in einem Kloster zu sein und nichts anderes zu haben, was einen ablenkt, gibt einem ansatzweise ein Verständnis dafür, was es heißt, sich diesen Weg auszusuchen. Völlige Zurückgezogenheit, Meditation und ganz klares Fokussieren auf den eigenen Glauben ist bewundernswert - und gleichzeitig habe ich aber doch gemerkt, dass ich mit meinem Leben sehr glücklich bin (lacht). Für mich war das Kloster ein Ort, der mich aufgeladen und mich ein bisschen zu mir geführt hat. Aber es wird nur ein Ausflug bleiben.

Kollege Koda Kidr Ramadhan hat gesagt, hier spielen die Besten der Besten mit.

ST: Ja, aber ich würde das nicht an den Namen oder dem Marktwert der Mitwirkenden festmachen wollen. Ich lasse mich sowieso gerne von allen Kollegen inspirieren und bin immer offen für neue Impulse. An diesem Set war es ein Feuerwerk von Persönlichkeiten, die aufeinandergetroffen sind. Es war ein Riesenspaß.

JN: Und mit unserem Regisseur Stefan Rusowitzky zusammenzuarbeiten war eine großartige Erfahrung. Mit absoluter Hingabe und der ständigen Auseinandersetzung darüber, was wir da erzählen, seiner Diskussionsbereitschaft und dem gemeinsamen Suchen nach dem, was der philosophische Kern der Geschichte ist, war es ein großartiges Arbeiten.

Wir leben gerade - mal wieder - in sehr anstrengenden, unsicheren Zeiten …

ST: Das Problem momentan ist, dass so etwas wie der Verstand oder Rationalität oder Fakten immer weniger eine Rolle spielen, weil sie unbequem sind. Die Menschen sind durch die ganze Informationsflut, die wir haben, faul geworden. Viele sind nicht mehr bereit, ins Leben zu investieren und eventuell ein Risiko dabei einzugehen. Dadurch lebt jeder in seinem Kosmos und das ist trotz aller Kommunikationsflut ein Zeitalter der unglaublichen Isolation.

Kommen wir da wieder raus?

ST: Man kann nur immer mal wieder darauf hindeuten, wo es schiefläuft, auch wenn man dann drei oder vier Follower verliert - man darf nicht zur Ruhe kommen und Missstände akzeptieren, so lange sie herrschen.

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Niewöhner mit den Ladys Emilia Schüle, Henriette Confurius und Jessica Schwarz.

(Foto: imago images/Future Image)

JN: Ich finde es manchmal wirklich schwer, das Riesenchaos zu überblicken. Man muss sich äußern, ja, aber ich frage mich auch, wie ich das tun soll, wenn ich doch gar nicht alles überblicken kann. Umso schöner ist es dann, sich äußern zu können durch das, was man macht - politisch oder gesellschaftlich. Durch einen Film wie unseren Denkanstöße zu geben ist toll. Auch der Film, den ich mit Christian Schwochow letztes Jahr gedreht habe, "J'e suis Karl", da wird man Teil einer Geschichte, die gute Absichten hat. Da glaube ich übrigens fest dran, dass Filme eine unfassbare Kraft haben können, wenn wir sie auf das Heute beziehen.

Und was ist mit dem Theater?

ST: Momentan kann ich mich mit der vorherrschenden Theaterlandschaft wenig identifizieren. Es ist eine Zeit des Umbruchs und es bleibt spannend, welche Wege das Theater in Zukunft finden wird, um auf diese Veränderungen zu reagieren und relevant zu bleiben.

Fehlen die Stücke, die Autoren oder der Mut?

ST: Kann ich gar nicht so konkret sagen. Ich habe zehn Jahre am BE (Berliner Ensemble, Anm.d.Red.) gespielt, wo wir versucht haben, den Autoren gerecht zu werden, ohne eine Modernisierung zu forcieren. Seitdem ich nicht mehr Theater spiele, hat sich eine große Entwicklung in der Gesellschaft vollzogen, gerade bei jüngeren Zuschauern, die durch die Medien und die sozialen Netzwerke gefüttert werden, bevor sie hungrig werden. Alles ist vorgekaut. Was nicht in eine 15-sekündige Insta-Story passt, scheint schon unbequem. Die Notwendigkeit zur selbstständigen Suche nach der eigenen Identität, nach eigenen Fragen und Antworten, auch im Theater, wird durch die vielen Eindrücke schon im Vorfeld betäubt. Vor lauter Finden gerät das Suchen in Vergessenheit.

Juckt es dann nicht manchmal in den Fingern, selbst etwas zu entwickeln?

JN: Ja, schon. Vor allem ist es eine Suche danach, sich in die unangenehmen Bereiche hineinzuwagen. Da wartet vielleicht die größte Erfüllung, weil man weiß, dass man es sich nicht zu einfach gemacht hat. Viel zu oft bewegen wir uns natürlich vollkommen systemkonform. Aber der Wunsch danach ist da.

"Narziss und Goldmund" ist doch mal wieder ein beflügelnder Film, bei dem man hofft, dass der eine oder andere auch nochmal zum Buch greift, oder?

ST: Das würde ein schönes Gleichgewicht herstellen. Ansonsten hoffe ich, dass ganze Familien generationenübergreifend ins Kino pilgern werden.

JN: Beflügelnd finde ich sehr schön! Ich hoffe, dass der eine oder die andere angespornt wird, anders auf manches zu schauen: Dass man unterhalten wird und dass man aber auch gleichzeitig Lust kriegt aufs eigene Leben.

Mit Sabin Tambrea und Jannis Niewöhner sprach Sabine Oelmann

"Narziss und Goldmund" läuft bereits im Kino

Quelle: ntv.de